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„Christus hat uns nie verlassen“

Christus war immer unter uns, Er hat uns nie verlassen!“

Die Erfahrung als Opfer einer Entführung ist einschneidend – hinterlässt tiefe Spuren an Leib und Seele. Zweieinhalb Jahre war Schwester Agnès Bordeau (81) von der Kongregation der „Schwestern der Vorsehung von La Pommeray“ in Haiti. Nach vielen Jahren als Missionarin in Mittelamerika, bekam sie ihre neue Destination. Sr. Agnès ist am 11. April in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince mit acht anderen Personen entführt und nach 20 Tagen Gefangenschaft unter härtesten Bedingungen freigelassen worden. Derartige Überfälle mit Geiselnahme und Lösegeldforderungen (im vorliegenden Fall 1 Mill. US-Dollar) gehören in Haiti zum Alltag. Am 1. Mai kamen Sr. Agnès und ihre Leidensgefährten/innen nach Interventionen der französischen und amerikanischen Diplomatie sowie der örtlichen Behörden, frei. Unverletzt aber stark geschwächt, ist seit dem 1. Mai im Mutterhaus ihrer Gemeinschaft in Port-au-Prince. „Ich kann wieder ruhig schlafen“, sagt sie im Interview und bezeugt – ohne viel Aufhebens und in bestechender Einfachheit – eine kraftvolle, pfingstliche Erfahrung. (wb)

Interview mit Sr. Agnès Bordau von Youna Rivallain (für La Croix)

_Schwester Agnès, Sie wurden am 30. April freigelassen. Was ist da konkret passiert?_
Sr. Agnès: Wir waren zu Zehnt in einem Auto, unterwegs zur Amtseinführung eines jungen Priesters in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince. An einer Straßensperre wurden wir angehalten. Junge, bewaffnete Männer, leiteten uns in eine Seitenstrasse und wollten dann haben, was wir hatten: Geld, Telefon, Schmuck. Man brachte uns dann in einen Wald, wir wussten nicht, wo wir waren. Wir wurden ‚gebeten’ auszusteigen, ein Teppich aus Kartons war für uns bereitgelegt. Die Schuhe wurden uns genommen und man gab uns drei Matratzen – für zehn Personen, mitten im Wald. Wir begriffen, dass wir hier wohl eine Weile bleiben würden.

_Wie haben Sie Ihre Gefangenschaft erlebt?_
Sr. Agnes: Wir haben dreimal den Ort gewechselt: der Wald, dann ein Hütte mit 2 Räumen und ein winzige, schäbige Ein-Zimmer-Absteige. Wir erfuhren nichts von der Außenwelt. Wir waren ständig von Bewaffneten bewacht. Mit der Zeit wuchs ein Vertrauen mit ihnen. Es sind junge Haitianer, die aus dem Gefängnis kommen, keine Arbeit finden und sich so einer Bande anschließen. Einer erzählte, dass er getauft ist, seine Erstkommunion hatte …und Ministrant gewesen war. Mit der Zeit gab es kleine Aufmerksamkeiten für uns, wir fanden morgens Mangos an unserer Tür, man grüßte freundlich … Sie teilten unsere Lebensbedingungen. Sie waren nicht gewalttätig, wir wurden respektiert. In meinem Herzen ist kein Hass auf sie. Ich bete, der Herr möge ihre Herzen öffnen, weil sie nicht wissen, was sie tun.

_Was hat sie aufrecht bleiben lassen?_
Sr. Agnes: Die Gruppe der Geiseln beschloss, sich ‚Bethaniengruppe‘ zu nennen, denn wie in Bethanien war Christus in unserer Mitte, unserem Elend, unserer Armut. Er hat uns nie verlassen! Wir hatten eine Bibel. Zuerst las jede/r für sich, später lasen wir gemeinsam, auf den Matratzen sitzend, haben wir die 150 Psalmen und das Johannesevangelium gehört.
Die Wachen waren Woodoo-Leute, sie fanden heraus, dass wir die Bibel hatten und nahmen sie uns für 2 Tage weg. Am Abend beteten wir den Rosenkranz im Dunkeln. An den letzten Abenden baten wir unsere Wachen um eine Kerze und Streichhölzer, und wir beteten bei einer brennender Kerze. Wir spürten die Kraft des Gebets, der Gegenwart Gottes unter uns. Es erinnerte mich an die Geburt des Herrn: Wie das Kind Jesus waren wir an einem elenden Ort, aber das Licht Gottes war da.

_Was hat diese Erfahrung mit Ihrem Glauben gemacht?_
Sr. Agnès: Zuerst fragte ich: Warum, Gott? Aber mir wurde klar, dass ich die Wahl hatte, diesen schmerzhaften Moment bewusst mit dem Herrn zu leben – oder ihn abzulehnen. Ich hatte zwar keine äußere Freiheit, aber ich hatte die Freiheit, zu lieben, sie in Gemeinschaft mit Christus zu leben, mit all den Gefangenen der ganzen Welt.
Ich habe mich entschieden, den gegenwärtigen Moment zu leben und ihn im Gebet anzubieten, damit dieses Land zu einem Leben in Würde findet. Es war eine starke spirituelle Erfahrung. Wir spürten eine innere Kraft, die nicht von uns kommen konnte. Es war die Kraft derer, die uns in ihren Gebeten trugen.

_Wie sind Sie diesem Land Haiti verbunden?_
Sr. Agnes: Vor zweieinhalb Jahren, nach 25 Jahren in Mittelamerika, bot mir meine Gemeinschaft an, auf Mission nach Haiti zu gehen. Mein ‚Ja‘ war formal, aber jetzt möchte ich es konsequent mit Leben erfüllen. Aber die Entführung hat mich körperlich geschwächt und ich habe das Gefühl, eine Unterbrechung zu brauche, eine Entscheidung zu treffen. Das wird bei uns aber gemeinschaftlich entschieden.
Ich liebe Haiti, das Land leidet, das Leiden hat sich eingewurzelt und scheint keine Lösung zu finden. Meine Aufgabe sehe ich darin, mit den Einwohnern zu sein, mit zu leiden, mit zu beten, um zu versuchen, ihre Würde wieder herzustellen. Es geht um ein endgültiges JA. Ich bin Missionarin mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Das bedeutet, ein Abenteuer zu leben – bis zum Ende.

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Das Interview wurde für La Croix von Youna Rivallain geführt und ist in der Online-Ausgabe vom 06.05.2021 erschienen. Übersetzung / Redaktion: Walter L. Buder. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von La Croix.
vgl. auch „Tiroler Sonntag“ vom 27. Mai 2021

„Christus war immer unter uns, Er hat uns nie verlassen“

Die Erfahrung als Opfer einer Entführung ist einschneidend – hinterlässt tiefe Spuren an Leib und Seele. Zweieinhalb Jahre war Schwester Agnès Bordeau (81) von der Kongregation der „Schwestern der Vorsehung von La Pommeray“ in Haiti. Nach vielen Jahren als Missionarin in Mittelamerika, bekam sie diese, ihre neue Destination. Sr. Agnès ist nun am 11. April in der Nähe der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince mit acht anderen Personen entführt und nach 20 Tagen Gefangenschaft unter härtesten Bedingungen, freigelassen worden. Derartige Überfälle sind meist mit Lösegeldforderungen (im vorliegenden Fall spricht man von 1 Mill. US-Dollar) verbunden und gehören in Haiti zum Alltag. Am 1. Mai kamen Sr. Agnès und ihre Leidensgefährten/innen nach Interventionen der französischen, kirchlich-haitianischen und amerikanischen Diplomatie sowie der örtlichen Behörden, frei. Unverletzt aber stark geschwächt, ist sie seit dem 1. Mai im Mutterhaus ihrer Gemeinschaft in Port-au-Prince. „Ich kann wieder ruhig schlafen“, sagt sie im Interview und bezeugt – ohne viel Aufhebens und legt – in bestechender Einfachheit- eine kraftvolle, pfingstliche Erfahrung. (wb)

Interview von Youna Rivallain (für La Croix)

_Schwester Agnès, Sie wurden am 30. April freigelassen. Was ist da konkret passiert?
Sr. Agnès: Wir waren zu Zehnt in einem Auto, unterwegs zur Amtseinführung eines jungen Priesters in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince. An einer Straßensperre wurden wir angehalten. Junge, bewaffnete Männer, leiteten uns in eine Seitenstrasse und wollten dann haben, was wir hatten: Geld, Telefon, Schmuck. Man brachte uns dann in einen Wald, wir wussten nicht, wo wir waren. Wir wurden ‚gebeten’ auszusteigen, ein Teppich aus Kartons war für uns bereitgelegt. Die Schuhe wurden uns genommen und man gab uns drei Matratzen – für zehn Personen, mitten im Wald. Wir begriffen, dass wir hier wohl eine Weile bleiben würden.

_Wie haben Sie Ihre Gefangenschaft erlebt?_
Sr. Agnes: Wir haben dreimal den Ort gewechselt: der Wald, dann ein Hütte mit 2 Räumen und ein winzige, schäbige Ein-Zimmer-Absteige. Wir erfuhren nichts von der Außenwelt. Wir waren ständig von Bewaffneten bewacht. Mit der Zeit wuchs ein Vertrauen mit ihnen. Es sind junge Haitianer, die aus dem Gefängnis kommen, keine Arbeit finden und sich so einer Bande anschließen. Einer erzählte, dass er getauft ist, seine Erstkommunion hatte …und Ministrant gewesen war. Mit der Zeit gab es kleine Aufmerksamkeiten für uns, wir fanden morgens Mangos an unserer Tür, man grüßte freundlich … Sie teilten unsere Lebensbedingungen. Sie waren nicht gewalttätig, wir wurden respektiert. In meinem Herzen ist kein Hass auf sie. Ich bete, der Herr möge ihre Herzen öffnen, weil sie nicht wissen, was sie tun.

_Was hat sie aufrecht bleiben lassen?
Sr. Agnes: Die Gruppe der Geiseln beschloss, sich ‚Bethaniengruppe‘ zu nennen, denn wie in Bethanien war Christus in unserer Mitte, unserem Elend, unserer Armut. Er hat uns nie verlassen! Wir hatten eine Bibel. Zuerst las jede/r für sich, später lasen wir gemeinsam, auf den Matratzen sitzend, haben wir die 150 Psalmen und das Johannesevangelium gehört.
Die Wachen waren Woodoo-Leute, sie fanden heraus, dass wir die Bibel hatten und nahmen sie uns für 2 Tage weg. Am Abend beteten wir den Rosenkranz im Dunkeln. An den letzten Abenden baten wir unsere Wachen um eine Kerze und Streichhölzer, und wir beteten bei einer brennender Kerze. Wir spürten die Kraft des Gebets, der Gegenwart Gottes unter uns. Es erinnerte mich an die Geburt des Herrn: Wie das Kind Jesus waren wir an einem elenden Ort, aber das Licht Gottes war da.

_Was hat diese Erfahrung mit Ihrem Glauben gemacht?
Sr. Agnès: Zuerst fragte ich: Warum, Gott? Aber mir wurde klar, dass ich die Wahl hatte, diesen schmerzhaften Moment bewusst mit dem Herrn zu leben – oder ihn abzulehnen. Ich hatte zwar keine äußere Freiheit, aber ich hatte die Freiheit, zu lieben, sie in Gemeinschaft mit Christus zu leben, mit all den Gefangenen der ganzen Welt.
Ich habe mich entschieden, den gegenwärtigen Moment zu leben und ihn im Gebet anzubieten, damit dieses Land zu einem Leben in Würde findet. Es war eine starke spirituelle Erfahrung. Wir spürten eine innere Kraft, die nicht von uns kommen konnte. Es war die Kraft derer, die uns in ihren Gebeten trugen.

_Wie sind Sie diesem Land – Haiti – verbunden?
Sr. Agnes: Vor zweieinhalb Jahren, nach 25 Jahren in Mittelamerika, bot mir meine Gemeinschaft an, auf Mission nach Haiti zu gehen. Mein ‚Ja‘ war formal, aber jetzt möchte ich es konsequent mit Leben erfüllen. Aber die Entführung hat mich körperlich geschwächt und ich habe das Gefühl, eine Unterbrechung zu brauche, eine Entscheidung zu treffen. Das wird bei uns aber gemeinschaftlich entschieden.
Ich liebe Haiti, das Land leidet, das Leiden hat sich eingewurzelt und scheint keine Lösung zu finden. Meine Aufgabe sehe ich darin, mit den Einwohnern zu sein, mit zu leiden, mit zu beten, um zu versuchen, ihre Würde wieder herzustellen. Es geht um ein endgültiges JA. Ich bin Missionarin mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Das bedeutet, ein Abenteuer zu leben – bis zum Ende.


– Das Interview wurde für La Croix von Youna Rivallain geführt und ist in der Online-Ausgabe vom 06.05.2021 erschienen. Übersetzung / Redaktion: Walter L. Buder. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von La Croix.

– Der Beitrag ist auch im TIROLER SONNTAG (Nr. 21 vom Mi 20.05.2021) und im MARTINUS (Kirchenzeitung für das Burgenland) erschienen.

Einladung zum „poetischen Nachtgebet“

Ganz herzlich laden wir ein zum POETISCHEN NACHTGEBET im Rahmen der „Langen Nacht der Kirchen“ in die Pfarrkirche St. Josef in Kennelbach. 

Das Motto: „Füllen wir die leeren Krüge…“ haben wir einem der schönen Kirchenfenster entliehen (siehe Foto). 

Das poetische Wort und feine Vokal-Musik finden den Weg zueinander, wo wir lauschend zur Brücke werden. In der besonderen Atmosphäre des Kirchenraums – besonders im abendlichen Licht – nimmt uns der Poet Walter L. Buder mit seinen Texten hinein in ein poetisches Nachtgebet. Das Vokal-Quartett „Stimmwerk“ legt seine Lieder als musikalische Antwort dazu. Wir freuen uns darauf gemeinsam Krüge zu füllen.

Wann: Freitag, 28. Mai 2021, 20 Uhr
Wo: Kennelbach, Pfarrkirche St. Josef

Lustenau: fensterpoesie# für’s volk

Die Einladung kam nicht aus heiterem Himmel sondern per Email, Mitte März 2021. Schick uns ein Gedicht zum Thema: Brücke. Dabei lernt man: Gedicht ist nicht gleich Gedicht. Da gibt es zum Beispiel das „Elfchen“ oder ein „Haiku“ oder ein „Akrostichon“. Das muss man nicht alles wissen und kennen, auch nicht wenn man Gedichte macht. Also gibt es Unterstützung, weil die Leute vom [literatur.ist] oder von: [_w*ort_]von denen kam die Einladung, das wissen.
Ich mag Haikus! Machte mich an die Arbeit und schickte ein paar Proben und – nach 14 Tagen – Halleluja! – mein Brücken-Haiku „hat schöne Bilder ausgelöst“ weswegen sich die Jury für die Publikation meiner Haiku-Winzigkeit auf einer Schaufensterscheibe entscheiden konnten.

alles gute wächst
unter all dein wünschen
auch in den nächten

Und das ist längst nicht alles: „Hochwertige Fotos ( Miro Kuzmanovic) der Gedichte-Schaufenster werden auf Postkarten gedruckt und als Postkartenbüchlein veröffentlicht.“ Wer jetzt von „zwei Fliegen auf einen Schlag“ fantasiert, ist zu früh dran. Denn – das ist echt selten – man bekommt sogar Geld für ein Haiku – das allein, gehört ins Buch der Rekorde! Und – wenn scho,denn scho’ – gleich auch das Kulturreferat der (und die) Marktgemeinde Lustenau – „ho bigottihi“ und Frau Hampson … und und und. Veronika Hofer kennt sie alle und hat aufgeschrieben, was aufgeschrieben gehört für die breitestmögliche Öffentlichkeit, die über vol.at erreichbar ist.
Inzwischen kann man wieder einschränkungsfrei an den Schaufenstern der Kaiser-Franz-Josef-Strasse und auf dem Blauen Platz flanieren und – sich poetisieren lassen. Gönnen Sie dieses Erlebnis –  noch bis Ende Mai ist Zeit!

Ob überhaupt und wenn ja, bei welcher der jungen Damen es sich um Sinem („WUI“ bzw. Neyla („Wildes Denken“) handelt, habe ich leider nicht herausbekommen. Foto: ©Veronika Hofer

Das alles schreibt und rät ein ziemlich dankbarer und ziemlich alter Poet, der sich bei der Begegnung mit seinem Haiku in einer Reihe und auf ‚Augenhöhe’ mit zwei Texten junger Poetinnen sehr wohl fühlte. (ich erkläre sie hiermit taxfrei und zu Stakeholdern des zukünftigen poetischen Universums): Sinem K. und Neyla R. von der VS Rheindorf.
Aber ehrlich: Die #fensterpoesie ist eine ziemlich geniale Idee – und so wie sie in Lustenau realisiert worden ist – erst Recht! Das ist und bleibt unbestreitbar – sogar wenn mein Haiku nicht dran gekommen wäre! Sinem’s und Neyla’s Gedichte allein – und die phänomenalen Zugaben aller der anderen Poetinnen und Poeten, die Lustenau – mit Erlaubnis des Bürgermeisters (!) hemmungslos ‚poetisieren‘ – sind es allemal wert! _

„Notre-Dame ist ein Teil von uns allen“

Am 15. April 2019 (!) stand die Kathedrale Notre-Dame in Paris in Flammen. Die Welt schaute zu als  d a s  Symbol Frankreichs zu großen Teilen ein Opfer der Flammen wurde. Anlässlich des 2. Jahrestages der Katastrophe einige persönliche Anmerkungen.

1
„Aller Augen waren auf die Kirchenspitze gerichtet. Was sie dort sahen, war etwas Ungeheuerliches. Auf der obersten Galerie, höher als die mittlere Rosette, loderte funkenstiebend eine mächtige Flamme zwischen den Türmen empor.“ – Was sich hier liest wie ein Augenzeugenbericht zum Ereignis von vor zwei Jahren (es war ein Montag, der Alarm ging um 18.18h bei der Feuerwehr ein) ist ein Zitat aus dem weltberühmten Klassiker „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo (1802-1885). Der Roman wird 1831 veröffentlicht. Jeder Franzose von Bildung – gleich welcher Weltanschauung (!) – kennt Hugo’s Meisterwerk. Die seherischen Qualitäten von Dichtern einmal dahingestellt, ist seine  Bemerkung am Schluss des Vorworts, dass die Kirche wohl bald von der Erde verschwunden sein wird, nicht uninteressant.
2
So schlimm ist es bis dato zwar nicht gekommen. Aber in den Revolutionen wurde sie massiv malträtiert und seit 1905 bestimmt der Laizismus das Verhältnis zwischen dem Staat und Religion, also auch der „ältesten Tochter der Kirche“ (Johannes Paul II.). Aus der frühen (5. Jhdt.) Basilika im Herzen der Stadt, auf der Ile de Cité, hatte sich unter ganz anderen Umständen zwischen 1163 und 1345 die Kathedrale Notre-Dame, wie wir sie heute kennen, entwickelt; und mit der Zeit ist auch ein Prozess der Symbol-Werdung zu erkennen, der – in Kunst, Kultur und Wissenschaft Ausdruck fand und bis heute weitergeht. Victor Hugo’s Liebesgeschichte um die schöne Esmeralda, den buckligen Glöckner Quasimodo und die schillernd-mächtig hintertriebene Figur des Frollo gibt dem Mythos in Gestalt seines Romans eine Form. Wie eine Brücke verbindet sein Werk die Quellen und ihr Wirken bis in die damalige und heutige Gegenwart. Jules Michelet (1798-1874), einer der großen Historiker des Hexagon, schreibt: „Ich wollte ja von Notre-Dame sprechen, aber jemand hat dieses Monument mit seiner Löwentatze markiert, sodass niemand es jemals riskieren wird, daran zu rühren (…) Er hat neben der alten Kathedrale eine aus Poesie erbaut, auf ebenso festem Fundament wie die alte, und so hoch wie deren Türme.“ (1) Der poetische Mythos, ahnt der Historiker, konkurrenziert nicht nur den historischen Gründungsmythos sondern er hat sich anscheinend auch durchgesetzt. Wer jemals in der Schlange auf dem Parvis stand, um ins Inneren der Kathedrale zu kommen, wird verstehen, wovon ich rede. Die unerhörte Attraktivität des gotischen Gotteshauses verdankt sich vielen Faktoren die zudem zusammenwirken müssen, um die 12 oder 13 Millionen Menschen, die sich jährlich anstellen, nach Paris zu bringen. 
3
Tatsächlich war es so, dass die ganze Welt und ganz Frankreich, der Faszination der brennenden Kathedrale erlag. Aus dem Schiff der Kirche „Zu Unserer Lieben Frau“ schlugen 90 Meter hohe Flammen; der abendliche Himmel über Paris erglühte, als der von Viollet-le-Duc (1860 dazu gebaute) Turm („flèche“, dt.: Pfeil oder Blitz, die Pariser sprachen vom „Zeigefinger Gottes“) über der Vierung einstürzte, dass die Funken – einer riesigen Insektenwolke gleich – gegen den dunklen Himmel aufstoben. Notre-Dame brennt! Die Bilder auf den Bildschirmen glänzten in den Köpfen und Herzen der Franzosen feuerrot, alles erzitterte und alle zitterten mit; Hände lagen gefaltet auf den Lippen, ein Schmerz, wie ein verstummtes, leibhaftig-universales „Touché“ legte sich über die Szenerie, über Paris, Frankreich und weite Teile der Welt. Ein Schrecken würgte die Herzen: Note-Dame brennt!
Das wunderbare Gotteshaus – Vorbild für die Dome der Ile-de-France – war schwerstens getroffen: Zwei Drittel des Kirchenschiffes, die Turmspitze über der Vierung zerstört, zahlreiche Kunstwerke, Glasfenster, liturgisches Mobiliar und Gegenstände und „Les ‚Mays‘“ – die großen Tafelbilder – alles (2) schwerstens beschädigt.
4
In der ersten Ansprache zur brennenden Kathedrale, sprach Präsident Emmanuel Macron von Notre-Dame als „cette part de nous“ – als „dieser Teil von uns“. Damit zielte und traf er das Herz der ‚Marianne’ (die personifizierte Republik) und wohl auch ihre zutiefst laizistische Seele und dort drinnen das Herz all jener, die – wie und warum auch immer – Notre-Dame als „die ihre“ erfühlten. Mögen Eiffelturm, Triumphbogen und sogar das schneeweiße Sacre-Coeur auf dem Montmartre – im Ranking der verkauften Briefbeschwerer-Souvenirs klar vor der nationalen Herzens-(Notre)-Dame liegen – einen Platz im oder wenigstens nahe am Herzen oder gar der Seele der Franzosen, bis dahin hat es keine einzige dieser Sehenswürdigkeiten; nicht einmal Chartres – die wunderschöne unter den zahlreichen schönen Notre-Dame’s – hat das geschafft. Sie alle sind und bleiben Wahrzeichen, doch Notre-Dame de Paris ist mehr als ein Wahrzeichen.

Eine Spur zur Antwort auf die Frage nach dem Warum und Wieso dieses geheimnisvollen MEHR, haben Jules Michelet und Victor Hugo – ein jeder auf seine Weise – gelegt. Die Spannung zwischen (historischer) Realität und (poetischer) Wirklichkeit, die sich beide EINE Wurzel teilen, halten den Zugang zu beiden Welten offen, sorgen für geistige Bewegung und weiten alle Verständnis-Konzepte. „Notre-Dame“ weil die _poetische_ Kathedrale – Schönheit, Anziehungskraft, Bedeutungswelten und Emotionen etc. – den französischen Seelen in besonderer Weise, in Wahrheit allerdings auch der ‚universalen Menschheitsseele‘ (wenn es erlaubt ist, so zu reden!) irgendwie) eingeschrieben ist. So vielleicht, wie es in Novalis‘ (1772 – 1801) frühromantischem – Gedicht heißt: „Ich sehe Dich in tausend Bildern…“ eine Hymne an eine poetisch entgrenzt-universale „Unser-Aller-Liebe-Frau“ … 
5
Jährlich wälzten sich 12-13 Millionen Besucher/innen durch das lichterfüllte Kirchenschiff der Kathedrale, unter dem jetzt in Arbeit befindlichen, gesicherten „Wald“, sprich: dem zur Gänze zerstörten Dachstuhl aus mittelalterlichen Eichenbalken, dessen Wiederaufbau (a l’identique, dt. Identisch, original, wie vorher) unter Einsatz aller verfügbaren holztechnischen Kompetenz und Ressourcen in den letzten Wochen begonnen hat. Hier,  zwischen den himmelstrebenden Säulen hatten die Revolutionäre von 1789 hier ihren „Tempel der Vernunft“ und Napoleon nutzte die mächtige Symbolik des Ortes, und krönte sich zum Kaiser. Geistesriesen wie Blaise Pascal (am 23. 11. 1654) oder Paul Claudel (am 25. 12.1886) erlebten hier erschütternde Gottes-Einsichten; feurige Predigten und erhebend-devote Marienhymnen durchstimmen diesen Raum voller Geist und beseelt von Kunst und ergreifender Schönheit – und, wie es sich gehört in der Zeit und der Welt, den Hässlichkeiten, wie sie sich in den Winkeln jeden Gotteshauses dieser Welt finden lassen. Aber: Es gibt – von der Kathedrale in Reims abgesehen, die Frankreichs Leiden unter dem Angriff der (deutschen) Feinde im Ersten Weltkrieg verkörperte – „kein anderes, religiöses Bauwerk, das die Geschichte und das Kulturerbe unseres Landes so verkörpern kann, wie Notre-Dame in Paris. Weit über das gotische Meisterwerk hinaus, „verkörpert Notre-Dame das Wesen Frankreichs und ist – auch und gerade in seinen Widersprüchen „eine unversiegbare Quelle der Inspiration“, schreibt Guy Boyer, Chefredakteur der Kunstzeitschrift „Conaissance des Arts“.

6
Wie steht es denn jetzt um die Kathedrale. Die Phase der Sicherung der Baustelle, dass überhaupt mit den Arbeiten aller Art begonnen werden kann, hat bis dato 165 Millionen Euro verschlungen und wird im kommenden Sommer beendet sein. Bis zu diesem Zeitpunkt wird die Installation der Holzkonstruktion –  die die Bögen des Schiffes stützen, weitergeführt.  fortgesetzt. Eine Art „Schirm“ wird auf der Höhe der Vierung (Transsept) errichtet, mit dem Zweck, das Eindringen von Wasser von aussen in die Kathedrale zu verhindern. Die Bauleitung prüft die Studien zur Diagnose der Situation und wird demnächst das Arbeitsprogramm finalisieren, den genauen Zeitplan und das Budget für die Restaurierung. Man denkt, den präsidialen Zeitvorgaben partiell entsprechend, 2024 eine „Eröffnung“ des Gotteshauses – aber dann sollen die Arbeiten zur Wiederherstellung aufgenommen werden. Wie La Croix weiter berichtet, startet die Pariser Stadtverwaltung in den kommenden Monaten eine Volksbefragung zum Ausbau der „‚île de la Cité“. Im Rahmen eines Architekturwettbewerbs, wird eine Jury diesen Sommer vier Teams auswählen. Eine erste Runde des Dialogs findet im Dezember statt, eine zweite im April 2022, bevor das Siegerprojekt im Sommer 2022 ausgewählt wird.

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Es gäbe da noch viel zu erzählen. Übers Geld wäre zu reden – in ein paar Tagen kam eine runde Milliarde Euro zusammen. Über die Könige, Krönungen, Musik, die Kunstwerke, die Spiritualität(en), die Ausdrucksweisen des Unglaubens und Glaubens, die Liebe zu Gott und dem Nächsten, über die Handwerkskunst, das wissenschaftlich-technische Vermögen, die sichtbaren und unsichtbaren Zeugnisse der Bestärkung und der Zuneigung, des Mutes und der Hingabe, stille Freuden, großartige Gesten und elendes Versagen. Man ist optimistisch in Paris, wenigstens die Eröffnung der Kathedrale ist für 2024 ins Auge gefasst – von „Fertigstellung“ spricht keiner mehr! „Eine Welt, die nur halb verschwunden war und dem Herzen (Frankreichs) noch weit entfernt lag …“, sagt der Schriftsteller François Sureau in einem Text, der „La Croix“am Tag nach dem Drama erreichte, „… ist dieses Herz, das Tag für Tag wiedergeboren wird, und es wird Aufgabe der Katholiken sein, es ihren Zeitgenossen großzügig zu öffnen“. Mit ein wenig „Zukunftsmusik“ im Sinn, geht es sich leichter in gewiss gar nicht leichte, kommende Zeiten, in denen ungeahnte Herausforderungen für Geist, Sinn und Verstand warten. Ergo: Es bleibt spannend in Paris! _

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Zum Foto (oben): © crash71100_ flickr.com

im übergang

und bleibt hier für jetzt
blüh‘ mein herz: nur keine angst
auch in den schatten
 
gnadegeborgen
die weggerollten steine
wo immer sie sind
 
künden beinah‘ stumm:
jetzt du! jetzt ist nur noch du
und: fürchte dich nicht
_
©wlb04042021

Kardinal Sako: „Religion kann nicht Grundlage eines modernen Staates sein“

 
Der Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche, Kardinal Louis Raphael I. Sako, traf sich am 12. August 2020 mit dem irakischen Premierminister Moustafa Al-Kadhimi zu einem Gespräch. Nach zahllosen Konflikten, religiöser und ethnischer Diskriminierung und dem verhängnisvollen Terror des IS haben besonders die Christen, aber auch andere religiöse Minderheiten schwer gelitten. Nach wie vor ist die Situation im Irak von politischer Unsicherheit geprägt. Noch ist das Vertrauen in den neu zu ordnenden Staat nicht gefestigt, die Traumata aus der Vergangenheit heilen nur langsam.

Louis Raphael I. Sako, der Kardinal von Bagdad, ist seit Jahrzehnten die Stimme der Christen und religiösen Minderheiten im Irak. Sein Engagement für Frieden und Versöhnung ist im Land selber und weit darüber hinaus akzeptiert. In seinem 45-minütigen Gespräch mit dem irakischer Premier Mustafa al-Kadhimi unterstützt der Patriarch dessen Vision von einem säkularen Staat und die Trennung von Religion und Politik.

Gleichzeitig ermutigt er die Christen im Land, sich „als Iraker/innen“ beim Aufbau der Gesellschaft einzubringen. Und das, obwohl weite Teile der muslimischen Bevölkerung noch nicht bereit sind, Christen überhaupt als Iraker/innen gelten zu lassen. Mit Hilfe von teils staatlicher, vor allem aber kirchlicher Unterstützung, sind fast die Hälfte der zu hunderttausenden Vertriebenen wieder zurückgekehrt. Es sollten aber noch Viele mehr kommen, nicht nur aus ökonomischen Gründen, denn das Christentum, so der Kardinal, sei im Irak tief verwurzelt und kulturell von hoher Bedeutung.    (WLB)

 
La Croix: Wie leben Christen heutzutage im Irak, wo immer noch Unsicherheit herrscht ?
 
Kardinal Sako:_ Christen fühlen sich im Irak nicht sicher. DAECH hat Kirchen und christliche Symbole zerstört, Christen wurden verjagt und beraubt … Die Wunden sind sehr tief. Obwohl aktiven Daesh-Mitglieder vertrieben oder tot sind, gibt es nach wie vor vielfältige Unterstützung. Das Gesicht hat sich verändert, aber die Ideologie ist geblieben.
Christen sind seit langem wegen ihrer Religion diskriminiert, die der Koran als „gefälschte“ Religion betrachtet. Infolgedessen werden wir an den Rand gedrängt. Die Aufklärung und Bildung der Bevölkerung erfordert große Anstrengungen der Regierung. Die Behörden sollten nicht nur positiv über Christen sprechen, sondern auch über Juden und andere Gläubige. Die Iraker müssen lernen, die Anderen wahrzunehmen und zu respektieren, so wie sie sind.
 
Der irakische Premierminister Mustafa Al-Kadhimi anlässlich eines Besuches im Weißen Haus im August 2020.
 

Sie haben Anfang August Premierminister Mustafa al-Kadhimi getroffen, welche Fragen haben Sie mit ihm erörtert?

 
Kardinal Sako: ich habe die Probleme des Irak angesprochen, in erster Linie als Iraker, der ich bin. Es gibt keine Rechtsstaatlichkeit hier. Wir haben daher über den Staat, die Gesetze, die Verfassung, aber auch die Verbreitung von Waffen, über Korruption im Land und die Wahlen gesprochen. Die Regierung muss die nationale oder die Polizei vor Ort zur Kontrolle in diesen Gebieten einsetzen.  Dann können Christen vielleicht auf eine bessere Zukunft hoffen. Wir haben auch die Situation im Libanon erörtert, wo viele irakische Christen – aber auch Muslime – in sehr prekären Umständen leben.
 
Welche Veränderungen könnten die Rückkehr eines Großteils der Christen aus der Diaspora in den Irak befördern?
 
Kardinal Sako .: Hoffentlich wird der Irak zu einem säkularen Staat. Der Premierminister will genau das! Er hat eine echte Vision und ist bereit, sich mit Geduld zu wappnen, um dieses Ziel zu erreichen. Ich bestärkte den Regierungschef, dass eine Religion nicht die Grundlage für einen modernen Staat sein kann. Ich bin der Überzeugung, dass Politik und Religion getrennt werden müssen. Wenn der Irak auf der Grundlage der Achtung der demokratischen Freiheiten ausreichend stabil ist, können wir erwarten, dass finanziell erfolgreiche irakische Christen, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, zurückkehren, und in irakische Unternehmen investieren.
 
Wie gehen Christen in diesem Land mit den vielfältig erlebten Traumata um?
 
Kardinal Sako: Trotz allem, was wir wegen unseres Glaubens erlitten haben, sind wir treu geblieben. Wir können uns auf eine starke Kirche stützen, die – im Gegensatz zur schwachen und schlecht organisierten Zivilgesellschaft – viele Initiativen setzt. Die Zukunft ist vielversprechend, besonders in der Ninive-Ebene. Der Premierminister war bei seinem letzten Besuch dort überrascht, den guten Zustand der wiederaufgebauten Dörfer zu sehen. Ich habe deutlich gemacht, dass wir den Wiederaufbau wegen der Kirche, nicht wegen des Staates, bewerkstelligen konnten. Auch in Bagdad werden wir dank unserer Präsenz im sozialen Leben und unserer guten Beziehungen zu muslimischen Behörden und politischen Führern respektiert.
 
Was können die verschiedenen christlichen Gemeinschaften im Irak für ihr Land tun?
 
Kardinal Saco: Die Christen müssen vor allem als irakische Staatsbürger zum Land beitragen. Es gilt für sie, in der Situation nicht gleichgültig zu bleiben oder darauf zu warten, alles zu erhalten. Sie fordern viel von der Kirche, aber ein Großteil von ihnen ergreift zu wenig Initiative – so kann es nicht funktionieren. Die Christen müssen die zur Verfügung stehenden Mittel als Bürger nutzen, sie sind in Regierungspositionen und können Maßnahmen setzen. Die Behörden ihrerseits sollten sicherstellen, dass das Gesetz fair angewendet wird.
 
Was erwarten Sie von den Christen im Westen ?
 
Kardinal Saco: Dass sie mitten unter uns präsent, dass sie mit uns sind. Das gibt uns Mut und Hoffnung. Wir brauchen qualifizierte Fachkräfte, um die Wirtschaft zu entwickeln. Der Westen sollte die Christen im Osten in keiner Weise im Stich lassen. Wir sind die Wurzeln des Christentums – wenn es seine Wurzeln vergisst, sind die Christen wie ein gefällter Baum.
 
Quellenangabe: Das Interview führte Jean-Baptiste Ghins für La Croix. Leicht redigierte Übersetzung aus dem Französischen von Walter L. Buder, publiziert mit freundlicher Erlaubnis der Chefredaktion von La Croix. 
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Zur Person: _Louis Raphael I. Kardinal Sako_ geb. 4. Juli 1948 in Zaxo, Irak; Studien in Rom und Paris (promoviert in Pastristik, Religionsgeschichte, Lizenziat in Islamwissenschaft); spricht neben Arabisch 12 Sprachen (darunter auch Deutsch); Priesterweihe 1974; Regens des chaldäischen Priesterseminars in Bagdad; 2003 Erzbischof von Kirkuk; seit 2103 Patriarch der Chaldäisch-katholischen Kirche (2013, ) und seit 2018 von Papst Franziskus ins Kardinalskollegium berufen. Für seine jahrelange Friedens- und Versöhnungsarbeit in Kirkuk, wurde ihm 2010 der Friedenspreis von Pax-Christi-International verliehen.  
 
Irak aktuell: Einwohner: 38,6 Millionen Einwohner / Fläche: 434.128 km² / Hauptstadt: Bagdad / föderale Republik mit parlamentarischem System / Staatspräsident: Badham Saleh / Ministerpräsident: Mustafa Al-Kadhimi.
 
Römisch-katholische Kirche im Irak: Man zählt heute ca. 300.000 Christen (vor 2003 zählte man ca. 800.000 Christen). Die Römisch-Katholische Kirche im Irak besteht aus Kirchen sowohl des Lateinischen als auch anderer Riten. Drei Viertel der irakischen Christen stellt die Chaldäisch-katholische Kirche. Sie verwendet eine dem Aramäischen, das zur Zeit Jesu Christi in Palästina gesprochen wurde, ähnliche Liturgiesprache. Es existieren auch syrisch-katholische, armenisch-katholische, griechisch-katholische und lateinische Gemeinschaften. Aktuell gibt es in Bagdad ca. sechzig Kirchen, von denen etwa die Hälfte katholisch ist. Die Klöster haben eigene, in dieser Zahl nicht berücksichtigte, Kirchen.

Der Anfang einer atomwaffenfreien Welt !

Am 22. Jänner 2021 tritt der UN-Atomwaffenverbotsvertag (AVV) in Kraft. Er wird bindendes, universelles Völkerrecht. 76 Jahre nach dem verbrecherischen Einsatz von „Little Boy“ (Hiroshima) und „Fat Man“ ( Nagasaki) am 6. bzw. 9. August 1945 und im 75. Jahr der Vereinten Nationen (UN), ist mit dem AVV ein historischer Meilenstein gesetzt. Die Möglichkeit einer von Atomwaffen befreiten Welt, hat an Wirklichkeit gewonnen und einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht.
 
Von Walter L. Buder.
 
Der Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) ist ein schönes Geburtstagsgeschenk für die Vereinten Nationen. Der Schweizer Präsident des „Internationalen Komitee vom Roten Kreuz“ (IKRK) Peter Maurer spricht von einem „Sieg für die Menschheit“. Das klingt auch gut, denn Siege wollen errungen sein, sie fallen einem nicht in den Schoß. Der UN-Generalsekretär, Antonio Guterres, sieht darin „eine Hommage an die Überlebenden von nuklearen Explosionen und Tests (…), von denen viele für diesen Vertrag eintraten“. Sind nicht auch wir „Überlebende“, wenn nicht gar Opfer des atomaren Irrsinns? Auch wenn wir nicht in der der Wüste Nevada (USA), auf Mururoa (Polynesien), in Semipalatinsk oder Lop-Nor (China) leben, teilen wir wohl oder übel die Strahlenbelastung, das Krebsrisiko, die Bedrohung durch die Möglichkeit der Selbstaulöschung?! 
Und wer sind jene, die für den AVV eingetreten sind? Wie auch immer: Das Inkrafttreten des AVV ist „der Höhepunkt einer weltweiten Bewegung, (…) ein bedeutendes Bekenntnis zur vollständigen Beseitigung von Atomwaffen“, meint Papst Franziskus. Übrigens eine Forderung, die er nicht müde wird zu wiederholen. Und man muss nicht katholisch sein um ihre Wirklichkeit und einleuchtende Wahrheit zu erkennen: „Das gemeinsame Schicksal der Menschheit erfordert eine Welt ohne Atomwaffen.“ 
 
Ein diplomatischer Erfolg Österreichs. Die Entfernung der Atomwaffen aus den nationalen Beständen wurden von der UNO bereits 1946 verlangt. Atomwaffen waren bis dato die einzigen Massenvernichtungswaffen, die keinem umfassenden Verbot unterlagen. Die Anfänge des AVV liegen Jahr 2010. Die Diplomatie und Außenpolitik des neutralen Österreichs, waren von Anfang an engagiert und führend im Projekt AVV. Die „österreichische Unterstützung war enorm“ erzählt der Politologe Thomas Roith- ner nicht ohne Respekt: „Österreichs Diplomaten ist wahrlich ein Erfolg gelungen“, als der Vertrag am 7. Juli 2017 von 122 Ländern angenommen worden ist. Am 24. Oktober 2020 hatte der notwendige 50. Staat (Hondu- ras) den AVV ratifiziert, womit dieser 90 Tage später in Kraft tritt – das ist der 22. Jänner 2021. 
Der Angelpunkt für die erfolgreiche Erreichung des Zieles bestand in der Einsicht, dass „niemand mit den Folgen eines Atomkrieges – humanitär, medizinisch, wirtschaftlich oder sozial – fertig werden wird“. Atomwaffen bedeuten das perfekte Selbstauslöschungsprogramm. Weil die Menschen das ahnend erfassen, findet das Projekt einer atom- waffenfreien Welt höchste Zustimmungsraten, weltweit. Diese „Brücke“ verbindet die Politik mit einer vielfältigen Friedens- und Abrüstungsbewegung, deren Wirksamkeit UN-Generalsekretär Guterres gut erkennt und respektiert. Die Hauptrolle spielt das 2007 ins Leben gerufene „globale Netzwerk für eine atomwaffenfreie Welt“ namens ICAN, das rund und 600 NGOs versammelt. Hand in Hand mit Politik und Diplomatie auf dem Weg und den Methoden der Gewaltfreiheit verpflichtet, konnte ICAN der Friedensbewegung ein Gesicht und einen Namen ge- geben. Autonom aktiv, über weltanschauliche Grenzen hinweg und auf vielene Ebenen in strategischer Klarheit für die Abschaffung atomarer Waffen agierend, wurde ihr 2017 der Friedensnobelpreis verliehen. 
 
Erst der Anfang. Das ist der Anfang“ sagen die ICAN- Leute, für sie ist der Tag des Inkrafttretens des AVV der Auftakt für die Weiterführung des Projektes. Ein guter Stand- punkt, weil realistisch: Denn die neun Atommächte – USA, Russland, China, Frankreich, Grossbritannien, Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea – weigern sich, ihre Arsenale zu verschrotten; ihre Verbündeten haben ebensowenig unterzeichnet, wie die NATO-Mitglieder unter den EU- Staaten. Auf deren atomaren Schutz wollte auch die neu- trale Schweiz nicht verzichten. Die Gegner des AVV sind stark geblieben. Aufrüstung, auch atomare, ist angesagt. Woher also kommt das Vertrauen in die Zukunft, die Energie zum neuerlichen Antreten, zum Weitermachen? Die Quelle ihres Vertrauens ist weniger der ‚Etappensieg‘ ihre Kraft schöpfen sie vielmehr aus der Dynamik seines Werdens: „Weil wir fast 600 Partnerorganisationen in über 100 Ländern haben, die diesen Vertrag mit seinen Regeln gegen die Atomwaffen vorantreiben“. Der Ruf: „Ächtet Atomwaffen“ hat durch die Kraft der gelungenen Übereinkunft eine neue Qualität gewonnen: Atomare Massenvernichtungswaffen sind verboten und: ein völkerrechtlicher Vertrag ist mehr als ein Symbol, genau- er: ein Symbol, das mit der Zeit Wirkung entfaltet und Denkweisen, Verhaltensmuster verändern kann. Der AVV ermöglicht ein demokratisches Forum für Abrüstung (Art. 8) mit regelmässigen Zusammenkünften und einem un- schätzbaren Gewinnpotential an Öffentlichkeit für eine atomwaffenfreie Welt. 
 
Und die Kirche? Die Kirche hat den AVV von Anfang an nachdrücklich unterstützt: „Wir dürfen niemals müde werden, daran zu arbeiten, die wichtigsten internationalen Rechtsinstrumente der nuklearen Abrüstung (…) zu unterstützen“, so Papst Franziskus. Übrigens gibt es viele inspirierende Beispiele für – bei weitem nicht nur katholische – Friedensstifter/innen: Dorothy Day, Thomas Merton, die Kings-Bay Plougshares 7 (sieh Randspalte) oder auch aus unserer Gegend: Franz Sieder, die Jesuiten P. Herwig Büchele und P. Raymund Schwager SJ sowie Viele, die Gott allein kennt. Alles in allem gäbe es gute Gründe, am 22. Jänner für ein paar Minuten wenigstens zu läuten, was das Zeug hält!_
 
ZUM TITELFOTO UND ZUR PFLUGSCHARBEWEGUNG:
Am 4. April 2018 sind die „Ploughshare7“ (siehe Foto) in die Atom-U-Boot-Basis in Kings Bay im US-Bundesstaat Georgia eingedrungen. Sie wurden bei ihrer Aktion verhaftet. Im Oktober 2019 schuldig gesprochen und wegen Verschwörung, Zerstörung von Staatseigentum angeklagt. Bis zum Prozess trugen sie elektronische Fußfesseln. Coronaverzögert kam es im Oktober 2020 zum gerichtlichen Urteilsspruch: Haftstrafen bis zu 33 Monaten, Bewährung auf drei Jahre und 33.500 US-Dollar pro-Kopf. In den 1980er j<ahren gegründet, ist Jesaja 2,2-4 (Schwerter zu Pflugscharen) programmatisch für ihre Aktionen mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit auf die tödliche Bedrohung durch Atomwaffen zu lenken. 
Die sieben Aktivisten/innen der Pflugschar-Bewegung: P. Steve Kelly (70), Elisabeth McAllister (79), Carmen Trotta (56), Clare Grady (60), Martha Hennessy (63) Mark Coleville (56), Patrick O’Neill (62). _
Veröffentlicht im Tiroler Sonntag, Nr. 8 vom 27.02.2021 – (=> Download PDF)
Links im Beitrag: (1) ICAN Austria; (2) Vertrag über das Verbot von Kernwaffen (PDF) 
Homepage der KBP/ – Kingsbayplowshares7 – Die Pflugscharbewegung (Schwerter zu Pflugscharen)
Bericht im Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 9 (2020) zur Kings Bay Aktion der KBP7 (=>Download PDF)

 

 

„Nur Schritt für Schritt gerade gehen…“

Der Priester Franz Reinisch im Alter von etwa 30 Jahren.

Eine Erinnerung an P. Franz Reinisch zu seinem Geburtstag am 1. Februar 1903

Sein Leben und Sterben sah Franz Reinisch im Dienst der gewaltfreien Liebe Gottes, wie er sie in der Gestalt Mariens, der Mutter Gottes, erkannt hatte. Eine Gedenknotiz zu seinem Geburtstag am 1. Februar 1903.

Reinisch ist der einzige Priester, der den Fahneneid auf Adolf Hitler verweigert hat. Vielen seiner katholischen Zeitgenossen war es kein Problem, „bei Gott“ zu schwören, dem Führer unbedingten Gehorsam zu leisten und sein Leben als Soldat einzusetzen. Seltsam unaufgeregt und in einer eigenartig friedfertigen Radikalität steht der junge Palottinerpater mit seiner Gewissens-entscheidung in einer Reihe mit dem seligen Franz Jagerstätter (1907-1943) oder dem Bregenzer Familienvater Ernst Volkmann (1902-1941).

Werdegang. Franz Reinischs Vater war Finanzbeamter und wurde oft versetzt. Die Familie, Franz hatte drei Geschwister, war deshalb schon viel auf Reisen. Er maturierte bei den Franziskanern in Hall im Tirol (1922), verliebte sich heftig, wendete sich kurz der Juristerei und – in Kiel – der Gerichtsmedizin zu. Dort fand er nach vierwöchigen Exerzitien zum Entschluss, Priester zu werden.
Auf drei Jahre Philosophie und Theologie in Brixen folgte 1928 die Priesterweihe in Innsbruck. Bis 1940 sieht man ihn als begeisterten Seelsorger, ganz in der marianischen Spiritualität der Schönstatt-Bewegung verwurzelt.

Augen des Glaubens. 1942 kam der Einberufungsbefehl zur Wehrmacht. Im April verweigerte er den Eid und das scheußliche Prozedere der NS-Diktatur endete mit dem Vollzug des Todesurteils am 21. August 1942 in Brandenburg/Havel. „Der Verurteilte“, schreibt Reinisch in seiner Schlusserklärung vom 25. Juli ans Reichskriegsgericht, „ist kein Revolutionär, d. h. Staats- und Volksfeind, der mit der Faust und Gewalt kämpft; er ist ein katholischer Priester, der die Waffen des Geistes und des Glaubens gebraucht. Und er weiß, wofür er kämpft! (…)“.
Dieses Wissen kommt aus Büchern Aber nicht nur – sondern auch aus der Welt- und Menschenerfahrung eines wachen, christlich geprägten Geistes, der die ‚Zeichen der Zeit mit Verstand und den „Augen des Glaubens“ zu lesen wusste.

Der unendliche Wert des Lebens. Während ihm böse Mächte und tödliche Gewalten die Tagesordnung diktieren, schreibt der Schönstatt-Apostel – den Tod vor Augen – die Grundlinien eines tagesaktuellen, weil ewigen Programmes in sein Tagebuch: Men- schenwürde und „innere Freiheit bis hin zur Freiheit der Kinder Gottes“; der unendliche Wert jedes Menschen; den Sinn und Wert des Leidens; das Wunder der Wandlung in der Hingabe; die Kraft der Liebe Gottes, die sich „sieghaft“ durchsetzen wird.
Vieles davon entdeckt er in der Gestalt Mariens, die ihm die Schönstatt-Bewegung er- schließt. So reinigt er seine Zelle „nicht weil Vorschrift, sondern freiwillig, aus Liebe, um ein Stücklein himmlischer Schönheit auf Erden zu haben: Meine Zelle – ein Symbol des Himmels“ inmitten der Faschismus-Pandemie dieser Jahre. Reinisch gibt nicht nur – nein: er ist ein gutes Zeichen für die Kraft von Menschen, die sich in Dienst nehmen lassen, von der bedingungslosen Liebe Gottes. Er stirbt im Alter von nur 39 Jahren unter dem Fallbeil. Am 28. Mai 2013 wurde sein Seligsprechungsprozess eröffnet. «

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Homepage zu P. Franz Reinisch
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Veröffentlicht im Tiroler Sonntag vom 28. Jänner 2021

Vgl. auch Kathpress vom 30. Jänner 2021
Vgl. auch Vorarlberger KirchenBlatt vom 21. August 2014
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Zum Titelfoto: 
Die Anzeige für P. Reinisch ist eine von 100 Tafeln, des Bregenzer Widerstandsmahnmals

Demonstrieren und Beten

Vielleicht sollten wir um Menschen wie Petrow beten?!
Auch wenn am 22. Jänner der UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) in Kraft tritt, bleibt die Bedrohung der atomaren Selbstausschlöschung der Menschheit gegenwärtig. Keiner der 9 Atomstaaten hat unterschrieben, sie wollen ihre nuklearen Tötungsinstrumente nicht verschrotten.
1983 hatte der Kalte Krieg Hochsaison. Mehr als 400 sowjetische Raketen des Typs SS-20 „Saber“ – Spitzname: „Schrecken Europas“ – waren auf Ziele wie London, Paris, Bonn gerichtet. Jede einzelne Rakete hatte eine Sprengkraft von bis zu einer Megatonne, das ist 50mal mehr als die 1945 verbrecherisch über Nagasaki abgeworfene US-Atombombe „Fat Man“.

Was geschehen wäre, wenn Petrow dem argwöhnischen Parteichef Juri Andropow den Anflug amerikanischer Raketen gemeldet hätte – die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen stand direkt bevor und drei Wochen vorher war eine südkoreanischen Boening 707 (mit 269 Passagieren) über der russischen Insel Sachalin abgeschossen worden –, das kann man sich an zwei Fingern ausrechnen.

Der alles vernichtende atomare Weltkrieg war so nah wie nie zuvor. Heute, nach 38 Jahren Abrüstung, lagern 13.400 Atomwaffen in den Arsenalen der Atommächte, einen Knopfdruck von der Selbstauslösung der Menschheit entfernt. Grund genug – vielleicht (?!) – sofort mit dem Beten beginnen – und mit dem Demonstrieren gegen diesen Wahnsinn auch! 

vgl. Kommentar im TIROLER SONNTAG, Nr. 3 vom 21.01.2021 (zum PDF)
Zum Beitrag: Der Mann, der 1983 die Welt rettete
©Klaus Paier via wikicommons

Der Mann, der 1983 die Welt rettete

Stanislaw J. Petrow (1939 – 2017), der Mann, der 1983 mit seiner Bedachtsamkeit und Entscheidungskraft, die Welt – aller Wahrscheinlichkeit nach – defitiv vor einem Atomkrieg gerettet hat. Das Foto zeigt ihn in der Küche seiner Wohnung in Frjasino am 03.07.2016.

Der „Kalte Krieg“ (1945-1989) kannte abgesehen von der Kuba-Krise 1962 kaum einen so gefährlichen Zeitpunkt wie im Herbst 1983. Die Courage und der gesunde Menschenverstand eines Einzelnen – Oberst Stanislaw J. Petrow – verhinderte damals einen versehentlichen Atomkrieg.

Am 26. September 1983 rettete Stanislaw J. Petrow die Welt vor einem atomaren 3. Weltkrieg – „aus Versehen“. Petrow war leitender Offizier in der Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung. Am besagten September kurz nach Mitternacht, meldete das System einen Angriff der USA mit nuklearen Interkontinentalraketen auf die damalige UdSSR („Union der sozialistischen Sowjetrepubliken“). Ab einem feindlichen Raketenstart hatte die sowjetische Führung 28 Minuten Zeit, um – unwiderruflich – über einen Gegenschlag zu entscheiden. Petrow blieb eine Viertelstunde für die Unterrichtung seines Vorgesetzten. Er entschied sich dafür, der Militärführung einen Fehlalarm zu melden.

Fehlalarm. Kurze Zeit später meldete das Computersystem eine zweite, dritte, vierte und fünfte abgefeuerte Rakete. Wiederum meldete Petrow einen Fehlalarm, da ein tatsächlicher Atomschlag seiner Ansicht nach mit deutlich mehr Raketen hätte stattfinden müssen. Dabei standen ihm keine anderen Daten zur Verfügung, um seine Einstufung im maßgeblichen Zeitraum überprüfen zu können. Das landgestützte sowjetische Radar konnte keine zusätzlichen Daten liefern, da dessen Reichweite zu gering war. Erst später wurde aus den Daten der Bodenradare klar, dass tatsächlich keine Raketen heranflogen.

Hintergrund. Bedenkt man den politischen Hintergrund der damaligen Zeit ist die Entscheidung Petrows umso bemerkenswerter. Denn im angespannten Herbst 1983 rechnete die sowjetische Führung mit einem Überraschungsangriff. Immerhin hatte Colin S. Gray, Vordenker der US-amerikanischen Regierung unter Präsident Ronald Reagan, 1982 angekündigt, die USA könnten mittels
eines atomaren Erstschlages „dem sowjetischen Huhn das Haupt abschlagen.“ Hätte Petrow die falschen Satellitendaten als atomaren Raketenangriff weitergeleitet, wären wohl die sowjetischen Interkontinentalraketen abgefeuert und ein Atomkrieg „aus Versehen“ ausgelöst worden.

Was war geschehen. Am Morgen des folgenden Tages stellte sich heraus, dass das satellitengestützte sowjetische Frühwarnsystem Sonnenreflexionen auf Wolken in der Nähe der „Malmstrom Air Force Base“ in Montana, wo die US-amerikanischen Interkontinentalraketen stationiert waren, als Raktetenstart fehlinterpretiert hatte.

Petrow wird berühmt. Eine ursprünglich für sein Handeln geplante Ordensverleihung blieb aus, denn als sich der Grund für die Fehleranfälligkeit des Systems herausgestellt hatte, zogen Vorgesetzte die Geheimhaltung vor, um ihr eigenes Gesicht zu wahren. Aus Gründen der militärischen Geheimhaltung und wegen politischer Spannungen wurde Petrows Verhalten erst in den 1990er Jahren publik.

© Foto (Petrow): commons.wikimedia
© wikicommons –  SS20 Saber – Boden-Boden-Rakete mit Atomsprengkopf
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– Quelle: Friedenskalender 2021 (Hg. Solidarwerkstatt, 4020 Linz, Waltherstraße. 15 – www.solidarwerkstatt.at) – Redaktion: Walter L. Buder
 -Veröffentlicht im TIROLER SONNTAG, Nr. 3, 21.01.2021, S.4. (hier: PDF)

Provozieren und heilen

Im Schatten der Bregenzer Sankt Gallus-Kirche steht das monumentale Kriegerdenkmal von Albert Bechtold (1885-1965) in einem spannungsvollen Dialog mit Georg Viths elegant-zarter Stele als Gedenkstation für den Glaubenszeugen Ernst Volkmann. Ein Grenzgang zwischen Kunst und Glauben von Walter L. Buder

An der Nordseite der Bregenzer Galluskirche stehen sich zwei Erinnerungswelten gegenüber, die – eine jede für sich und in ihrem Zu-, Gegen- und Miteinander – von der Dynamik der Sinn- und Glaubenswelten erzählen, in denen das Entscheiden und das Opfer(n) Hauptrollen spielen. Die Konfrontation mit dem Ensemble der Werke – an Ort und Stelle (!) – entfaltet offenbarende Kraft. 

Das erzwungene Opfer. Bechtolds Kriegerdenkmal aus dem Jahr 1931 ist eine dunkle, mächtige und of- fen begehbare Toten-Ehren-Festung. Alles an diesem eindrucksvollen bildhauerischen Werkkomplex spricht die Sprache des Opfers: Die vier massiven Vierkantsäulen tragen – in Metalltafeln eingegossen – hunderte Namen getöteter („gefallener“) und vermisster Soldaten beider Kriege; im Zentrum dominiert eine pathetisch hingekrümmte Männergestalt, die – im Fallen, Sterben (?) noch – mit der Linken ein Schwert fasst. Der „Gedenkkoloss“ signalisiert – nolens volens vielleicht – Macht und Masse, Blut und Boden und gibt dem unsichtbaren Geist des „erzwungenen“ Opfers Gestalt. Es wird so „immer schon“ eingefordert, von scheinbar absoluten Autoritäten – für „Gott, Kaiser und Vaterland“ oder für die Fiktion eines 1000-jährigen Reiches oder – in der aktuellen Konsequenz – für die atomare Selbstauslöschung. 

Ein spirituelles Investment.  Schlank, fast zierlich in ihrer provokanten Aufgerichtetheit, verkörpert die hellblaue Metall-Stele – den Hal- testellen der Bregenzer Öffis nachempfunden – die Erinnerung an das Leben und Sterben des Familienva- ters Ernst Volkmann (1902-1945). „Das Sujet der Bushaltestelle vermittelt gewohnten Alltag“, erläutert Georg Vith. Wo „normal“ der Fahrplan ist, steht die Biografie Volkmanns. Wohin die Reise dieses Einzelnen, des Nein-Sagers zu Hitler, des Kriegs-und Gewalt-Verweigerers aus christlichem Glaubensgrund, eines willentlich-entschiedenen Christus-Nachfolgers führte, berichtet das Faksimile der Sterbeurkunde auf der Rückseite der Stele. Das Wohnhaus, die St.-Gallus-Kirche und das Kriegerdenkmal im Horizont der regelmässig gegliederten Skyline der Bregenzer Oberstadt, bilden die Umgebung, geben den Kontext ab und aktualisieren eine Entscheidungssituation an der „Halte-Stele“, die auf diese Weise zu einer „Gedenk-Station“, einer Nachdenk-Stelle wird, die das Warten einschließt. Ist „Warten“ im Innersten und Wesentlichen nicht eigentlich ein anderer Name für das Opfer an LebensZEIT, eine Art spirituelles Investment am Übergang vom Müssen zum Können, bis am Horizont des Möglichen Unmögliches aufgeht – oder eben auch: umgekehrt ? 

Provozieren und heilen. Dass die Gesellschaft, der Staat von seinen Bürgern/innen Opfer einfordert, ist nicht mehr selbstverständlich wie ehedem. Ein Opfer an Lebens-Zeit darf nicht erzwungen sein. Das lernt man von der Aufklärung seit Kant an ihrem Anfang und mit Habermas an ihrem Ende; Anzeichen auf freies Denken und befreites Handeln (dem Glauben längst vertraut) sind auch im Schatten der Kirche möglich – aber realistisch? Das Leben schlägt oft tiefe Wunden. Sie wollen geheilt sein. Und ein Blick über den existentiellen Tellerrand hinaus, hinüber in die „Wolke der Zeugen“ (Hebräerbrief 12,1) bringt wahrscheinlich noch ganz andere Kaliber und Themen zu Tage. Beileibe nicht nur unter Gläubigen aller Art. Die künstlerische Aufbereitung existentieller Provokationen im Zu-Einander mit Ganzwerden und Heilung als Beitrag des Glaubens scheinen so oder anders unumgänglich. Simone Weil (1909-1943) formuliert die vollkommene Unausweichlichkeit der Aufgabe des letztendlichen Sterbenmüssens: „Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um. Wer nicht zum Schwert greift, kommt durch das Kreuz um.“ Die Kunst provoziert, genau wie der Glaube – und beide – wer es fassen kann, der fasse es – eine Art verborgenen Lebens, in dem Zustimmung und Widerspruch versöhnt aufleuchten … 

Der Beitrag ist entstanden auf Einladung von Mag. Wolfgang Ölz, Redakteur des KirchenBlattes, der die Serie „Mein Lieblingskunstwerk“ initiiert und betreut hat. Er wurde publiziert im Vorarlberger Kirchenblatt Nr. 3 vom 21. Jänner 2021 (PDF
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– Albert Bechtold – Eintrag auf Wikipedia
– Volkmann-Stele auf der Homepage von Georg Vith
 

Hilfe, andauernder Protest und Solidarität mit Menschen auf der Flucht

 „Manchmal stimmt einfach alles. Eine Ordensfrau auf der Stehleiter, ein großes Transparent auf einer alten Fassade – das perfekte Bild …“ schreibt Walter Hölbling im „Tiroler Sonntag“ (S. 2) vom 4. Februar 2021. „Und dann noch die Botschaft dazu. Ja, es ist notwendig, auf Missstände hinzuweisen. Gut, wenn es dort passiert, wo viele davon Notiz nehmen.“ 

2200 Pakete helfen in Kara Tepe + Proteste in Innsbruck und Klagenfurt + ‚Bluatschink‘ singt gegen Unrecht + für Menschlichkeit

1
Die „Spitzer-Challenge“ ist abgeschlossen, und die 2.200 Pakete für die 2.200 Kinder in Kara Tepe sind fertig gepackt. Einen besonderen Beitrag dazu haben die Jungbäuer_innen von Leutasch geleistet. Lies diesen Bericht auf der Website von we4moria.

2
Am vergangenen Sonntagmittag (18.04.2021) hat die we4moria-Aktionsgruppe zu einem Plenum auf den Theatervorplatz in Innsbruck geladen, „um das Projekt auf größere Beine bzw. breitere Schultern zu stellen“. 50 Leute sind gekommen, die vielfältigen Aufgaben, die sich daraus ergeben haben, sind auf fünf Arbeitsgruppen verteilt worden. Auch wer am Sonntag nicht dort war, kann sich noch beteiligen. Mehr Infos dazu auf der we4moria-Website.

3
Auch in anderen Städten finden kommendes Wochenende wieder Protestcamps statt, z.B. in Klagenfurt (s. Anhang) und – bereits zum 13. Mal – in Linz. Und natürlich gibt es die unermüdlichen, über ganz Tirol verteilten Initiativen, die Mahnwachen abhalten, auch dazu finden sich Infos bei we4moria.

4
Eine besondere Aktion findet am 01./02. Mai 2021 in Hall i. Tirol statt. Sr. Notburga Maringele hat im Altstadtpark ein Protestcamp organisiert, es wird in Zelten übernachtet, und an der Gestaltung des Samstagabends beteiligen sich „Bluatschink“ aus dem Lechtal.



Eine unendliche Geschichte …

… schreibt die österreichische türkis-schwarze Regierungspolitik gemeinsam mit der EU, auf dem Buckel von tausenden Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten …! BK Sebastian Kurz führt die dabei die Feder und die Österreicher/innen lesen von seiner Unmenschlichkeit in den Augen der „aus-gelagerten“ Mitmenschen …

Leserbrief von Caritasseelsorger Wilfried M. Blum in den VN vom 23. Jänner 2021

Die Situation der Menschen auf der Flucht, die im Lager KARA TEPE und auch in Lagern in Bosnien und anderen Orten auf dem Balken, in Kälte und Nässe dahinvegetieren, ist eine Schande für die europäischen Demokratien und für Österreich im Besonderen. Trotz allen Bittens und Betteln angesichts des Leides dort, ist Herr Kurz, der österreichische Bundeskanzler, im Verein mit den türkis-schwarzen Regierungsmehrheiten, nicht willens seine Umfragewerte durch die Aufnahme von ein paar Hundert Frauen, Kindern und Männern in unserem Land, zu gefährden. Die Vorwürfe an Hartherzigkeit und das Kopfschütteln über die Unverrückbarkeit seiner Blockade-Haltung wird zwar stärker – zeitigt allerdings keinerlei Veränderung …

 


An Bundeskanzler Sebastian Kurz

ist der der Leserbrief von Caritasseelsorger Wilfried M. Blum spricht vielen Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern aus dem Herzen. Die unverständliche Härte des Bundeskanzler ist Fragen von Flucht und Asyl, seine Blockade-Haltung ist demokratisch ebenso unverträglich wie mit Humanität und Menschenwürde. (wb)


An Landeshauptmann Mag. Markus Wallner

gerichtet und in dieselbe Kerbe schlagend, ist auch der Email-Brief von Dr. Michael Striebel (Bregenz) vom 21. Jänner 2021:

Sehr geehrter Herr Landeshauptmann, Mag. Wallner,

ich wollte Ihnen mitteilen, dass ich bei der vergangenen Bürgermeisterwahl in Bregenz wider besseres Wissen den SPÖ-Kandidaten gewählt habe.

Als einfacher Bürger sah kein anderes Mittel um der herzlosen Flüchtlingspolitik des BK Kurz etwas entgegenzusetzen. Ihren und Herrn Linharts einschlägigen Beteuerungen habe ich keinen Glauben geschenkt, weil denen keine Taten folgten.

Sollten Sie die Genfer Flüchtlingskonvention bzw. die einschlägigen europäischen Regelungen nicht mehr zeitgemäß finden, dann zetteln Sie eine öffentliche Diskussion darüber an, aber verstecken Sie sich nicht weiter hinter Ihrem allzu opportunistischen Parteivorsitzenden. Seine kurzsichtige Politik trifft auch die Ländle-ÖVP.

 – Mit freundlichen Grüßen, Michael Striebel


Kurz‘ andauernde Blockadehaltung wird vom Vorarlberger Landtag unterstützt

Zum konkreten, vorarlbergspezifischen Hintergrund der offenen, wie auch der Leserbriefe (es gibt noch viele andere von weltanschaulich verschiedenen Seiten), steht die von vielen Menschen in Vorarlberg kritisierte, ja großteils als unverständlich abgelehnte, Entscheidung des Vorarlberger Landtags, in der Ende Oktober 2020 die Aufnahme von Flüchtlingen – trotz 449 freier Plätze und zahlreicher, einsatzbereiter Helfer/innen – negativ entschieden wurde. Die abschlägige Behandlung wurde wie folgt kommuniziert: „Sollte sich die Haltung von Bundeskanzler Kurz ändern, könnten wir rasch ein Quartier aufstellen.“ (VN, 23.10.2020). Im selben Bericht heißt es auch: „Eine Landkarte zeigt: 449 Plätze in Vorarlberg stünden zur Verfügung.“

Es ist nur schwer erträglich, dass die Mehrheit des Vorarlberger Landtags die kurz’sche Humitätsblockade unterstützt. Die kritische und oft klar gegenteilige Haltung der Kirchen und Religionsgemeinschaften in Österreich wird von Seiten der politischen Eliten – wohl aus Motiven des Machterhalts – einfach übergangen. 

Einen der unzähligen offenen Briefe haben wir bereits am 9. April 2020 an das Bundeskanzleramt adressiert. Im Hintergrund stand der erste Lockdown und die von den Österreichern erbrachte Solidarität zur Abwehr der Pandemie hätte auch für ein paar Tausend arme Menschen auf der Flucht gereicht … _<

fürs neue jahr ’21

sind wir nicht wandernd
aus nähe gewoben und
wortloser sehnsucht
 
verkreuzt in die zeit
schmerzwunde lichtspur im all
niemals vergessen
 
gegen unendlich
ein verborgenes leben
wie stille im lärm
 
du aber: öffne
dein ohr dem blauen schweigen
am grashalm der tau 
 
tu auf, die lippen 
und atme, nur wenn du kannst
dein herz in den wind
_
© wlb_01012020

Rezension zu „dich“ (1)

Von Peter Niedermair auf Kultur-Online_3. April 2017

Walter Buders Lyrikband „dich“
Eine Kooperation zwischen Autor, Hecht Verlag, Saegenvier und Druckwerk Lustenau

Am 30. März wurde im Druckwerk Lustenau ein beachtenswertes Buchprojekt präsentiert. Es war nicht des Autors erste Lesung aus dem neuen Band mit Ge“dich“ten, doch es war eine ganz besondere, brachte sie doch alle Akteure und Akteurinnen an einen Tisch in der Hofsteigstraße 21, wo Druckwerk Obmann Pirmin Hagen und Chistine Katscher, die Werkstattleiterin, Mitte März bei der Generalversammlung des Vereins über das erste erfolgreiche Geschäftsjahr des Druckwerks berichteten. Im Laufe des ersten Jahres haben zahlreiche BesucherInnen die vielfältigen Angebote auf den historischen Druckmaschinen angenommen, Teile des alten Maschinenparks in Seminaren ausprobiert, dabei allerhand Erzeugnisse gedruckt, vom Plakat bis zur Visitenkarte. Im Rahmen eines solchen Workshop Projekts war auch Sigi Ramoser von Saegenvier Dornbirn mit seinem Team in der Werkstatt, wo unter anderem eine alte Idee, die zwischen Sigi Ramoser und dem Autor Walter Buder bestand, nämlich- „das wort. auf den tisch.“ S. 36 zu bringen – realisierte wurde. Eine, die in der vorderen Reihe in der Säge als kreative Powerfrau arbeitet, Monika Schnitzbauer, hat die Gedichte Buders gesetzt und in Kooperation mit Offsetdruck, Hecht Verlag und Druck,  und Siebdruck, Druckwerk Lustenau, ein eigenwilliges und eigenständiges Büchlein gestaltet. Der Umschlag im Siebdruck, siehe das Foto nebenan, macht jedes einzelne Exemplar der 1. Auflage zu einem Unikat.

Auf www.saegenvier.at gibt es im Hintergrund der Produktion dieses auffallend schönen Buches eine Fotodokumentation zu sehen, für die Leonie Ramoser verantwortlich zeichnet. Am Abend dieses 30. März konnte man in der Lustenauer Hofsteigstraße 21 den Verleger Kurt Hecht an einer alten Siebdruckmaschine stehend sagen hören, für ihn und Gertrud, seine Gattin, habe die Firmengeschichte mit Druckerzeugnissen im Jahr 1979 in der Garage des Wohnhauses in Hard vor genau einer solchen Maschine begonnen. Er strahlte dabei über das ganze Gesicht. Seit mittlerweile etlichen Jahrzehnten ist der Hecht Verlag in Hard am Bodensee der wichtigste Verleger neuerer Literatur in Vorarlberg. In diesem Haus sind unter anderem Bücher von Michael Köhlmeier, Kurt Bracharz, Wolfgang Hermann oder Lina Hofstätter erschienen. Wer den Verlag nach Pensionierung des Gründungsleiters weiter führen werde, sei derzeit nicht klar. Es wäre allemal schade darum, würden dort keine Bücher mehr verlegt, nun, da Bernd Schuchter mit seinem Limbus Verlag 2011 zurück nach Innsbruck gegangen ist. Es ist der Umsicht und dem kulturellen Weitblick im Lustenauer Rathaus zu danken, dass vor ein paar Jahren der Maschinenpark von Dornbirn nach Lustenau übernommen worden ist und in der ehemaligen Stickerei Gernot Grabhers eine ideale Bleibe gefunden hat. Grabher selbst ist im Druckwerk Lustenau sehr aktiv; das Haus öffnet sich auch für Theaterinszenierungen, wie wir das im letzten Jahr mit der Produktion von Brigitte Walks Stück über Jugendliche und Migration – „On the Road“ – erleben durften. Man will hoffen, dass weitere solche Buch-Kooperationen und ähnliche Projekte folgen werden. Die Möglichkeiten sind geschaffen. Es ist gut eingerichtet. 

Der Autor 

Walter Buder, Jahrgang 1948, hat als Fabriksarbeiter begonnen, eine kaufmännische Lehre absolviert und nach dem Besuch der Aufbaumittelschule katholische Theologie in Innsbruck und Lyon studiert; seit ca 1970 schreibt er Literatur, er ist Mitglied bei Literatur Vorarlberg, war in verschiedenen Funktionen in der Diözese Feldkirch tätig und mehrere Jahre bis zu seiner Pensionierung 2010 Chefredakteur beim Vorarlberger Kirchenblatt. In seinen weltoffenen und interreligiösen Prinzipien und Haltungen ist er auch sportlich als Friedensaktivist zuwege. Zu unserem Treffen beim Eingang zum Theater Kosmos in Bregenz zwei Tage vor der Buchpräsentation kommt er im Bikerdress, anschließend wolle man in die Berge. Doch er ist auch schon weiter geradelt, sozusagen „mit Weite beladen“, wie er in seinem jüngst publizierten Lyrikband „dich“ auf Seite 33 schreibt. Von Wien nach Jerusalem, „die Stadt der Städte“. Am 20. Mai 2009 erreichte Buder mit einer siebzehnköpfigen Gruppe von Radfahrern nach sechs Wochen und 3500 Kilometern das Damaskustor, früher Nablustor, an der Altstadt von Jerusalem. Nach dem Tor schieben die „Friedensradler“ ihre Räder durch den Souk, nur der in Damaskus ist ebenso vital, wenngleich ein bisschen anders, vorbei an den arabischen Geschäften, zum Österreichischen Hospiz, von dessen Dachterrasse man einen einzigartig schönen Rundblick über Jerusalem hat. Das Hospiz, an der Kreuzung von El Wad-ha Gai Str und der Via Dolorosa Str 37 gelegen, wurde in der Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie unter Kaiser Franz Joseph II erbaut. Der Kaiser führte bekanntlich den Titel und die Funktion eines Schutzherrn von Jerusalem. 

Die Texte

Die in „dich“ versammelte Lyrik ist nicht während eines kurzen Zeitraums entstanden; vielmehr über mehrere Jahre hinweg ist die Reduktion in diesen Texten, in durchgehender Kleinschreibung mit sehr sparsam verwendeter Interpunktion, als ein durchgängiges Prinzip gewachsen. Der erste Text auf Seite 7 „der anfang ist immer / ein wort nur eines“ beginnt mit einer Standortbestimmung des Autors und gleichzeitig Anspielung auf Johannes. Das Johannesevangelium beginnt nicht mit der Geburt und Kindheit oder Taufe Jesu, sondern als strophisches Lied (1,1-18 EU) mit einem Prolog: Im Anfang (ἀρχή) war das Wort (λόγος). Der Prolog weist einen starken sprachlichen Rhythmus auf, die Begriffe und die Form beziehen sich auf den ersten Schöpfungsbericht der Tora. Das sprachlich feinfühlige Lektorat von Klaus Gasperi hat den reflektierten Sprachgestus Walter Buders noch zusätzlich von Wortballast befreit und den Texten jene Leichtigkeit eingeschrieben, wie wir sie von jener ausdauernd krautigen mit fleischiger Zahnwurzel ausgestatteten Blume kennen, die in diesen Tagen die Wiesen zum Inbegriff des Frühlings machen. Gasperis Lektorieren unterstützt den Autorentext hin zu Reife und Leichtigkeit, schwebend wie die haarigen Flugschirme. Die Texte an sich sind in einer offenen Form, reimlos, mehr erzählend reflexiv denn lyrisch, gehalten: „… und schleife wörter über / weißes papier und / feile wortspäne tageslastig schwer gebrannte / lettern schatten // zeichen: die schreibtischlampe nicht für das licht / der welt zu halten und entdecken: die krone // der schöpfung ist immer / noch aus lehm: gebrannt / und brüchig“. 

An manchen Stellen verwendet er das aus dem Französischen herrührende lyrische Stilmittel des Enjambements, des Zeilensprungs, das er – wie auch andere Stilformen – experimentell als Verssprengung einsetzt, als Öffnung, als eine Überwindung und dennoch sich der Grenzen der Sprache bewusst werdend, als ein Weg ins Freie. Dieser sprachkritische Ton verweist in seinem Gestus an jene Idee Martin Bubers, ein österreichisch-israelischer jüdischer Religionsphilosoph, das alles wirkliche Leben Begegnung sei und wir erst „am Du zum Ich werden“. Manche poetischen Miniaturen, die weit mehr sind als komprimierte Skizzen von Begegnungen oder mikrokosmische Momentaufnahmen aus dem Alltag, lassen in „dich“ jene französisch-jüdische Philosophin und Mystikerin durchschimmern, mit der sich Walter Buder im Rahmen seiner theologischen Dissertation in Lyon beschäftigt hatte, mit Simone Weil. Simone Adolphine Weil, 1909 bis 1943, war eine französische Philosophin, Dozentin und Lehrerin sowie Sozialrevolutionärin jüdischer Abstammung. Sie war zunächst eine agnostisch orientierte Gewerkschafterin, kritisierte den Marxismus und entwickelte sich zu einer Mystikerin, die in ihrem Streben nach dem Absoluten Religion und Politik verband; sie kämpfte, wegen ihrer extremen Kurzsichtigkeit, nur kurz im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der republikanisch engagierten POUM, und war politisch und sozial stark engagiert. In „eine poetische skizze entlang der kontur von carl lampert (1894-1944) in fünf versuchen“ schreibt Walter Buder – neben allen grundsätzlich global angelegten Bezügen zu Simone Weil, auf Seite 62 unmittelbar am Beginn von V „so liest du im schweißtuch der geschichte. siehst das antlitz deines ewigbruders leuchten in den dunklen stunden ohne trost? in jenen sommerlichen tagen musikklänge rauschen vom nahen konzertgarten herein in meine zelle verschattet nur vom reinsten unglück. namenloser schmerz.“ 

Am Ende möchte ich noch auf den Buder’schen Gestus der Ironie, vor allem der Selbstironie, hinweisen. Hier gelingen ihm wunderbare innere Dialoge mit sich selbst, Selbstgespräche, so wie die jüdische Politologin Hannah Arendt in ihrer Vorlesung über Sokrates „Die Apologie der Pluralität“ u.a. schreibt, dass die aufgeworfenen Fragen offen bleiben und eine Pluralität von Meinungen sichtbar werden kann. In einer interessanten Gedankenfolge zeigt Arendt, dass die Pluralität der Meinungen auch in jedem einzelnen Menchen vorhanden ist. Jeder Mensch ist ständig in einem, oft auch kontroversen, Gespräch mit sich selbst.  Auf Seite 97 „nach endlos geschliffenen schleifen / gefeilt noch gedanken ein strich / ein vielleicht und doch noch kein ende, ende, der / . / rettet alles.“ klappt man das Büchlein zu, um es noch einmal in die Hand zu nehmen. Mein „dich“ ist vom vielen Lesen nicht „müde“ S. 55 doch „erfüllt, das herz“ geworden. 

 

Rezension zu „dich“ (2)

Von Andreas R. Batlogg SJ

Gedichte, beispielsweise von Ingeborg Bachmann oder Paul Celan, verweigern sich dem schnellen Zugriff und oberflächlichen Gebrauch. Gedichte von Hilde Domin, Nelly Sachs, Rose Ausländer oder Ilse Aichinger, um nur einige Namen der Großen Damen zu nennen, sind kirchlicherseits durch häufige, nicht selten kontextlose Verwendung zur liturgischen Gebrauchsware geworden. Eine Verzweckung, gegen die sich ein Gedicht, einmal in die Welt entlassen, nicht wehren kann: ausgequetscht wie eine Zitrone, missbraucht, weil zur liturgischen Behübschung verwendet.

In den „Stimmen der Zeit“ war in den letzten Jahren immer wieder einmal die Rubrik „Lyrik“ zu finden; auch um jüngere Autoren wie Ludwig Steinherr (2/2017, 2/2016) vor- zustellen, oder auf neue religiöse Lyrik, etwa von Andreas König (2/2016, 1/2015), hinzuweisen. Kann man Gedichte überhaupt rezensieren? Lesen kann man sie, sich ansprechen lassen. Aber Geltung erlangen sie nicht dadurch, dass sie gefallen oder nicht.

Walter L. Buder, Vorarlberger des Jahrgangs 1948, war Fabrikarbeiter, hat das Abitur nachgeholt, wurde in Theologie promoviert und arbeitete im kirchlichen Dienst. Seit den 1970er-Jahren ist er auch schriftstellerisch tätig. „du / hast mich zum reden gebracht // nun: höre“ (29): Buders Gedichte reflektieren oft ganz alltägliche Situationen, manche spitzen zu, andere überzeichnen oder parodieren, Religiöses oder Autobiografisches wird zart oder direkt angedeutet – man liest ein Gedicht nach dem anderen, neugierig auf das, was noch kommt.

Aus dem Rahmen fällt eine „poetische Skizze“ mit Briefauszügen eines Vorarlberger Priesters: dem im Jahr 2012 seliggesprochenen Märtyrer Carl Lampert (1894-1944), der in Sachsenhausen und Dachau interniert war, später in Stettin wirkte, dort einem Gestapo-Spitzel aufsaß und verhaftet wurde, bis er nach einem Schauprozess im November 1944 im Zuchthaus Roter Ochse in Halle an der Saale hingerichtet wurde.

„Ins Angesicht gesprochen – in die Hand gegeben“ ist das nicht eigens paginierte, drei Seiten umfassende Nachwort von Klaus Gasperi zum vorliegenden Band überschrieben, eine Art Mini-Laudatio mit Leseanleitung: „Der Autor dieses Gedichtbandes spielt und experimentiert mit Worten und er macht dabei klar: Es sind geborgte Worte. Immer geht diesen Worten eine Begegnung voraus. Diese Gedichte sprechen vom Ich, doch dieses Ich ist auf der Suche nach dem Du, es möchte einläuten ,die Zeit von Tür zu Tür‘. Damit dies gelingen kann, braucht es das Hören. Und das genaue Lesen. Und in allem Fremden bleibt immer noch das Hören auf Klang und Rhythmus, die hinwegtragen auch über Sperriges, Unverständliches und Irritierendes.“

„wir standen / am fenster zur welt // du gingst und ich blieb // du bliebst blind / ich erblindete“ (17): Ich verstehe Buders Gedichte als Anleitung zum Sehen, eine Art Schulung oder Einübung – in das tiefere Sehen, zum Schauen hinter die Dinge (trotz Nietzsches Denunziation der „Hinterweltler“), zum genauen, fragenden Blick. Walter L. Buders Lyrik macht nachdenklich, Unterhaltungslyrik ist sie nicht.

Andreas R. Batlogg SJ
„Stimmen der Zeit“ Nr. 11/2017, S. 391

Bibliografie:
Buder, Walter L.: dich. Hard: Hecht 2017. 102 S. Kt. 18,70.

wie-so-nacht, fröhliche

kleine antwort-frage-litanei zum 3. adventsonntag „gaudete“

 

_ wie gerät ein gott unter menschen
wie ein kamel an drei weise
wie die jungfrau zum kind
wie ein stern an den himmel
wie ein kind an drei könige

_wie eine frage an eine antwort
oder:

die nacht zum tag und 
_wie ein tag zum licht

vielleicht 
_wie ein tropfen auf einen heissen stein
_wie die kirche ins dorf

_wie das jetzt ans hier und
das bei ans nahe
das ten ans war
das haupt ans über

und
umgekehrt ist auch
gefahren. oder. doch 

_wie
geraten menschen an welten. und/oder
aneinander _wie geraten sie 
_wie zueinander

immer aber bleibt wie so
offen: _wie gerät ein mensch an
einen gott – oder was
oder eben: _wie 

_

© wlb_1995 (v01)

Zum Foto: Das abgebildete Hinweisschild „Wienacht“ findet sich an der Straße von Rheineck nach Thal/CH bei der Abzweigung zur Tobelstraße hinauf nach Wienacht-Tobel und weiter nach Grub. 

Meine Güte, der Nikolaus!

Ich kann mir nicht helfen, seit rund 68 gehöre ich zu seinen Anhängern. Bis dato habe ich meine Zuneigung im Stillen gepflegt. Aber heute habe ich dieses Gedicht (es sind drei Haiku) hervorgeholt, mir einen beinahbiologischen Bümmel geholt, ordentlich Butter drauf getan, die Milch in den Kaffee, ins Arbeitszimmer geswitcht, hingesetzt, die Finger auf die Tastatur (asdf-jklö, wie es uns das Fräulein Hohenwasser beigebracht hat) und hab‘ mich kurz erinnert. – Meine Güte, der Nikolaus! Ein Outing!

1_
Da war eine Masse von Schnee, sicher einen halben Meter hoch und ich stand auf einer umgekehrten Kiste hinter einem Stakketenzaun, gleich neben dem Eingangstürle zum Haus, wir im 1. Stock unsere Wohnung hatten. Im Erdgeschoss lebten Oma und Opa. Ich schaue mir zu, wie ich die Strasse, die Freudenau in Rankweil, in Richtung Holzplatz schaute. Angespannt, bisschen ungeduldig, ein wenig Angst und viel, viel als Erwartung getarnte Freude. Leichter Schneefall, aber dichter Flockentanz. Mein kleines Herz pocht im Hals. Von da oben soll er kommen, hat der Großpapa gesagt, mit einem Schlitten, von zwei Pferden gezogen, die Schellen hörst du von Weitem, hatte Großpapa gesagt: „Woascht – Walterle, der Klos isch‘ koan Kloos, des isch da Nikolaus“ er nimmt einen Lungenzug, die Spitze seiner „Dreier“ (filterlose Zigarette namens Austria3) glüht wie ein Würmchen und redet weiter, während der Zigarettenrauch aus Nase und Mund strömt: „… dr‘ Nikolaus isch an guata Ma, wischt, an Heiliga isch’es …“. 

2_
Und dann klingelten die Schellen vom Holzplatz her und das vom neuen Schnee auf der Straße gedämpfte Getrappel der Pferde. Der Schlitten glitt elegant, geräuschlos, als ob er flöge, dem wartenden Walterle entgegen. Die beiden Pferde, blondgemähnte Haflinger vielleicht, dampften in der Kälte des frühen Abends. Mir aber war warm ums Herz geworden. Im Schneegestöber sah ich einen großen Mann, aufrecht stehend im Schlitten, in seiner Linken hielt er einen wunderbar goldenen Stab, gerade so lang, wie er bis zur Spitze der eigenartigen Mütze, groß war. Ein Glitzerwunder, eine noch nie gesehene Kopfbedeckung, rotglänzend wie Seide und an ihren Rändern trug sie goldene Borten. Irgendwie, nach oben hin, war sie im oberen Teil dreikantig zugespitzt aber offen, sodass sich die dorthin verirrten, weissen Schneeflöccken auf den brokatenen Verzierungen halten konnten. Das Kopfding geht ja nicht einmal über die Ohren – meine Güte, der Nikolaus…

3_
Dieses Bild vom rot-goldenen, großen, weißbärtigen Mann ging mir durch und durch, erfasste das Kinderherz mit sanftestem Staunen und pflanzte die Empfindung von überströmender Güte und grenzenlos-freundlicher Zuneigung – und all das in einem bisher gänzlich unbekannten, namenlosen Gefühl, für das der kleine Mann in seiner Hingerissenheit, einfach keine Worte hatte. Ich bestand im Augenblick aus zwei geweiteten Augen und zwei viel zu kurzen Händen, die überhaupt nicht lange genug waren, um diese leuchtende Gestalt zu berühren; aus zwei mit hellstem Geklingel erfüllte Ohren, einem offenen Mund, aus dem der Atemnebel flog; und aus einer nie gekannten, tiefstillen Freude, die mich nach innen wäre, wie der Kachelofen in der Stube vom Opa.
In seiner Linken hielt der Heilige diesen Stab, der am oberen Ende wie ein offener Kreis gebogen war, aber auch an den Haken erinnerte, mit dem der Opa die Äste mit den reifen Äpfeln zu sich heranzog. Und mit seiner rechten Hand, tat er eine langsam, wie feierlich wiederkehrende Bewegung von oben nach unten und dann halb zurück und dann nach links und rechts. Und er sah mich an, Er meinte mich, da, hinter dem Zaun stehe ich – und fühle, wie sein Leuchten bei mir ist. 

4_
Der kleine Mann verstand nichts von alledem. Mit geweiteten Augen und ausgestreckten Armen aber, spürte er Bedeutsames, Ergreifendes, fühlte sich wie in einem guten Strom, der an ihm zog vorbeiwehte, ihn ein wenig mitzog, in den dunklen Abend hinein. Ein unnennbarer Hauch durchzog das Kind und ich war froh, die schwere Hand des Großvaters in meinem Rücken zu spüren. Von der müden Straßenlampe, deren Lichtkreis der Schlitten querte, fiel ein matter Schein durch die Flocken, folgte dem Schlitten und wärmte den Rücken von Knecht Rupprecht und seinem Sack, warf einen schalen Glanz auf das kohlschwarze Fell eines Gehörnten, der mühselig, bucklig, murrend und grummelnd, mit einer Eisenkette klirrte – aber gegen das helle Klangspiel der Schellen kam er nicht an. Das Straßenlicht erhellte dann noch kurz, wie gnädigerweise, die breite, schön fallende und mit silbernen Kordeln verzierte Kapuze im Rücken des Heiligen, bis es ganz oben ankam, dort, wo die Spitzen der so einprägsam eigenartig geschnittenen Kopfbedeckung des Heiligen den Himmel berührt hätten.

5_
Der aber war hinter der Schneeflockenwand mit dem nebeligen Dunkel verschmolzen und kaum zu sehen, doch in den Borten des dreieckigen Hutgebildes verfing sich ein Schein, ließ von den Borten kleine gelbe Blitze aufstrahlen und verlor sich dann im Dunkel, wie der Klang der Schellen darin aufging und der Schlitten mit dem Leuchtenden darin. Der hellwache, kleine Menschen hinter dem Zaun konnte noch zwei Gestalten sehen, sie standen auf einem schmalen Brett, hinten auf dem Schlitten, wo sie stehen mußten solange, bis der Heilige sich auf der samtbezogenen Sitzbank, wo Decken bereit lagen, die aber sicher nicht für die Beiden bestimmt waren … aber das, soviel war dem Kind im Vorübergang des Leuchtenden aufgegangen, vorgekommen und geschenkt worden – das wäre eine andere Geschichte …

6_
Ja, das ist jetzt an die 68 Jahre her, genauer: eine und eine halbe Ewigkeit – und heute, Leute, mache ich mein Outing als bedingungsloser Nikolausfreund, ich betone: Freund! Ich kann ihn nicht verehren, dann wäre es, als ob er tot wäre. Mit den Verehrern meines Freundes, hab‘ ich es nicht so … sie verfahren mit ihm, wie mit einem Toten – vielleicht weil sie nicht anders können, vielleicht aber auch, weil Tote sich nicht mehr wehren können gegen die Liebe, die sie ihm nachtragen. Aber soweit reicht die – naja, sagen wir lieber: meine – Liebe nicht. Sie bescheidet sich mit einer Art Treue zu ihm und zu mir selber. In dieser Art von Freundschaft, weiß ich mich behütet und bestärkt im Aufrechtbleiben, klar, so gut es geht. Wir beide, und die geneigten Leser/innen wohl auch, wissen, es gibt Kräfte, die uns niederknien oder gar niedermachen wollen – davon weiß mein alter Freund so manches Lied zu singen! Und so helfen wir uns gegenseitig, semper et ubique – wie damals auf der berühmten SMART-Zigaretten-Packung zu lesen war. Wie das geht? Keine Ahnung, ehrlich – aber es funktioniert schon an die 68 Jahre. In diesem Sinne … ein glänzend-fröhliches ‚Nikolaus-Santa Claus-Samichlaus-u.a.m‘- Memorial erster Klasse – mit am’a ghöriga Bümmel, eh klar! _

Eine Verlockung zum Tun in der Wahrheit

Wie die Dinge liegen, ist eines klar: Der Sündenbock-Mechanismus ist eine Art Superkleber, wenn es um den „Zusammenhalt“ (in) der Gesellschaft geht. Unsere Welt strotzt nur so von Gewalt – und wir sind so an sie gewöhnt (worden), dass wir uns – wie aufs Heftigste Verliebte – nicht vorstellen können, ohne sie zu leben. Die Verantwortung für die Opfer, die sie unaufhörlich fordert, laden wir ihm auf, verjagen ihm und haben dann eine Zeitlang Ruhe. Aber eben: Nicht ein für allemal – die Gewalt-Spirale dreht sich weiter …

Aber manchmal (wie in der vergangenen Woche in Wien) ist die Gesellschaft mit dem blindwütigen und bluten Irrsinn der Gewalt konfrontiert. Und – im Augenblick noch des Geschehnisses – kommt die Unterbrechung der Gewaltspirale ins Spiel: junge Leute holen einen  Polizisten aus dem Kugelhagel. Es scheint, als ob neben der gewaltsamen, tödlichen Spur sofort eine neue gelegt würde, eine die herausführt aus dem verblendeten Hassen: Die spontane Hilfe, der Reflex der Güte, der gesegneten Vernunft, der augenblicklich im Geschehnis aufblitzt, ist ebenso wirklich und wirksam wie die Gewalt, der sie momenthaft entgegenwirkt.

© Verlag Blanvalet

Und – o Wunder (?!) – als ob es einer Nachdenkpause, einen mehrstündigen Reflexionsphase bedürfte, scheint sich die Güte ihren Weg zu bahnen. Ein zwei Tage später liest man eigenartige Sätze und Gedanken, die allen Bildern und Wörtern zuwider laufen: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ hat Antoine Leiris geschrieben nach dem schrecklichen Töten im Pariser ‚Bataclan‘. Sein Buch war ausdrücklich als höchstpersönliches  ‚Echo“ auf den Tod seiner Frau zu lesen, seine Authentizität und die menschliche Tiefe – in der sein Zeugnis jede/n Leser/in) berührte –   hat nicht nur der Gewalt widersprochen sondern auch offen eingestanden, welche Kraft zum Leben aus der angenommenen. Trauer kommt.

Oder: „Legt die Waffen nieder…setz Dich her zu mir“ – sind Worte und Gedanken einer Frau, deren Schwester dem Attentäter zum Opfer fiel. Ihre Gedanken und Worte kommen aus einer tiefen Trauer, sie sind wie aus ihr heraus verwandelt und können sich so so, wie erlöst, dem todbringenden Hass entgegen stellen, die Gewaltspirale Brechen und dem Wunsch nach einem Leben friedlichem und verbindlichem Miteinander Ausdruck verleihen. Wer nach Verletzung und erlebtem Leiden  zu solchen Gedanken und Worten fähig ist – legt einer anderen Lebensweise, einem anderen, oft verborgenen Leben, die Spur.

Ich gebe zu, dass ich mit Vorliebe derartige Gedanken und Worte dieser Art sammle. Sie werden als Antwort, als Echo auf Gewalt in jeder Form auf der ganzen Welt zu jeder Zeit immer wieder ausgesprochen. Manchmal erreichen sie mich nicht aus tausend Gründen und manchmal erreichen Sie mich zu spät, um Tage, um Jahre, um Jahrzehnte. Niemals aber scheinen sie ins Leere gesagt. Ihr Echoraum ist die menschliche Sehnsucht nach einem Leben ohne Gewalt, das Leben selbst birgt  sie. Sie sind Belege und Beweise, dass gewaltfreies Denken und Handeln nach wie vor und trotz allem unter den Menschen in jeder Gesellschaft lebendig sind.

Wichtiger aber als die Worte und geschriebenen Bilder und Gedanken – sie sind nur die Boten, tragen sie durch die Zeiten – sind die ihnen zu Grunde liegenden Haltungen. Es ist kein Fehler, den Aussagen zu applaudieren und sie zu ‚liken‘ – damit sie aber im alltäglichen Getümmel der Gewaltsamkeit nicht unter- oder gar verlorengehen, braucht es das konkrete Engagement in der Tat, einer/es jeden von uns, die in diesem Geist und Sinn bereit ist: Der Gewalt in jeder Form zu widerstehen! In entscheidend verschärfter Form scheint das für jene Menschen Bedeutung zu haben, die ihr Leben in der Spur des Jesus von Nazareth nachgehen.

„Ich zögere nicht zu sagen, dass wir einen Kampf führen gegen diese Ideologie des Islamismus. Es ist ein weltweiter Kampf, und Muslime sind gleicherweise an ihm beteiligt. Jenen, die ihren muslimischen Glauben leben wollen, tut das wirklich weh. Vielleicht wäre es notwendig, dass noch mehr Muslime, in unserem Land und darüber hinaus, das mit Entschiedenheit sagen könnten. Die Gewalt ist in den Herzen aller Menschen, meines eingeschlossen. Auch Christen waren gewalttätig und haben ihren Glauben benutzt, um Herrschaft und Zerstörung zu rechtfertigen. Die Transformation, die Verwandlung der Gewalt ist eine Arbeit, die jede/r von uns bei sich selbst zu erledigen hat.“ (Es lohnt sich, das komplette Interview zu studieren). 

Das ist die Stimme von Erzbischof Eric Moulins-Beaufort, dem Präsidenten der französischen Bischofskonferenz, die sich im jahrtausendealten Chor der Gewaltfreiheit findet. Es ist eine der Stimmen der Zukunft, die sich auch in der Gegenwart – Hier und Heute (!) – zur Probe eingefunden haben. Der Gedanke gilt meiner Ansicht nach weit über die aktuelle Situation hinaus und wenn auch im gegenwärtigen Bezug der Islamismus angesprochen ist. 

Wie die Dinge liegen, sind diese drei Gedanken- und Wortspuren – nicht nur zum nachLESEN gedacht. Wir – die Gesellschaft er Gegenwart – müssen schnell lernen, solchen Tönen, den Klängen der Gewaltlosigkeit, einer profilierten Spiritualität und einer Art von gesegneter (nicht unbedingt getaufter!) Vernunft den Vorrang zu geben – in jedem Fall, zu jeder Zeit – vermutlich auch dann, wenn es weh tut. Das alles ist im Sinne der Inspiration zu verstehen – einem einladenden Impuls, einer Verlockung vielleicht und auch Verführung zum Tun in der Wahrheit._ 

„Wir wählen Menschlichkeit“

„Wir wählen Menschlichkeit“
 
Die Zustände in den Lagern für die Geflüchteten auf den griechischen Inseln sind bekannt. Immer mehr Menschen wollen diese Schande für Europa und auch für Österreich nicht mehr hinnehmen und (WIR) WÄHLEN MENSCHLICHKEIT (ONLINE Petition bis 29. 11.2020)
 
Gewissensfrage. Viele Gemeinden – auch in Vorarlberg – haben bereits lautstark ihre Solidarität bekundet und sind bereit Geflüchtete aufzunehmen. Das einzige Hindernis ist in der unverständlich starren Haltung von Bundeskanzler Kurz zu suchen. Er ging sogar weit zu sagen, „er könne die Aufnahme obdachloser Kinder aus Lesbos ‚nicht mit seinem Gewissen vereinbaren‘ (Zitat Brief, SOS Mitmensch vom 19.10.2020). 
 
„Wir wählen Menschlichkeit“ heißt die Aktion der Zivilgesellschaft, die vom 6. – 29. November anlässlich der Zustände in den Flüchtlingslagern möglichst viele Stimmen von Österreichern/innen sammeln möchte, zu einem lautstarken, demokratischen Plädoyer für Menschenrecht und Menschenwürde. Der Innsbrucker Bischof Glettler und Ex-EU-Kommissar Fischler werben im Tirol für die Aktion. 
 
Eine Wahlzelle für die Menschlichkeit wird es am 6. November (von 10 – 13 Uhr) in der Bregenzer Buchhandlung ARCHE bzw. im „Haus der Kirche“ geben. Johannes Heil und Walter L. Buder haben sich als Privatpersonen der Aktion angeschlossen und hoffen auf ein starkes Bregenzer Votum. Die abgegebenen Stimmen werden nach Abschluss der österreichweiten Aktion den zuständigen Politkern übergeben. „Wir haben Platz“ steht auf dem Wahlzettel. Würden die Flüchtlinge im Verhältnis der Einwohnerzahl auf die EU verteilt, entfielen auf ganz Österreich 2000 und auf Vorarlberg ca.50 (oder einige mehr) Geflüchtete. 
 
Achtung: Der Link zur  Onlinewahl ist seit 6. November freigeschaltet: www.mein.aufstehn.at/petitions/wir-wahlen-menschlichkeit 
Kurzinfo: Herzlich willkommen!
WIR WÄHLEN MENSCHLICHKEIT
Freitag, 6. November, 10 – 13 Uhr 
Ort: Buchhandlung ARCHE + Haus der Kirche 
Rathausstrasse 35, Bregenz 

Johannes Huber: Der holistische Mensch

 

Dieses Buch kann kann ein Leben verändern. Es ist ein gelungener Versuch, klar und deutlich zu beschreiben, dass die unser Denken und Handeln in  a l l e n  seinen Dimensionen bestimmenden Bilder, Ideen und Vorstellungen einer Revision bedürfen und – mehr noch – dass das nicht nur möglich, sondern auch geboten ist – besonders dann, wenn Glauben, Religion, Spiritualität im Spiel sind. 
Johannes Huber ist Arzt, Naturwissenschaftler und Theologe und seit Jahren als ‚Aufklärer‘ in den Grenzwelten zwischen Geistes- und Naturwissenschaft unterwegs. Er erzählt fachkundig, sachlich und spannend vom „holistischen Mensch(en)“ und zeichnet sein Welt- und Menschen-
Bild auf der Basis wissenschaftlicher Forschungsergebnisse: „Wir sind mehr als die Summe unserer Organe“. Irgendwie haben wir das immer schon geahnt, oder? Dass Geist, Seele und Körper, „ein komplexes System (darstellen), das mit anderen komplexen Systemen kommuniziert“, dass alles mit allem zusammenhängt, nichts verloren geht oder verschwindet, dass Anfang und Ende zusammen gehören, dass „der Glaube zwar nicht beweisbar ist, aber als vernünftig“ gelten kann und – „die Liebe unsterblich macht“ (331) – das alles und noch viel mehr lässt sich frei nach Huber von unseren Knochen, dem Hirn, Herz, der Haut, der Prostata und anderen Organen lernen und – darauf kommt es an (!) – mit der Lektüre dieses Buches auch genauer und besser verstehen, denn das ist das unaus-weichliche Lernziel des Menschen im Anthropozän.
Mit einer phänomenalen Betrachtung zur Liebe als der treibende Kraft im unendlichen Kosmos, schließt das Buch mit den (letzen) Worten von Kardinal König, dessen Sekretär Johannes Huber durch 10 Jahre gewesen ist: „Wie schön!“ – und lässt die Leser/innen voller Staunen und Verständnis, irgendwie verändert, zurück. Und das passt, wie selten! 
 
Zum Buch:
Johannes Huber, Der holistische Mensch. Wir sind mehr als die Summe unserer Organe. Verlag edition a. 335 Seiten, 24,90 Euro

Werden Sorgen Gesänge

In ihrem jüngsten Lyrikband „Gottesanbieterin“ kümmert sich Nora Gomringer Gretchenfragen, gibt poetische Antworten und deklariert sich als Christin. Ein Lesebericht von Walter L. Buder.
 
Das Buch kommt cool daher. Im silbern glänzenden Cover, sieht sich die Leserin, der Leser gespiegelt. Die äußere Form kokettiert mit dem Inhalt. Zara Teller hat das Buch gestaltet, ihre SW-Illustrationen (Grafiken, Fotos) kommunizieren mit den Texten. In fünf Kapiteln, sind auf 95 Seiten 49 Texte zu lesen und auf der beigelegten Audio-CD zu hören. Die Autorin liest persönlich – feine Sache!
 
© Verlag Volland-Quast

Gottesanb(i)eterin. Es war eine „Begegnung des Schweigens und Beobachtens“ mit einer Gottesanbeterin (mantis religiosa) aus der der grenzgeniale Titel erwuchs. Das zusätzliche, kleine „i“ ist offenbar Frucht einer Betrachtung, immer schon und noch immer Quelle der Kreativität und Inspiration. Auch „Fragen an ihren Glauben und die Vielgestaltigkeit von Religion“ also an „jenes geschmackverstärkende, mal verträgliche, mal unverträgliche, Glutamat des Seins“ kommen daher. Eine eher diesseitige, sinnliche Angelegenheit, Geschmacksfrage auch und bei der Verträglichkeit muss man aufpassen. Tja, das Glauben, Hoffen, Lieben – sind als Realität ‚embedded‘ – eingebettet in das Sein, und so kaum zu lösen voneinander. Das passt, gerade weil und wenn es theologisch ein bisschen wackelt und Luft nach allen Seiten gibt, that’s poetry, sozusagen … 

 
Die poetische Kraft und sprühende Energie der vielgestaltige Texte kommt aus dieser Quelle und der dichterischen Arbeit: Die Poetin schaut sehr genau und nimmt wahr, auf und an, was ist, was fehlt; sie holt heraus und zerrt ans Licht, stellt dar und klar, schreibt auf und ab, hält fest, macht klar und manchmal scharf -in jeder (!) Hinsicht – was ihr ins Auge springt und an die Nieren geht, was ihr aufgeht, in den Sinn kommt und auf dem Herzen liegt. In ihren Gedichten erscheine „das uns sonst so vertraute Leben bisweilen knochenfremd und urplötzlich aufkündbar“, schreibt der Gomringer-Fan und Schriftsteller Celemens Setz, der „ihren Texten attestiert, was man früher claritas (Klarheit), veritas (Wahrheit) und integritas (Reinheit, geistige Frische) nannte. Das trifft zu, ist gut gesagt. Aber auch den Wort- und Sprachwitz, den Humor und – ja! – den Charme der Zuneigung, das gibt dem Realismus dieser Poesie Weite, Offenheit und Tiefe. 
 
Das Outing als bekennende Christin – Applaus (95), das letzte Gedicht im Buch – ist nicht nur des Lesens, sondern auch einer Meditation würdig. Was hier gut ankommt, ist andernorts, bei anderen Leuten anders. Öffentlich bekannter Glaube, ist spaltverdächtig, angstbesetzt. Aber Gomringers christlicher Einstand ist stark, weil mannigfaltig, widerspenstig und so originell wie undogmatisch, dass jede (!) Vereinnahmung scheitert. Sie sagt dazu: „Ich muss mir meine Religiosität nach meinem Gewissen machen und nach dem, wer ich bin“ und personalisiert ihre Religionsdefinition. Dabei zwinkert sie als gut sozialisierte Katholiken (das sagt sie selber) freundlich und charmant dem Zeitgeist zu.
 
Das Angebot in der poetischen Auslage ist irgendwie allumfassend und wer Gott sucht, findet Spuren – zwischen den Zeilen und überhaupt im In-Zwischen von allem und jedem. Gedichte wie Spickzettel, hilfreich zur Einordnung irdischer Vorkommnisse wie von Tinder, Leid und Tod;  oder wie Kassiber, mit Zeichen von Engeln, einem leeren Grab und von „12 followern“; wie Protokolle von urewigen Ritualen, vergessener Menschlichkeit. In Ministantenkutten hängt der Weihrauch und im blauen Mantel der Gottesmutter wohnen Seelen, und „Man sieht’s“ (80), der „Fremde am Holzkreuz“ verwandelt sich in einen „Kummerkasten aus Holz mit Schlitz / Gut, dass hier alles gewandelt wird. / Werden Sorgen Gesänge./ – Also: „Vorsicht! Nora Gomringer könnte Sie amüsieren, irritieren, aus berechtigten Gründen zum Weinen bringen! Ist alles schon vorgekommen …“. 
 
Bibliographie:
Nora Gomringer, Gottesanbieterin. Verlag Voland & Quist. Berlin, Dresden und Leipzig 2020. Dem Buch ist eine CD beigegeben auf der die Autorin ihre Gedichte liest. ISBN 978-3-86391-250-5.

koordinaten zum gebhardsberg

aus dem himmel gerissen 
und hoch über dem tal auf
felsen gesetzt / im menschenwerk

zwischen den zeiten
die lebendige ruah / herzüberschattet
gibt hart / nur knapp am
rand der bläue / ein leben
und stirbt dem anderen
 
du aber: öffne
dein ohr dem blauen schweigen
am grashalm der tau 
 
und nur wenn du kannst:
öffne die lippen / atme 
dein herz in den wind
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© wlb (08/2020)
Info zum Hl. Gebhard und zum Bregenzer Gebhardsberg

Eine Erzbischöfin für Lyon ?

Eine Frau – nämlich Madame Anne Soupa – hat sich als Kandidatin für die Besetzung des vakanten Bischofsitzes in der Erzdiözese Lyon vorgeschlagen. Ein origineller und kraftvoller Akt des Protestes, ein symbolischer Vorstoß, diesmal aus der französischen Kirche, in Sachen ‚Frau in der Kirche‘. Von Walter L. Buder.
 
Ein origineller Ansatz – Die 73-jährige Juristin und Theologin Anne Soupa ist eine renommierte Bibelwissenschaftlerin, hat rund ein Dutzend Bücher veröffentlicht, arbeitet als Journalistin und steht seit Jahrzehnten sie in der ersten Reihe kirchlicher Aktivistinnen, die sich fair, gewaltfrei und mit unerschütterlicher Geduld, für die Stärkung der Rolle der Frauen in der katholischen Kirche einsetzen. Die standfeste Katholikin ist Mitbegründerin der „Katholischen Konferenz französischsprachiger Getaufter“ (CCBF) und landete mit ihrer Bewerbung um den Lyoner Bischofsitz einen kommunikativen „Coup“. Während man rechts der kirchlichen Mitte  eher schockiert bis gehässig reagierte, klang es aus der vernünftigen Mitte so: “… es hat mich nicht erschreckt, im Gegenteil: Ich mußte lächeln und dachte, was für ein origineller Ansatz!“ so der der belgische Jesuit und Soziologe Charles Delhez SJ. 
 
Die Kathedrale St.Jean in (Vieux) Lyon. Ihre Grundmauern gehen zurück bis ins 2. Jahrhundert.

Post für den Nuntius – Am 25. Mai 2020 bekommt die päpstliche Nuntiatur in Paris Post von der Vorsitzenden des „Comité de la jupe“ (Komitee der Röcke) bekommen. Soupa hatte es mit anderen Frauen 2008 ins Leben gerufen als ‚Antwort‘ auf einen Sager des Pariser Karindal-Erzbischofs André Vingt-Trois, der im RCF (christliches Radio) verlautet hatte: „Das Schwierigste ist, ausgebildete Frauen zu haben. Entscheidend ist nicht der Rock, sondern dass man etwas im Kopf hat.“ Das könnte er jetzt in Anne Soupas Bewerbungsbrief (1) an den Nuntius, in dem sie neben Lebenslauf und Qualifikationsnachweisen ausführlich ihren Wunsch darlegt und in der Sache begründete, in Zukunft die Erdiözese Lyon zu leiten.

 
Das Unmögliche ermöglichen – Im ersten Satz der Bewerbungserklärung stellt sie fest, dass im Jahr 2020 in der katholischen Kirche „keine Diözese von einer Frau geleitet werde, keine Frau Priesterin sei, es keine Diakonin gebe und bei synodalen Entscheidungen habe die Frau keine Stimme“. Doch Anne Soupa ist realistisch:_„Ich weiss, dass das nicht durchgehen wird – aber ich möchte die Vorstellung ermöglichen, dass eine Frau Erzbischof wird – ohne dass es als Witz ankommt“ _. Die Autorin von rund einem Dutzend Büchern, hofft mit ihrem Vorstoß auch _“die Art und Weise zu bekämpfen, wie Frauen in der katholischen Kirche unsichtbar bleiben“_. Wie die Dinge liegen, scheint das Unmögliche zu fordern, wohl ein guter Weg, das Mögliche wirklich werden zu lassen.
Der Hl. Pothinus (ca. 150 – 177) gilt als erster Bischof von Lyon.

Bewusstsein wecken und schärfen – Die Erzdiözese Lyon ist einer der bedeutendsten Bischofsitze in Frankreich, normalerweise von einem Kardinal geleitet, aber seit dem Rücktritt von Kardinal Barbarin im März vakant. Der 69-jährige Erzbischof wurde letztes Jahr verurteilt, weil er den französischen Behörden einen pädophilen Priester nicht gemeldet hatte. Zwar ist das Urteil im Januar aufgehoben worden, doch das Vertrauen in die Kirchenleitung ging verloren und Papst Franziskus erlaubte ihm den Rücktritt.

Ihre Kandidatur, erklärte Anne Soupa, sei nicht durch diesen „Lyoner Kontext“ motiviert. Sie nennt tiefere Gründe: „Ich sehe, dass wir weiter machen wie bisher, man folgt denselben Handlungsmodellen“. Die Theologin kritisiert die Art und Weise der Bischofsernennungen als _“intellektuelle Trägheit“_ und weil der Papst _“uns dazu einlädt, ist es angebracht, den Leitungsdienst von der Ordination zu trennen“ sagt sie, „möchte ich das Bewusstsein wecken und schärfen“_.
 
Mit Fug und Recht Bischöfin – Seit 35 Jahren ist Anne Soupa in verschiedenen Rollen und Aufgaben in der Kirche engagiert, ihre Kompetenzen sind erwiesen und trotz zahlreicher interner Probleme sei sie _“nie in Versuchung gewesen, die Kirche zu verlassen“_. So sieht sie sich in allem _“berechtigt, zu sagen, dass ich in der Lage bin, mich um den Bischofstitel zu bewerben. Alles legitimiert mich, aber alles verbietet es mir auch.“Der hauptsächliche Grund für dieses Dilemma liegt darin, “weil ich eine Frau bin…“_. Mit ihrer Initiative, möchte sie _alle_ Katholiken anzusprechen, nur die Praktizierenden. Mit dem Nuntius, Erzbischof Celestino Migliore, würde sie sich _“mit Vergnügen“_ treffen und ihm ihre Kandidatur persönlich erklären, wenn nötig. _“Du hast wirklich Nerven, das zu tun“ sagt man mir! Aber dann frage ich nach und hoffe, dass sie sich am Ende sagen: ‚Eine Frau als Chefin einer Diözese, warum eigentlich nicht?“
 
Ein kleiner Stein im Schuh des Petrus – Von offizieller Seite der Erzdiözese wird darauf hingewiesen, dass die Ernennung des nächsten Erzbischofs ausschließlich vom Papst abhängt. Man betont gleichzeitig, den „symbolischen“ Charakter der Initiative von Madame Soupa, die Frauen in der Kirche zu fördern, nicht abzulehnen. Die Erzdiözese verweist auf Véronique Bouscayrol, die seit November 2018 im Finanzvorstand faktisch als „Nummer zwei“ fungiere. Trotzdem bleibt, dass die Frage nach der Ordination der Frau für die Kirche – das Volk Gottes unterwegs in Gottes Zukunft – wie ein kleiner Stein im Schuh wirkt: Man merkt ihn erst, wenn man sich bewegt! 
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Quellen: Titelfoto © Anne Soupa (Facebook)
(1) [https://www.pourannesoupa.fr] – Einiges in Deutsch auf: [https://www.we-are-church.org]
 

Dem Frieden übers Ohr begegnen

Ein kulturelles Kleinod am Bodenseeufer – in Lindau-Bad Schachen gelegen – sind die friedens räume in der Villa Lindenhof. Sie ist umgeben von einer englischen Gartenanlage aus dem 19. Jahrhundert, hat freien und direkten Zugang zum Seeufer und unerhört schöne, alte Bäume spenden an heissen Sommertagen wunderbaren Schatten. Ein kleiner Bericht über eine sinnliche und sinnreiche Friedens-Begegnung in den Lindauer ‚friedens räumen‘.
Von Walter L. Buder.

Allein der Szenerie wegen, lohnt es sich per pedes, Drahtesel, Schiff, Bus, Bahn und selbst mit dem Auto nach Lindau aufzubrechen. Im Ostflügel der Villa befindet sich seit 1980 ein Friedensmuseum in der Trägerschaft von Pax Christi Augsburg. Es ist 2001 von der österreichischen Künstlerin Ruth Gschwentner-Wölfle als „friedens räume – museum in bewegung“ völlig neu konzipiert worden. Der „Frieden in Vitrinen“ hatte ausgedient und die aktive und aktivierende, sinnliche und sinnenhafte, personenbezogene Einbeziehung hat den Vorrang bekommen.
 
Die friedens räume stellen den Menschen ins Zentrum der Bemühungen um Frieden und verdeutlichen auch, dass Frieden in der Mitte des menschlichen Tuns und Lassen steht. Dieser friedens-pädagogische, emphatie- und dialogorientierten Ansatz wird in sechs Räumen entfaltet, in denen das Lesen, Entscheiden, das Zwischen, das Tun, der Garten das Hören als interaktive Transferplattformen die sinnliche Erfahrung von „Frieden“ in seiner Vielfalt ermöglicht.
 
In diesem dynamischen Vermittlungskonzept eines ‚lebendigen museums‘ spielte der von der Münsteraner Musikwissenschaftlerin Dr. Mirijam Streibl gestaltete „Hörraum“ mit seinen sieben HÖR-STATIONEN von Anfang an eine wichtige Rolle. Zur Freude des Leitungsteams sind die sieben Hör-Stationen  inhaltlich wie formal aktualisiert und neu gestaltet worden und bilden für die seit Anfang Juni – coronabedingt verspätet –  eröffneten friedens räume das Highlight dieser Saison. Mit Geschichten, Liedern, Klängen, Tönen, Stimmen, Worten, Gedichten und Songs „kann man dem Frieden über das Ohr begegnen, erspüren, erleben. Inspiration und Denkimpulse, die über die Musik das Herz treffen, sind das Besondere an diesem Raum, in dem über das Gehör die unerschöpfliche Vielfalt von Frieden wahrnehmbar ist“, erklärt Mirijam Streibl und macht aus ihrer Begeisterung keinen Hehl.
 
Von der „Flötenparabel“ (Amartya Sen), dem „Loblied auf die Schöpfung“ (Ernesto Cardenal), der Frage nach Grenzen (Dota Kehr) und Brechts Erfahrung, was ein Mensch ohne Pass wert ist bis hin zu John Lennons „Imagine“, Mercedes Sosa’s „Dank an das Leben“ und anderen schönen, fremden Melodien wie „Baba Yetu“ (Vaterunser) und hebräische Sehnsuchtslieder, vom rockigem Protest (Aviv Geffen) über Anti-Kriegs-Balladen und Greta Thunbergs „Wake Up“-Rede, wird übers Ohr das Gespür und Empfinden für den Rhythmus der friedlichen Welt ver-nehm-bar. Es versteht sich von selbst, dass in Peace-Songs und -Stories speziell an die Youngsters gedacht worden ist.
 
Frieden ist dem anderen ein Weg und den einen eine Haltung, für viele ein Lied, ein Gesang, ein Klang – etwas also, das mit dem Hören, mit dem Sinnesorgan ganz direkt zu tun hat. Wie der Krieg, verschafft sich auch der Frieden Gehör und will Gehör finden und ob man dem einen oder anderen Gehör schenkt, ist immer eine Entscheidung. Doch jede/r ist sich im Klaren darüber, dass „es gilt, immer wieder aufs Neue – auch für und in sich selbst – zu suchen, zu finden und je aufs Neue auszuloten“ wem oder was ich mein Ohr leihe. So durchschreitet man die _friedens räume_ wie ineinander verwobene Sinn-Welten, in denen man dem Frieden zugetane Grundeinstellungen für sich oder gemeinsam erkunden und in frei gewählter Intensität begegen kann. Achtsamkeit, Respekt, Courage, Gewaltfreiheit, Dialogbereitschaft, Achtung der Menschen- und Völkerrechte sind zum Mit-Denken, Mit-Tun, aktivierend, greif- und spürbar aufbereitet.
 
Dem Zentralorgan „Ohr“ anvertraut,  lässt man entspannt den Blick ins Grüne und über den See schweifen, kann dabei ganz bei sich sein und bleiben und ausgewählten, feinen musikalischen Genres und literarischen Impulsen selbstbestimmt folgen. Glaubt man dem französischen Arzt  Alfred A. Tomatis (1), hat das Ohr eine Sonderstellung unter den Sinnesorganen. Verbunden mit dem Gleichgewichtsapparat, habe das Ohr auch etwas mit dem aufrechten Gang des Menschen und mit der psychischen Energie eines Menschen zu tun. Das und vieles, von dem hier nicht die Rede war, spricht für die herzliche Einladung von Cornelia Speth, die die Arbeit des 49-köpfigen Ehrenamtlichen-Pools der friedens räume koordiniert: „Ich lade alle, die der Friede nicht in Ruhe lässt, ein, uns zu besuchen. Brauchen wir nicht Anregung zum Denken, Menschen, die uns Mut machen und Ideen, die uns weiterbringen auf dem Weg und der Suche nach dem Frieden?“ – Das ist ein gutes Wort in aller LeserInnen Ohr, oder?!
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Zum großen Foto:
Das Leitungsteam der friedens räume (v.l.): Barbara Stoller, Elisabeth Schedler, Waltraud Bube, Gertrud Hersch, Cornelia Speth (Koordination), Christian  Artner-Schedler (Pax Christi Augsburg).
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(1) Alfred A. Tomatis, Der Klang des Lebens. Hamburg 1987, TB rororo 8791.
  • Für Familien mit Kindern, Schulen, Freundeskreise, div. Gruppen gibt es Spezialangebote. Alle Informationen und Details unter https://www.friedens-raeume.de

glück, hoorig + mit dir

GLÜCK, HOORIG

d’liabi schlaht zua
da klen zehn jücklat vor fröd
oafach versinka

wia’na wealla am see, so schtill
und liisli, wia an huuch:
dine hand im hoor

 

MIT DIR

hie und do
vr’wacha
a schpüürle ewigkeit
um d’nasa
und im herz: 
a hampfla liacht

©wlb_2020
In: DUM (Das ultimative Magazin) Jg. 23, No. 94 / 2020, S.17 (Danke!)

„Der Ruf des Augenblicks“

Eröffnungskonzert der 
50.  INTERNATIONALEN BLUDESCHER ORGELKONZERTE 
am Sonntag, 12. Juli 2020, 17 Uhr,
in der St. Jakobskirche zu Bludesch.

Wie bei vielen anderen Konzertreihen hat die Covid 19-Pandemie auch die Bludescher Konzerte betroffen: das erste Konzert mußte entfallen; das ursprünglich auf den 7.6. angesetzte zweite Konzert wird nun am Sonntag, 12. Juli um 17 Uhr als „Eröffnungskonzert“ in der Bludescher St. Jakobskirche nachgeholt.

Bianca Riesner (Violoncello) ©Jamie Wright (biancariesner.com)

„Der Ruf des Augenblicks“  –  unter dieses Motto haben Prof. Renate-Maria Bauer (Rezitation) und Bianca Riesner (Violoncello) ihr Programm für dieses Eröffnungskonzert gestellt, das eine literarisch-musikalische Einladung zu Harmonie, zu Gesundheit und Ganzheit des Mensch-Seins sein will, um Zynismus und Geschwätz abzustellen, um auf das Hier und Jetzt lauschen zu können! So kann Zeit zum Seelenmaß werden!

Renate Maria Bauer (Rezitation) ©privat

Die bekannte Schauspielerin und Regisseurin Prof. Renate-Maria Bauer hat stimmige Texte aus den Bereichen Lyrik und Prosa von Rainer-Maria Rilke, David Steindl-Rast und Walter L. Buder ausgewählt, welche zusammen mit der Musik von Johann Sebastian Bach den Zuhörern und Mitdenkern einen Klangraum des Hier und Jetzt eröffnen können. Die international tätige Vorarlberger Violoncellistin Bianca Riesner führt uns mit Johann Sebastian Bachs 1. Suite für Violoncello solo in den spirituell-theologischen Kosmos des Thomaskantors, welcher das Musizieren bekanntlich als gottesdienstliches Handeln verstanden hat.

Das Programm des Abends zum Download

wunderbarer tausch

I
alle erfundenen personen eintauschen gegen
die eine: lebende

II
alle gewünschen träume eintauschen gegen
die eine: wirklichkeit

III
alle gewaltigen projekte eintauschen gegen
die eine: tat

IV
alle sichtbaren zweideutigkeiten eintauschen gegen
die eine: eindeutigkeit

V
alle möglichkeiten vergeben, umsonst für
die eine: unmöglichkeit

 
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(C) WALTER L. BUDER, 2018

SIEHE AUCH GEDICHTBAND „DICH“ (GEDRUCKT ALS BIBLIOPHILES UNIKAT) ODER ALS DIGITALVERSION „DICH, I – III)  (DOWNLOAD HIER).

„Leben voller Glut erstrahlt“

„Wenn die Kirche zum Einsatz in der Verkündigung aufruft, tut sie nichts anderes, als den Christen die wahre Dynamik der Selbstver- wirklichung aufzuzeigen: »Hier entdecken wir ein weiteres Grundgesetz der Wirklichkeit: Das Leben wird reifer und reicher, je mehr man es hingibt, um anderen Leben zu geben. Darin besteht letztendlich die Mission.«(5)
Folglich dürfte ein Verkünder des Evangeliums nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben. Gewin- nen wir den Eifer zurück, mehren wir ihn und mit ihm »die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn wir unter Tränen säen sollten […]
Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben.«(6)“

Quelle: Papst Franziskus, Evangelii Gaudium, Nr. 10 (Hervorhebung kursiv von mir)

Nur die Liebe siegt

An seinem 85. Geburtstag (12. September) wird er im 55. Jahr seines Lebens als Priester der römisch-katholischen Kirche feiern. Anlässlich seines 80. gab es eine Audienz bei Papst Franziskus. Seit Juli 2015 ist er Offizier der französischen Ehrenlegion. Guy Gilbert – gehört in die Reihe der ‚Großen‘ des Glaubens und der Spiritualität Frankreichs. Sein Name ist eingeschrieben  in die Herzen zahlloser Jugendlicher der Pariser Banlieus – und in der Hand Gottes steht er vermutlich auch – in dicken, fetten Blockbuchstaben. Versuch einer Hommage an einen unerschütterlichen Gläubigen. Von Walter L. Buder

Seit 50 Jahren dient Guy Gilbert als Priester der römisch-katholischen Kirche. Die Pariser Vorstädte sind zu seiner Pfarrei geworden. Sein äußerliches Markenzeichen ist eine schwarze Lederjacke, über und über mit Pins besät. Wenn es feierlich-offiziell abgeht, blitzt – wie ein besonders platziertes Abzeichen – der kleine weiße Streifen des Kollars durch den Lederkragen.  Das inzwischen schüttere Haupthaar fällt nach wie vor in rebellischen Strähnen auf seine Schultern. „Mir ist klar, dass ich alt bin, mein Freund, ganz einfach alt …“
Er kommt aus einer Arbeiterfamilie und hat 14 Geschwister. Was „Familie“ und „Gemeinschaft“ bedeutet, weiß er „par coeur“, wörtlich: vom Herzen her, inwendig, sozusagen. Mit 13 wusste er, dass er Priester sein wollte. Sein Vater: „Das hält nicht 14 Tage!“ Dann hat er aber 15 Jahre studiert. Sein „Scheißtemperament“ und die „Scheißlaunenhaftigkeit“ machten ihm zu schaffen wie sein „Freiheitsdrang und diese Aufsässigkeit“. Es war nicht leicht, das mit seiner Berufung und seiner Gabe zur Auferbauung zu koppeln.  

Im Algerienkrieg der späten 50er-Jahre wurde er fürs Leben geprägt: „Ich hätte ausgemustert werden sollen aber ich habe gebeten, den Platz eines befreundeten Familienvaters einzunehmen.“ Der Krieg, das massenhafte Morden, die Bombenexplosionen, seine Verweigerung zu foltern und die Erfahrung des Straflagers – „Das alles hat mich eintauchen lassen in eine Welt, die mit jener, in der ich lebte, durch einen totalen Bruch getrennt war. Und das hat aus mir einen Kämpfer gemacht.“ In diesen Zeiten des Hassens und Tötens flüsterte ihm der Erzbischof von Algier, Kardinal Leon-Etienne Duval ins Ohr, was ihm zum „Wort des Lebens“ wurde: „Nur die Liebe siegt.“

Guy Gilbert ist der einzige Kirchenmann, dessen Namen den Franzosen sofort einfällt. Unzählige Medienauftritte haben dafür gesorgt. Er ist „gut Freund“ mit vielen Promis. Von Nicolas Sarkozy über die belgische Königsfamilie bis zu den Stars der Straße ist er mit aller Welt gut vernetzt. Auf den 15 Quadratmetern, gleich um die Ecke, wo er „von 4 Uhr früh bis 14 Uhr“ für alle, die ihn brauchen, erreichbar ist, ist davon wenig zu sehen. Oft sind es die „Loubards“ (Jugendliche aus den Banlieus) von damals, denen er mit ein wenig Geld „für Essen oder die Miete“ aus der Patsche hilft.   

Vor 40 Jahren hat er in Faucon, ein kleiner Ort in der oberen Provence, ein Gehöft gekauft und dort für „seine“ Jugendlichen „La Bergerie“ aufgemacht. Ein Ort für Straffällige aus französischen Gefängnissen, die er regelmäßig besucht. Dort können sie an ihrer Zukunft arbeiten und an sich selber. Sie sollen den Schatz heben, finden, was sie verloren oder gar nie gekannt haben: Vertrauen!
 
Wo Père Gilbert hinkommt, machen ihm Menschen jeden Alters und in jeder Situation Geständnisse. Erschütternd, herzzerreißend wird er ins Vertrauen gezogen. Weil er weiß, was er der Liebe seiner Mutter schuldig ist – wenn er von ihr spricht, kommen ihm die Tränen – sagt er den Eltern, „ihre Gören zu lieben und Zeit mit ihnen zu verbringen, denn was hier verloren geht, ist nie mehr einzuholen“. Und zu den Kindern und Jugendlichen sagt er, „sie sollen den Eltern nicht allzu heftig auf die Nerven gehen“, und nichts liebt er so sehr wie jenen Augenblick, in dem „die Mitglieder einer Familie zusammen finden, sich die Hände geben, damit ich ihnen die Flossen segnen kann“.

Dafür hat Père Gilbert geschrieben, Interviews gegeben, Filmportraits gedreht, ist Promis angegangen, hat Geld aufgetrieben, gebetet und Messen gelesen. Aber auch für die 20 bezahlten Mitarbeiter, die La Bergerie betreuen. Jahrelang bereiste er ganz Frankreich und halb Europa. Zu Zehntausenden sind sie gekommen und haben gehört, wie der Mann in der schwarzen Lederjacke ihnen Geschichten vom unerschütterlichen Vertrauen Gottes in seine Geschöpfe erzählte.
 
In den bisher 46 Büchern (einige sind ins Deutsche übersetzt), hat er die Geschichten aus „seinem Volk“ aufgeschrieben. Sie spielen an Orten, die in den Augen der Welt „keine Messe wert sind“ (G. S. Toller), von Menschen, die nach Liebe schreien, Schläge bekommen und in Bitternis erstarren, vom Heulen mit den Wölfen und dem ewigen Kampf um den Glauben an das Gute. In und zwischen den Zeilen ist der „Kamikaze der Hoffnung“ erkennbar, der „Dealer der Liebe“, der bekennt: „Gott, meine erste Liebe“ und mit unermesslichem Vertrauen in kleinen Schritten bis zum letzten Atemzug der Barmherzigkeit Wege freischaufelt, das Feuer der Liebe entzündet.  

Guy Gilbert war und ist eine Art „freies Radikal“ in einer Kirche, für die er eine unverbrüchliche Liebe bekennt. Es ist ihm klar, dass er nie und nimmer Priester einer „normalen“ Pfarrei hätte sein können. Aber er sagt auch, „dass er in die Knie geht vor Priestern, die fünfzehn oder zwanzig Glockentürme haben. Die brauchen wirklich eine ordentliche Portion Mystik für ihre Predigt vor drei alten Damen“. Immer in Kontakt mit der Aktualität – „Ich habe keinen Fernseher aber ich lese täglich zwei Stunden Zeitungen“ – lässt er durchaus pointierte Formulierungen heraus, wenn er sagt, dass sie verheiratete Männer ordinieren sollten oder prophezeit, dass es mit der nächsten Synode zur Familie im Oktober zu einer Revolution komme. Er selber ist da schon ein wenig voraus und gibt die Kommunion den wiederverheiratet Geschiedenen und segnet die Liebe aller Paare – „Heteros und Homos“, setzt er dazu. Und in den Jungen möchte er immer noch „die Gesichter der Engel leuchten sehen, hinter dem ’Scheißleben‘, das sie führen!“. In jedem Fall aber war und ist Guy Gilbert ein Fels in der Brandung des Menschenleides und bekennt tagtäglich einen felsenfesten Glauben an die Barmherzigkeit Gottes und vertraut dem Gefühl, dass nichts – aber wirklich gar nichts – auf dieser Welt verloren geht. Daher, vielleicht, die dicken, fetten Blockbuchstaben für seinen Namen in der Hand Gottes. 

Die Zitate in diesem Text sind in diversen Artikeln und Interviews von Guy Gilbert (überwiegend „LA CROIX“ und „PELERIN“) entnommen. Auch auf die informative Homepage von Guy Gilbert sei hier verwiesen.
© für alle Fotos: www.guygilbert.net

Dieser Beitrag ist im Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 40 vom 1. Oktober 2015 publiziert worden.

da, dazwischen

zum überleben in / buchstabenwüsten
oder auf den sprachinseln / in 
den textflüssen und / an den
grenzen der welt

da / erstrecken sich satzhügel / müde
wie ausgeuferte wellen /bedroht
zwischen / oder gerettet / im absterbenden
zungenbrecher / das amen

abgehangen / im silbenbruch wandernd
bis zur unbeschreibbarkeit / an schwerglänzenden
wurzeln / ädernd verlegt / im ton
vergriffen und / unwirsch

zu tode / gefeilte gedanken
heilsam in spänen zerrieben / in
satzhaft /endlos geschliffene
schleifen / ein vielleicht könnte lichten/
: der . rettet

© wlb_22042020
(„da dazwischen“ beruht auf dem text in dich, s.97)

 

Leiden fordert den Glauben heraus

„Das Leiden in Glück umtaufen“ – das ist ein Wort von P. Jacques de Jésus, einem Karmeliter, der in Frankreich drei jüdische Kinder (1) versteckt hatte und ins Lager Gusen deportiert worden ist. Ganz ähnlich denkt Madeleine Delbrêl, die an eine Freundin schrieb: „Leiden Sie gut; wenn Sie leiden, sind Sie sicher, dass Sie sich nicht täuschen!“. Sind Leute, die so reden, psychopathisch, schmerzfixiert, Masochisten? Nicht wenige würden diese Frage bejahen!  

Die Passion Jesu bleibt ein echtes Geheimnis und eine Herausforderung für den Glauben, die an jedem Karfreitag virulent wird. Man möchte diesen fürchterlichen Karfreitag ganz schnell hinter sich bringen, um schneller zur österlichen Auferstehung zu kommen. Aber Fakt und sicher ist auch, dass Viele von uns diese Erfahrung gemacht haben: Im Leiden sind die Chancen wie selten sonst gegeben, jenen Menschen zu begegnen, die wir lieben! Im Mit-Leiden, im Teilen des Leidens der Welt – im Horizont des Kreuzes – gewinnt das Leben an Beständigkeit, an Inhalt und Bedeutung, an Tiefe und Profil. 

Wie P. Jacques und Madeleine Delbrêl uns zu sagen versuchen – hoffen wir, im Wahr- und Annehmen des Leides ein wahres Glück zu verkosten. So stellen wir uns an die Seite der Leidenden in dieser, unserer Zeit – und an die Seite all jener, die sich abplagen, die Leiden zu erleichtern, zu lindern. Unter ihnen sind besonders viele Frauen! Wie damals, auf Golgatha, zu Füssen eines Gekreuzigten … (wlb)

(0) Die Anregung zu diesem Text verdanke ich Mme. Sophie de Villeneuve, CR von „croire“
(1) Der bekannte Film des französischen Regisseurs Louis Malle mit dem Titel  „Au Revoir Les Enfants“ (1987). Malle war Schüler am Petit College von Avon und war Zeuge der Verhaftung Père Jaques‘. Dieses Erlebnis hatte ihn zu seinem Film inspiriert.  Père Jacques starb am 2. Juni 1945 im Elisabeth-Krankenhaus in Linz. 

fragmente, österlich

namenloser quell
IM entgegen der ankunft
erkenne dich selbst
 
hinüberbrücken
IM reinsten vor-über-gang
ins dämmernde jetzt
 
unsichtbar wahr
IM ewigen und jetzt vertäut
wohnen die freunde
 
wortlose sehnsucht
allhelle wundspur aus licht
gegen unendlich
 
©wlb_karwoche 2020

Offener Brief an Bundeskanzler Kurz

Nachtrag zum „Offenen Brief vom 9.4.2020:
 
Unser „Offener Brief“ war Ihnen, Herr Bundeskanzler, nicht einmal eine Eingangsbestätigung wert. Erlauben Sie dennoch, aus aktuellem Anlass (Sonntagsdemo „uns reichts am 13. 9. 2020, 18h, Dornbirn-Marktplatz) nur diese eine Anmerkung: 

So sind wir nicht“ Herr Bundeskanzler! – Ihre Haltung im Umgang mit den Menschen auf der Flucht, besonders angesichts der Notlage in den Lagern der griechischen Inseln, ist mir inzwischen unerträglich: Ihre unerklärliche Härte, der Not und dem Elend dieser Menschen gegenüber, steht gegen alles, was in Österreich als Menschenfreundlichkeit und Offenheit, an Solidarität und Hilfsbereitschaft lange und gute Tradition hat. DAS klar darzustellen und dafür einzustehen -nolens volens und gelegen oder ungelegen – darin sehe ich die Hauptaufgabe eines Bundeskanzlers. 
UNSER Österreich, Herr Bundeskanzler,  verdankt sich zu überwiegenden Anteilen diesen fundamentalen Werten, die von Hunderttausenden in diesem Land, tagtäglich in einer staunens- und dankenswerten Weise erbracht wird. SO wollen WIR sein, darauf wollen wir bauen … 

Bregenz, 12.09.2020
Walter L. Buder

 
 

 
Herrn Bundeskanzler
Sebastian Kurz
Ballhausplatz 
A-1010 Wien 
 
 
Betrifft: Offener Brief an den Bundeskanzler
 
 
Bregenz, 09.04.2020
 
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
 
Sie haben uns Österreicherinnen und Österreichern in den letzten Wochen – vernünftig und bestimmt – solidarisches Handeln abverlangt und fordern es wohl noch längere Zeit. Zu unserem eigenen Vorteil, haben Sie uns für solidarisches und mit-menschliches Handeln sensibilisiert. Das ist gut so! In der Rückschau auf Covid19 wird das für unser politisches Verhalten gut gewesen sein. 
 
Wir haben in den letzten Wochen in der Praxis erfahren, dass Menschlichkeit nicht bei der Haus- oder Wohnungstür aufhört und für alle Beteiligten nicht nur keinen Schaden gebracht hat, sondern sogar von erheblichem Vorteil ist. Wir möchten, dass diese solidarische Haltung auch für die Geflüchteten, besonders die Kinder und Jugendlichen, in den griechischen Lagern gilt. 
 
Wir ÖsterreicherInnen haben vielfältig und wiederholt bewiesen, dass nachbarschaftliche Solidarität zu unserer Grundhaltung gehört: Wieso, Herr Bundeskanzler, hindern Sie uns daran, unsere Solidarität  – auch mit diesen Menschen – in die Tat umzusetzen?
 
 
Walter L. Buder (Bregenz) eh.
Rudi Siegl (Schlins) eh.
Michael Striebel (Bregenz) eh.
 
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20.04.20020
Seit dem 14. April 2020 gibt es die Aktion
„SO SIND WIR NICHT“ , von einigen Personen und Organisationen im Bundesland Tirol in die Wege geleitet worden ist. Im OFFENEN BRIEF vom 14. April wird auch hier von der Regierung Solidarität eingefordert, so wie sie von uns eingefordert worden ist. Darüber hinaus aber sind konkrete humanitäre und politische Forderungen ausformuliert. 

Vom Brotbrechen oder „Eucharistie feiern ohne Priester“ ?

Der frühere Innsbrucker Dogmatiker Józef Niewiadomski meldet in einem Kathpress-Beitrag (1) ernste Vorbehalten gegen „virtuelle“ Gottesdienste via Livestream an. Das Sakrament der Eucharistie verlange „das reale Essen des eucharistischen Brotes“ und – angesichts der wohl über Ostern hinaus geltenden Corvid-19-Regeln (soziale Distanz) – schlägt er vor, auf  „die alte Tradition (zurück zu greifen), die Eucharistie von Angehörigen in die Häuser holen zu lassen.“ 
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Die Vorbehalte gegen die „virtuellen Messen“ unterstreiche ich. Selbst als Not-Lösung sind sie weder theologisch noch spirituell hinreichend. Sie tun der Kirche nicht gut! Vielleicht ist es eine ungesunde Einseitigkeit, eine Störung in der Leib-Seele-Balance, eine teilweise Selbstvergessenheit im vorausgesetzten Eucharistieverständnis, wenn auf die leibhaftige, die „fleischliche“ Dimension in Form und Inhalt des Gedächtnisses des Lebens und Sterbens Jesu verzichtet wird. Die Eucharistie ist ganzheitlich zu nehmen, in jeder Hinsicht und Rücksicht sind Teil-Nehmen, Teil-Geben, Teil-Haben am eigenen und am Leben und Sterben der Anderen in concreto verbunden. Ebenso wichtig und zu unterstreichen, ist die Mahnung an die Leitenden in der katholischen Kirche, für „neue Modelle kirchlich-sakramentaler Präsenz“ zu sorgen. Den konkrete Vorschlag, die Eucharistie „von Angehörigen in die Häuser holen zu lassen“ und aktualisiert die „seit Alters her“ praktizierte Krankenkommunion. 
 
Radikalisierung des Vorschlags. Könnte man vielleicht auf eine noch ältere Tradition der ‚Volkskirche‘ zurückzugreifen, nämlich auf das, was man aus der Urgemeinde, der Urkirche weiß. Die ersten Christen versammelten sich dem Wort und Versprechen Jesu entsprechend, dass dort „wo zwei oder drei in meinem Namen“ beieinander sind, auch Er, der Auferstandene, mitten unter ihnen sei. Und – wenn schon, denn schon … am Brotbrechen, dem gemeinsamen Hören und lebensnahen Auslegen des Wortes Gottes in geschwisterlicher Gemeinschaft zu Gunsten eines bestärkten, getrösteten und vertrauensvollen – sprich: durch Gottes Geist verwandelten – Lebens. – Im Vergleich mit dem, was die Kleruskirche dem Volk Gottes momentan mit diesen virtuellen oder digitalen Messen, die aus bischöflichen Hauskapellen oder sonstigen Örtlichkeiten übertragen werden, anbietet, wird deutlich, wo die Möglichkeiten liegen. 
 
„Necessitas caret lege“ (die Not kennt kein Gesetz), auf dieser Basis könnten die Bischöfe mutig und solidarisch ‚ihre‘ Gläubigen einladen, dort wo sie leben – den Corvid-19-Regeln entsprechend – das „Gedächtnis des Herrn“ begehen – der Liebe zu Gott und dem Nächsten vollkommen entsprechend. Als Behelf könnte man u. a. auf 1 Kor 11,24 verweisen, wo der Apostel Paulus den Christen in Korinth die rechten Worte in den Mund legt: „Jesus nahm das Brot, sagte Dank, brach es – und sagte: ‚Das ist mein Leib, hingegeben für euch.'“ Und Jesus selbst sagte zu seinen Leuten: „Das ist mein Leib und das ist mein Blut; tut das in Gedanken an mich (zu meinem Gedächtnis)“. Seit damals und bis heute kann man am Leben und Sterben Jesu ablesen, was „BROT-BRECHEN“ ganz konkret – im Leben – bedeutet, das Leben zu öffnen, die Kruste (Verkrustung) des Lebensbrotes zu teilen, mit allen Sinnen wahrzunehmen, was „brechen“ bedeutet, mit all den Leiden in Verbindung (Kommunion) zu sein und bereit, alles zu teilen, in der menschlichen Arbeit das Lied Gottes zu vernehmen“ (Patrick Tiberghien). Und Huub Oosterhuis fragt, in derselben Sache: „Wann wirst du Jemand sein? – Wenn du teilnimmst am Leben der anderen Menschen und wenn du eine Rolle spielen kannst im Glück eines anderen. Ja, das heißt leben: sich vergeben, verbrauchen, alt werden, vollenden, sich mit-teilen, brechen-lassen, sterben…“. (3) Das ist im Wesentlichen die Art und Weise, wie die frühen Christen, vor allem Klerikalismus und Formalismus, das Leben selber und ihr eigenes Leben feierten. 
 
Schritt zu den Quellen. Wenn und weil es um „Eucharistiefeiern ohne Priester“ geht, weil es den Priestermangel gibt, weil die Amazonas-Synode und ihre Nachwehen in  ‚Querida Amazonia‘ noch präsent sind, weil die Frauen am 8. März weltweit ihren Unmut und zunehmenden Unwillen der Kirche gegenüber öffentlich protestierend deutlich gemacht haben, weil Corvid-19 das ‚heilige Land Tirol‘ unter Quarantäne gezwungen hat, und weil Józef Niewiadomski, der in Innsbruck gelehrt und gelebt hat und diesen klugen Vorschlag gemacht hat – deswegen möchte ich an Martha Heizer (2) erinnern. Sie hat – das ist jetzt 6 Jahre her, im Jahr 2014 – gemeinsam mit ihrem Ehemann und einigen Freunden in ihrer Wohnung, gleichsam Hauskirche par excellence – eine „Eucharistiefeier ohne Priester“ gefeiert und ist für ihren Wagemut vom damaligen Ortsbischof exkommuniziert worden. Die Familie Heizer wurde für einen Schritt bestraft, der die Richtung zu den Quellen einschlug. Das ist bitter, und es ist doppelt bitter, wenn es unter Kindern Gottes geschieht, unter Geschwistern, unter jenen und solchen, die bereits miteinander das Brot gebrochen haben. 
 
Konkret werden, wo ist das Problem? Angesichts der konkreten Not-Situation wegen Corvid-19 – faktisch finden weltweit keine öffentlichen Osterfeiern statt – ist eine beispiellose Möglichkeit befreit: Ein Zeitfenster, ein Kairos vielleicht, ein „moment in time“, ein temporärer Handlungsrahmen für ein engagiertes, ein ‚heiliges‘ Experiment. Die Einladung der Bischöfe ergeht an alle, die guten Willens sind, an Suchende und Gläubige.
Die offene Einladung wäre als Vertrauensbeweis zu verstehen. Eingeladen würde zu „eucharistischen Versammlungen“ –  konkret:  Zwei oder Drei Personen (die Anzahl soll den jeweils geltenden Quarantäne-Regeln entsprechen aber fünf Personen nicht übersteigen)  kommen zusammen und wagen, in spontaner Gemeinschaft, selbstständig und ohne einen Priester (als Leiter), ihr Leben ins Licht des Auferstandenen und des Wortes Gottes zu stellen, es auf-zu-brechen – im einfachen, wahren Sinn des ursprünglichen Brotbrechens, wie Paulus es im 1. Korintherbrief (11,24) beschreibt.
Der Vorschlag, in der heurigen Osterzeit so zu verfahren, ist nicht immer und überall willkommen. Also stellt sich die Frage: Wo ist das Problem? – Der Frankfurter Priester-Dichter Lothar Zanetti hat in nur wenigen, fast lapidaren, lakonischen Zeilen, das Problem in Worte gefasst, dem sich sowohl die Menschen, die Christen unter ihnen und die strukturierten Organisationsformen, die Kirchen, zu stellen hätten: 
Frag 100 Katholiken: Was ist das Wichtigste an der Kirche? Und sie werden dir sagen:
Die Messe. Frag 100 Katholiken: Was ist das Wichtigste an der Messe? Und sie werden dir sagen: Die Wandlung. Sag 100 Katholiken: Das Wichtigste an der Kirche ist die Wandlung.
Und sie werden sich empört abwenden.
© Walter L. Buder (20.03.2020)

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(1) KAP, 18.03.2020
(2) Vertrauen für Martha 
Heizer
(3) zit. nach: Gabriel Ringlet, Eloge de la fragilité. Paris (Albin Michel) 2004, S.116 (eigene Übersetzung)

„Pflugschar7“ – sieben Katholiken gegen Atomwaffen

Bis Ende März/Anfang April wird das gerichtliche Urteil für sieben Frauen und Männer erwartet, die im aktiv-gewaltfreien Widerstand am 4. April 2018 in die amerikanische Militärbasis Kings Bay in Georgia eingedrungen sind. „Pflugschar7“ ist inzwischen zu einem Symbol der internationalen Anti-Atomwaffen-Bewegung geworden. Sie erfahren weltweit solidarische Unterstützung. Sie müssen mit einem Strafmaß von insgesamt 25 Jahren Gefängnis rechnen.

Von Alexis Buisson (New York) für La Croix / Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Walter L. Buder

Am 4. April 2018 – dem 50. Jahrestag der Ermordung von Martin L. King Jr. – sind sieben katholische Frauen und Männer in das Gelände der US-Militärbasis in Kings Bay (Georgia) im Süden der Vereinigten Staaten eingedrungen. Sie sind die Gruppe „Plowshare7“ und gehören zu einer christlich-pazifistischen Bewegung, die mit den Mitteln gewaltfreien Widerstands wie z.B. zivilem Ungehorsam, gegen Atomwaffen kämpft und sie abschaffen will. Die Basis von Kings Bay war nicht zufällig das Ziel, sie gehört zu den größten ihrer Art der US-Navy. Hier sind Atom-U-Boote stationiert, die mit ballistischen und ferngelenkten Nuklearwaffen ausgerüstet sind. Die „Pflugschar7“-Aktivisten haben an Ort und Stelle diverse Transparente aufgespannt, sowie Babyflaschen – mit Eigenblut gefüllt – vergossen und zudem mit Hämmern die militärischen Einrichtungen „entwaffnet“. Dabei sind sie unverletzt verhaftet worden. „Ich war erleichtert, wir wussten ja nicht, ob die Militärs nicht Gewalt anwenden würden“, berichtet Martha Hennessy (62), eines der Gruppenmitglieder und Enkelin der bekannten, gewaltfreien Aktivistin Dorothy Day, deren Seligsprechung seit 2000 läuft.

Die Aktivisten habenin ihrer gewaltfreien Aktion die UBoot-Basis als mit gelben Tatortbändern gekennzeichnet und ihre Transparente aufgespannt. © kingsbayplowshares7.org

Weltweites Symbol des Widerstands. Im Oktober 2019 sind die „Pflugschar7“ – wie sie sich nennen – schuldig gesprochen worden. Das formelle Urteil wird im Februar erwartet, sie müssen mit insgesamt 25 Jahren Gefängnis rechnen. Aber die Gruppe ist seit ihrer Operation zu einem Symbol des weltweiten Anti-Atom-Widerstands geworden, während Donald Trump das Atom-Arsenal aufrüsten will. Eine internationale Petition an die amerikanische Regierung verlangt unbedingten Straferlass. Neben EB Desmond Tutu (Friedensnobelpreisträger 1984), Noam Chomsky (Wissenschaftler, Autor) oder Angela Davis haben zahlreiche namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, den Religionen und des Sozialen unterzeichnet. „Solche Aktionen bestärken nicht nur eine Gruppe, sondern schaffen auch eine unterstützende Gemeinschaft“, ist Carmen Trotta (55), einer  „der Sieben“ überzeugt.

Martha Hennessy verschüttet ihr eigenes, vorher in eine Babyflasche abgefülltes Blut im Rahmen der Aktion.

Schon vielfach verhaftet. Wie andere pazifistische Gruppen, sind auch die Leute von „Pflugschar7“ vom berühmten Jesaja-Wort (2,2-4) inspiriert: „… sie werden ihre Schwerter in Pflugscharen umschmieden“. Die Pflugschar-Bewegung ist im September 1980 öffentlich bekannt geworden, als acht ihrer Mitglieder absichtlich die Spitzen von Lenkflugkörpern (Missiles) in Pennsylvania abgeschlagen hatten.
Die Mehrzahl der Kings-Bay-Aktivisten – drei Frauen und vier Männer im Alter zwischen 55 und 78 Jahren – kommen aus den Reihen der Catholic Workers (Katholische Arbeiterbewegung), die in den 1930er-Jahren von Dorothy Day und vom Franzosen Pierre Maurin gegründet worden ist, in der bewegten Welt zwischen den Kriegen ging es besonders um den (sozialen) Frieden. Einige von ihnen haben schon an anderen Aktionen mitgewirkt. Vier von ihnen haben vor dem Militärgefängnis Guantanamo auf Cuba gegen Folter und Menschenrechtsverletzungen demonstriert. Martha Hennessy, Schwester eines Vietnam-Veteranen, wurde bereits 15 Mal in der Folge von Demonstrationen gegen Folter, Krieg und Atomwaffen verhaftet; Carmen Trotta (55) hat „Mühe, aufzuzählen“, wie oft er seit seinen ersten pazifistischen Aktionen (im Zusammenhang mit den Iran-Contra-Demos der 1980er-Jahre) verhaftet worden ist. Wegen des Gesundheitszustandes seines sehr bejahrten Vaters habe er gezögert, in Kings Bay mitzumachen. Schließlich war er dabei, denn: „Die Atombombe ist das höchste Symbol für Krieg“, argumentiert er seine Teilnahme und fügt hinzu, dass „einige Mitglieder der Gruppe bereits ein langes Vorstrafenregister haben – ihr Engagement hat mich einfach bewegt“.

Die militärischen Embleme der Kings-Bay-Basis wurden mit Eigenblut aus Babyflaschen beschüttet. © https://kingsbayplowshares7.org

„Mehrere Jahre“ der Vorbereitung hat die Kings-Bay-Aktion beansprucht: „Wir haben viel gebetet, darüber gesprochen, was das für unsere Familien bedeutet, für unsere Gemeinschaften und für unser eigenes Leben. Wir haben uns über Atomwaffen kundig gemacht und die Fragilität der Situation erkannt: Kernwaffen liefern uns konstant und auf Gedeih und Verderb einer Katastrophe aus“ sagt Carmen.

Viel studiert und gebetet. Nach ihrer Verhaftung haben die Sieben an Papst Franziskus geschrieben und gebeten, die amerikanische Kirche zu ermutigen, von „der Todesgefahr für unsere Zukunft“ zu sprechen, vor die uns diese zerstörerischen Waffen stellen. „Die amerikanische Kirche hat das Nuklearsystem akzeptiert. Es gibt keine katholische Stimme, die sich in dieser Sache erhebt, während wir einer neuen Welle der Aufrüstung entgegensehen“, zeigt sich Carmen alarmiert. „Die Kernenergie ist ganz eng mit unserem Lebensstil verflochten. Aber ich glaube an Wunder“, relativiert Martha Hennessy. „Es ist leicht, den Anschein zu erwecken, als ob diese immer mächtiger werdenden Waffen nicht existieren – aber einige unter uns können nicht anders, als daran denken.“

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Der Papst und die Kernwaffen 

Während seine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II trotz der Besorgnis des Zweiten Vatikanums die nukleare Abschreckung im Kalten Krieg akzeptiert hatten, hat Papst Franziskus seine Kirche klar und deutlich im Kampf gegen die Atomwaffen engagiert. Anlässlich seiner Reise nach Japan (Nagasaki, Hiroshima) im November 2019 betont er wiederholt, dass „der Einsatz von Atomenergie zu Kriegszwecken“, ja allein schon „der Besitz von Atomwaffen“ als „unmoralisch“ zu qualifizieren sei und „ein Verbrechen, nicht nur am Menschen und seiner Würde, sondern auch gegen jede Möglichkeit einer Zukunft in unserem gemeinsamen Haus.“ (Ansprachen in Nagasaki und Hiroshima)

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Der Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion von „La Croix“. Übersetzung und Redaktion: Walter L. Buder 

„Ihr macht uns die Kirche kaputt …“

Einen Buchtitel wie diesen, inklusive des wie ein erleichterndes Gegengewicht anmutenden Untertitels, kann man bei allem Respekt für verlegerisches Marketing einfach nicht erfinden. 

Das Gefühl – dass man solche Titel wohl nicht erfindet – hat mich beim Einlesen über die Themen Kirchenrecht, Kirchenverfassung, demokratisierte Kirche beschlichen;  es intensivierte sich bis bis zur Frage: „Wäre eine Wiedergeburt der Kirche aus dem Geist des freiheitlichen Verfassungsstaates nicht ein lohnendes Experiment?“ auf (Seite 35) und klärte sich dann über den Aufruf (Seite 58): „Mehr Revolution wagen“; dann zu Beginn des letzten Drittels (Seite 115) wird klar, dass es sich nicht um ein kreatives Produkt des verlegerischen Marketings, sondern um den (wörtlich zitierten) Diskussionsbeitrag einer Frau im „Talk bei Maischberger“ handelt.

„Gemeint sind (mit ‚IHR‘) Bischöfe, die mit ihrer Machtfülle im politischen Sinne als Souverän der Kirche zu bezeichnen wären, sich aber offenbar nicht in der Lage sehen, diese Kirche verantwortungsvoll zu reformieren, sodass Gläubige in einer Verzweiflungshoffnung auf den Papst setzen müssen.“ (115). „Genau so ist es“ werden viele sagen und viele andere das Gegenteil: „Was für ein Schwachsinn!“ – womit sie nolens volens das Spektrum anzeigen, in dem sich katholische Christinnen und Christen sei vielen Jahrzehnten wiederfinden: Es gibt keine ‚organische Verbindung mehr zwischen der Leitungsstruktur und der „eigentlichen Erfahrungsebene“ der Menschen. (ebd.)

„Gerade in der Kirche“ schreibt Bogner, aktuell Professor für Moraltheologie an der Universität im schweizerischen Freiburg, „gibt es oft eine ‚Kuschelsprache‘, die Kritik nicht akzeptieren will“ im Klappentext des Buches. Dessen Sprache hat damit nichts zu tun. Der verheiratete Vater dreier Kinder ist Theologe, Philosoph und Politologe, schreibt wohltuend direkt und klar, bleibt bei der Sache, ist nie verletzend. Aber er segelt ‚hart am Wind‘: die „verheerenden“ Folgen der Handlungsunfähigkeit der Kirchenleitung(en), die absolutistisch-monarchischen Strukturen, losgelöst von der konkreten gesellschaftlichen Lebenssituation der Leute und  „immer wieder die Frauenfrage“ bewegen ihn, seiner Sicht der Dinge im seit Jahren aufreibenden Kirchenkampf zwischen ‚Reform‘ und ‚Erneuerung‘ Stimme zu verleihen. 

Wie Bogner Flagge zeigt und mit seinem Denken signalisiert, ist ermutigend. Es geht in Richtung einer „katholischen Identität auf der Höhe der Zeit“ (151). Einen (wenn nicht den) Fokus sieht er hier: der „eigenen Beobachtung nachzugehen“ und entdecken, welcher eigenartigen Logik Kirchenveränderung zu folgen scheint (120). So kommt es, trotz (oder wegen) der unverhohlen-kompakten Kritik am gegenwärtig praktizierten Kirchenmodell, zur guten Nachricht, dass diese „nicht in der Sackgasse enden (muss)“. Oder anders kontextualsiert: „Der Mist von heute, ist der Dünger von morgen!“. Das Wunder der ‚Wandlung‘ mag im Geheimnis des Glaubens bewahrt sein – das ist gut so! Unumgänglich, ja verpflichtend sogar, scheint es nach der Lektüre der ca. 160 Seiten, den „Mist“ hingebungsvoll zu analysieren.

Wer sich darauf einlassen will und kann – der/dem wird die Lektüre von Daniel Bogners Buch viel Freude bereiten! (wb)

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Zum Buch:  
Daniel Bogner, IHR MACHT UNS DIE KIRCHE KAPUTT … doch wir lassen das nicht zu!
 Freiburg (Herder) 2019. € 16,50.

Das Wunderbare, das ist die Liebe

In Syrien fallen immer noch Bomben und Gewehrkugeln pfeifen durch die Luft. Und zwischen all dem Tod und der Gefahr, gibt es immer noch Frauen und Männer, die Zeugnis geben vom Wunder des Lebens, der Liebe und der ‚Guten Nachricht‘ des Evangeliums. Nur im zuneigenden Staunen vor den Verschiedenheiten der Anderen werden Versöhnung und Zukunft möglich sein. Über die Wahrnehmung des Wunderbaren und die aus diesem Blick erwachsende Hoffnung, geht es im Gespräch mit dem Priester und Jesuiten Ziad Hilal (1), der im ‚Herzen des Chaos‘, im syrischen Homs arbeitet und lebt. 
 
Das Gespräch führt Sébastien Antoni für „Croire-La Croix“ 
 
Auf dem Titelbild Ihres letzten Buches „Homs – unzerstörbare Hoffnung“, sieht man drei lachende Kinder durch die vom Krieg zerstörte Phantomstadt laufen. Ist es für diese Kinder noch möglich, an das Wunderbare zu glauben?
 
Ziad Hilal (ZH): Es gibt Kinder, die kennen nichts anderes als Konflikte und die harte Realität des Krieges in Homs: Pfeifende Kugeln, ständig Explosionen und eine tiefe Angst, jeden Tag und jede Nacht. Aber – sie habend ihr Lachen noch nicht verloren und ihren kindlichen Schalk in den Augen. 
Das hat genügt, mich zu überzeugen, dass das Wunderbare existiert. Warum sollten diese Kinder es nicht auch entdecken können? Es braucht nicht viel. Die Wiederkehr des Friedens, der Ruhe oder eines Familienmitglieds …das wäre – für sie jedenfalls! – ganz wunderbar!
 
Was ist das Wunderbare für Sie ? Einfach der Glaube an das Leben?
Z.H. Ja!  Die Kinder kennen die Hölle des Krieges, sie wissen um die Bedeutung des Lebens. Und was gäbe underbareres als das Leben? 
Im Arabischen könnte man „Leben“ übersetzen mit „das, was wunderbar ist“. So ist das Wunderbare eigentlich auch die Eröffnung einer besseren Zukunft.
 
Ist das eine Frage des Blickes ?
Z.H.: Das Wunder ist überall, aber es drängt sich nicht auf. Es entfaltet sich nur, wenn man versteht, es zu sehen und – wenn man es sehen will!
 
Braucht es nicht eine ordentliche Dosis Optimismus?
Z.H.: Es geht darum, unterscheiden zu können, was positiv ist. Als ich klein war, stellte uns der Priester im Religionsunterricht jeden Freitag die Frage: „Was habt ihr diese Woche Gutes getan?“ So hat er uns beigebracht, den Blick für die Zeichen der Gegenwart Gottes um uns herum zu unterscheiden, mehr noch, teilnehmen zu wollen, uns zu engagieren.
Ich glaube, darin wurzelt meine Fähigkeit zum Staunen. Dieser Priester hat uns auch das Leben der Heiligen entdecken lassen. Nicht so sehr die wunderlichen Dinge, die ihnen passieren; nein, er wollte uns entdecken lassen, wie gerne diese Glaubenszeugen die Leute mochten, sie liebten: Don Bosco und seine Jugen in Turin oder der Hl. Vinzenz von Paul und die Armen …
 
Es gibt also etwas Wunderbares in der Liebe?
Z.H.: Ja, und das lässt sich in Begegnungen erfahren. Mein Orden, die Jesuiten, hat mir erlaubt, lange Zeit in verschiedenen Ländern zu leben, in Ägypten zum Beispiel, im Libanon, in Frankreich. Diese Reisen waren wundervolle Begegnungen mit unterschiedlichen Zivilisationen. In Ägypten z.B. haben mich die archäologischen Ausgrabungen Staunen gemacht; das Gebet der Kopten, ihr Glaube, ihre Sprache und Liturgie sind unverändert geblieben seit seit es Christen gibt.
Diese Tradition des Glaubens ist wahr, auch bei den Muslimen. In diesen Ländern, die meisten sind sunnitisch, gibt der Islam der Liebe einen größeren Platz. Die Gläubigen beider Religionen bewahren ihre Praxis und ihre sehr alten Traditionen im Dienst des Ideals des Teilens, des Friedens und der Liebe. Das bringt mich zum Staunen, denn es ist nicht selbstverständlich bei den politischen, ökonomischen und sehr starken religiöser Spannungen, die sie ertragen müssen.
 
Denken Sie, dass diese Spannungen die Aufmerksamkeit ablenken und so verhindern, das Wunderbare, das am Werk ist, zu sehen?
Genau so ist es, ja! Die Spannungen zwigen die Leute, den Fokus auf ihre Probleme, die Schmerzen und ihren Zorn zu legen. Ihr Blick ist ganz und gar auf das Negative fixiert, so st es sehr schwer, im Anderen, in dessen Kultur, dem Glauben, den Worten oder Monumenten etwas vom Wunderbaren zu entdecken. Die Aufmerksamkeit ist woanders …
Aber noch eine andere Bedrohung verstellt den Blick für das Wunder, nämlich eine Nivellierung von allem, eine Art „Gleichmacherei“ oder Gleichgültigkeit!.
In Europa und der westlichen Welt, sind diese Beschädigungen noch mehr zu bemerken. Von einem Land zum anderen, ähnelt sich alles: Die Kleider, die Filme, die Handys, die Musik … selbst in den Museen ähneln sich, man macht Ausstellungen, überall in der gleichen Art und Weise …
Aber das Wunderbare kommt sich in der Differenz, der Verschiedenheit zum Ausdruck und ist wie eine Ergänzung zu entdecken und Wert zu schätzen. Allerdings: Keine Kultur ist höherwertig als eine andere, eine solche Vorstellung muss ich weit von mir weisen! Ich bin überzeugt, dass eine Region eine ganz eigene Kultur entfalten kann und das ist es wohl, was es aufrecht zu erhalten gilt. Die Differenz, die ich beim Anderen erkenne, bereichert meine eigene Kultur – nicht, um sie zu kopieren oder sich inspirieren zu lassen, sondern um die eigene Sicht zu erweitern,  nicht zu vergessen, dass man nicht allein auf der Welt ist!
 
Ist das Wunderbare nicht eine Frucht des Erstaunens?
z.H.: Ganz genau! Während meines Studiums in Frankreich habe ich das Staunen gelernt! Als junger Jesuit, hatte ich meine Ausbildung am Centre Sèvres in Paris. Meine Lehrer haben mich in der Philosophie zum Nachdenken über die Toleranz ermutigt. Nach dem Staunen über die Verschiedenheit, kann man sich ihr verschließen oder sie verweigern oder man nimmt sie an und wird bereichert. 
Die Toleranz erlaubt die Offenheit, Andere und Andres zu akzeptieren, in Ideen, Kulturen, ohne zu verurteilen anzunehmen was und wie es ist – das ist eine ganz wesentliche Bedingung, um sich für das Wunderbare der Verschiedenheit zu öffnen und auch für alle möglichen Verschiedenheiten. die Liebe, die Freundschaft, die Zukunft, die Kunst … ja sogar der Wunder!
Das ist die Quelle all dessen, was als Wunderbar qualifiziert werden kann. Der Schlüssel zum Wunder, ist das Annehmen der Verschiedenheit, die sich mir anbietet!
Die Frohbotschaft lädt ein und fordert zum gemeinsamen Leben heraus, zu einer universellen Geschwisterlichkeit – aber sind wir dazu bereit? Das wäre ein Wunder – und es ist nicht der Fall! Deswegen gehen die zerstörerischen Kriege weiter.
 
Sie leben ein einem Land im Krieg, inmitten von Gewalt …. wie können sie noch an die Güte, den Frieden und an das Wunder glauben?
Z.H.: Weil ich gläubig bin! Das Wort Gottes hat mich in diesem infernalischen Krieg gestützt. Dank der Frohbotschaft habe ich nie aufgehört zu glauben, dass die Lösung in der Begegnung mit Anderen und deren Verschiedenheiten liegt. Sie sind keine Bedrohungen, sondern Chancen, die es zu entdecken gilt. Das Evangelium hat mir meine Ablehnungsreflexe genommen und auch die falschen Vorstellungen von anderen Traditionen. So habe ich in Homs – im Sinne der Frohbotschaft – niemals _nur_ für die Christen da sein können.
 
Das ist sicher nicht so leicht ?
Z.H.: Natürlich nicht! Es ist ein steter Kampf gegen die eigenen Vorurteile, die zu überwinden sind; die Unbegreiflichkeit, das Unverständnis – man muss lernen, es zu lassen. Bei mir zu Hause ist Sympathie für Muslime nicht gern gesehen, wie auch Freundschaft mit nicht-katholischen Christen. Aber ich bin überzeugt – bevor man Kurde oder Tscherkesse ist, gläubig oder arabisch spricht – der, der mir begegnet, ist zuerst ein Bruder!
 
Sie verbinden das Wunderbare mit der Begegnung, warum das?
Wenn man im Krieg all seine materiellen Güter verloren hat, was bleibt dann, wenn nicht die Beziehungen – wenn sie noch möglich sind? Wie kann man diesen Beziehungen eine Chance geben, wenn sie nicht als Wunderbares betrachtet werden, das zu erkennen und anzunehmen ist? 
Das ist der einzige Weg, mein Land wieder aufzubauen und unseren Kindern eine Zukunft zu geben. Der Krieg ist noch nicht zu Ende, aber man darf keine Zeit verlieren, sondern schon jetzt das Wunder der Versöhnung und der Zukunft zu leben. Ohne Zögern, müssen wir – auch nur den Schimmer von Freundschaft und Empfinden mit den Nachbarn – ausfindig machen. Unsere Entscheidung trotz den Krieges in Syrien zu bleiben, liegt in dieser Logik. Wir sind geblieben zum Zeichen, dass der Frieden wiederkehren wird und wir ohne Zögern dran arbeiten.
In Homs bleiben, um friedlich zu widerstehen, wie Schwester Valentine, eine Ordensfrau, die trotz ihres sehr fortgeschrittenen Alters, alles gemacht hat, dass das Leben unter den Bomben möglich geworden ist – eben durch Freundschaft und mit Respekt, Offenheit, Empfangsbereitschaft.  
Genau wie P. Frans van der Lugt, ein Jesuitenbruder, ein wahrhafter Märtyrer dieses Krieges – er ist 2014 in Homs ermordet worden – der mit den anderen hier geblieben ist, Nahrungsmittel, Medikamente und Kleider an alle verteilt hat, die es notwendig hatten – ohne Unterschied, einzig im Namen der evangelischen Geschwisterlichkeit. Durch seine Gegenwart hat er das Herz des Wunderbaren der Frohbotschaft zum Ausdruck gebracht: Gott lässt den Menschen niemals allein! P. Frans hat sein ganzes Leben damit zugebracht, sich dieser so schönen, guten, sanften und so zärtlichen Nachricht von der wunderbaren und bedingungslosen Liebe Gottes für jeden einzelnen der Menschen, zu verbinden. Ja, das Wunderbare, das ist die Liebe! Genauer noch – mit Liebe hin zu schauen!
 
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(1) Ziad Hilal SJ, lebt seit ca. 13 Jahren in Homs. Er ist Autor und ehemaliger Direktor des „Jesuit Refugee Service“ in Homs/Syrien, aktuellerweise Gründer eines ‚Pädagogischen Zentrums zur Erziehung von Kindern zu Frieden und Versöhnung‘. Sein jüngstes Buch: „Homs – unzerstörbare Hoffnung“ (fz. Homs, l’espérance obstinée) ist im Februar 2019 im Verlag Bayard erschienen (Das Buch ist nicht übersetzt und bis dato nur in französisch erhältlich).
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Der Beitrag erschien mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion von „La Croix – croire“ – übersetzt von Walter L. Buder – im Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 1 vom 9. Jänner 2020 (=> Download des PDF über issu.com)

„Komm! ins Offene, Freund!“

Lorenz Marti

Das jüngste Buch des Schweizer Publizisten Lorenz Marti trägt den Titel „Türen auf!“ und der Untertitel sagt: „Spiritualität für freie Geister“. Die Katholischen unter den Leserinnen und Lesern assoziieren fällt sicher der Konzilspapst Johannes XXIII. ein, der zu Beginn des 2. Vatikanischen Konzils aufrief, die Fenster der Kirche zu öffnen, um frischen Wind herein zu lassen. 

 
Ein Interview im Schweizer Radio brachte mich auf die Spur dieses Buches. Es ging um das Thema Spiritualität. Die Fragen klangen fast wie meine eigenen. Und die Antworten, einfach und klar, kompetent, humorvoll und irgendwie gelassen, rührten etwas in mir an. Das Buch mußte her. In solch dringenden Fällen hilft die ARCHE.
Lorenz Marti (Jg. 1952, nebenbei, Sohn des berühmten Berner Dichterpfarrers Kurt Marti), früher Journalist beim Schweizer Radio (Schwerpunkte: Religion, Wissenschaft), „wagt den Versuch“ dem Thema Spiritualität „sowohl mit und ohne Religion“ – beides wird bedachtsam und nicht ohne literarische Eleganz in Betracht gezogen – nahe und nach zu kommen. Aus den zahllosen ‚Triggern“ zum Thema, sind diese mit Bedacht gewählt: Aufbruch, Freiheit, Sinn,Vertrauen, Verbundenheit, Gelassenheit, Wahrheit, Offenheit und Zuversicht. Diese 9 Kapitel(überschriften) gliedern die folgenden 45 kleinen Essays, deren jeder ausgesprochen charmant, realistisch lebensnah entgegen kommt und mit dem seltenen Glanz des Überraschend-Erhellenden versehen ist.
Nur wer klar denkt, kann klar schreiben und „es geht nicht ohne die anderen“ schreibt Marti, „ich entfalte meine Gedanken im Dialog“. An erster Stelle ist seine Frau Corina genannt, Freunde/innen natürlich (zwar ohne Namen), dann kommen 39 Geistesverwandte von A wie Arendt (Hannah) bis W wie Wittgenstein. Was sagt uns der Sachverhalt, dass Marti’s Liste 12mal mehr Männer als Frauen zählt? Neben der genannten Dame, möchte ich hier noch die anderen beiden nennen: Gertrude Stein und Mascha Kaléko! Der maskuline Überhang hat mich erstaunt, denn spontanerweise hätte ich ihn in der Frage nach der Gestalt einer Spiritualität für das 3. Jahrtausend nach Christus den Frauen zugesprochen. Man liest und spürt aber auf jeder Seite, da kennt sich einer aus in den philosophischen, theo-, neuro- und psychologischen aber auch spirituell-mystischen Traditionen der wissenschaftlichen und religiösen Welt.
Marti steht klar und kritisch-produktiv, in einer Art fruchtbar differenzierenden Ambivalenz, zu seiner eigenen, religiösen, konfessionellen Bindung als reformierter Christ. Das schafft ein wohltuendes Klima auf diesen Seiten. Er weiss aber auch – ebenso sachkundig wie unaufdringlich – von Wegen und Möglichkeiten zu einer freien, offenen, selbstbestimmten, lebens- und menschenfreundlichen Spiritualität zu erzählen. Sein Denken öffnet die Tür für das Wehen eines heilsamen Geistes und seine  Gedankengänge können auch als „Mutmacher“ (immerhin: 45 an der Zahl) zum Gebrauch des eigenen Verstandes bzw. der persönlichen Freiheit gelesen werden. Daher mein Mut zu einer Empfehlung in aller Gelassenheit: Gönnen Sie sich dieses Buch! 
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Lorenz Marti, Türen auf! Spiritualität für freie Geister.
Freiburg (Herder Verlag) 2019. ISBN (Print) 978-3-451-38941-2. € 18,60
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© Portrait: wikimedia

was wird sein im nächsten jahr

was wird sein
im nächsten jahr / im nächsten
jahr auf bäumen voller schlangenblätter
werden wir die Sünde wieder 
trinken / einmal mehr / und
was geboren werden wird / mag sein
mag liebe heißen / bleibt
neu wie immer / nur geheimnis aus
reinster Finsternis / geht der tagstern
auf / doch was wird sein

im nächsten jahr / im nächsten jahr
an den schattenklippen werden / und den
sonnenstränden / ja / es werden
tote sein / und die andern werden 
schlafen / weiter schlafen / bis der winter
kommt und kalt und feucht
die sonnenflocken wirft und / wie im anfang
wird uns die unschuld 
fliehen / dich und mich / und taufen
im wahren kalten licht / und schaudernd
nach dem tagstern und den schattenwellen 

was wird / was
wird sein im nächsten jahr / nach den klippen 
nach den toten / nach der zeit mit all den wohl geplanten
plagen: nach den kleinen ewigkeiten / den frühen
sommern und / dem was wird
was wird sein / nach aller schuld und unschuld / nackt
vor aller liebe / und dem trommelschlag der angst /

wird sein das nächste jahr / wie gestern
angst wird sein / wie du und ich / angst die
erlösen und
erretten / wird / und neu erschafft und wieder
neu gebiert / 

dich und mich
und uns und unser aller welt / und sein
wird was wir leben nennen / im kinderzeug der alten
dort am klippenmeer / mit blind geseh’nen /
augen wird sie uns führen / an den abgrund
aller zeit / und / wir / werden / wieder / fragen:
was wird sein / im
nächsten jahr

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©wlb_v2 (28.12.2019)_dich (2017)

 

 

Gedichte im Dialog mit der Gitarre

 
Spannende Lesung in der Reihe Wort und Klang mit Walter Buder und John Gillard. Walter Buder las im Domino Gedichte und Prosa, begleitet von John Gillard auf der Gitarre
 

FRASTANZ. Bei der jüngsten Ausgabe der Reihe „Wort und Klang“ trafen im Domino Gedichte und Kurzprosa des Vorarlberger Autors Walter L. Buder und Gitarrenklänge von John Gillard aufeinander. Beide ergänzten sich zu einer spannenden Lesung mit Poesie, die zum Innehalten anregt sowie der Schönheit und Vielfalt akustischer Gitarre.

dazwischen.leben. 
Im Leben reiht sich oft ein großer Plan an den anderen, das Leben aber passiert nicht selten dazwischen. Unter den Titel „dazwischen.leben“ stellte Buder denn auch seine Lesung. „du hast mich zum reden gebracht. nun höre!“ – heißt es in einem der letzten Gedichte aus dem jüngsten Gedichtband des Autors. Vieles geschieht im Augenblick. „Sanft wie ein Hauch. Deine Hand im Haar“, beschreibt Buder einen solcher Momente.
 
Literarischer Faden
1948 in Rankweil geboren, lebt Buder heute in Bregenz. Lange Jahre schrieb er für die Kirchenzeitung und weitere Medien. 2011 nahm er den in jungen Jahren gefundenen „literarischen Faden“ (Gedichte, poetische Kurzprosa) ganz bewusst wieder auf. „Das wahre Gedicht entsteht, wenn Bilder beim Zuhören entstehen“, nennt Buder sein Ziel. Als Reisebegleiter (Frankreich-Provence), Friedensarbeiter und nicht zuletzt bewusst nicht-elektrischer Tourenradler und Mountainbiker ist Buder immer irgendwo auf Achse.
John Gillard, Portrait mit Gitarre

Gitarrist und Lehrer

John Gillard ist 1947 in England geboren und übersiedelte schon 1971 nach Österreich. Er studierte am Mozarteum und kam 1977 nach Bregenz. Mit einer Vorliebe für Folk und Blues, gründete er die „John Gillard Folk Group“ , spielte in der Gruppe „Turnalar“ und schrieb selbst unzählige Stücke. Er gibt zudem Gitarrenunterricht und brachte schon ein Gitarrenlehrbuch heraus. Außerdem beteiligt er sich an sozialkritischen Projekten.

Seitens des Domino dankte Christine Kieber für den schönen Abend in der Reihe „Wort und Klang“. Unter den Gästen weilte auch die Autorin Maria Etlinger aus Mittelberg.

© Henning Heilmann 
Hennig Heilmann war als Reporter von Drei-Schwestern-TV im Domino und stellte freundlicherweise sein Video zur Veranstaltung zur Verfügung.
Fotos: ©Henning Heilmann, Domino

adventagenda (10)

einladungen (unverbindlich, vielleicht)

1
seht ihr nicht
wie alle weissagungen sich erfüllten wie das
licht der liebe gottes mitten in euren herzen
ein feuer entfacht
mitten in eurem leben
ein neues leben erwächst

2
hast du nicht vernommen
wie in der stille der nacht und im anbruch
des morgens
wie in der mitte des dunkels und im
dämmern der nacht die spuren
des himmels leise erklangen

3
der herr
hat dich erwählt und sein name
erglüht vor freude
und sprüht wie funken vom amboss wärme
in die welt wie die sonne aufgeht
bedeckt seine gnade dich und alle
und trägt sie und
trägt sie
bis weit über alle horizonte

_

©WLB_ca. 1978; IN: MENSCHEN-MÖGLICHKEITEN. REGENSBURG (PUSTET) 1985 / HIER: LEICHT VARIIERT, TITEL UND ZEILENUMBRUCH (2019).

Nach Hause, in die Fremde

Betrachtungen am Ende einer Rad-Pilger-Fahrt für den Frieden

1
Das war die Frage, die ich mitgenommen, nein: mitbekommen habe. Was bedeutet das alles? Wie die wirklich guten Fragen, ist mir auch diese zugefallen, zugeworfen worden und ich konnte sie auffangen. Es war ein Zucken, wie wenn ein Fisch anbeisst. Der Rest war Routine, also relativ einfach aber – meine Güte (!) – beileibe nicht ohne Anstrengung, Mühsal, Kampf sogar hie und da. Aber: Alles zusammen, die Unabwägbarkeiten, die Gewissheiten, die Gewohnheiten, die vertrauten Einsichten und verweigerten Erkenntnisse – all das – das „Eingemachte“ eben – trägt dich, trotz allem oder deswegen. Und – post festum – kannst du annehmen und zugeben, was du im Moment des Ankommens am Ziel als gewisse Ahnung geschenkt bekommen hast, nämlich: Wohin es dich wirklich getragen hat – ins Staunen…

2
Das war natürlich nicht das Ziel. Das hat einen anderen Namen. Es heißt Fatima, Santiago oder Medjugorje, Lourdes oder Rom, die Madonna oder Padre Pio, eine Heilige, ein Heiliger oder ein Papst, eine verlorene Kapelle am Meer oder eine Kathedrale mitten in einer Stadt – oder eben, wie in meinem Fall: Jerusalem. – Der Weg dorthin führte über sechs Wochen durch sieben Länder und nach rund 3.800 Kilometer und 23.000 Höhenmeter sind die 18 Friedensradfahrer/innen (3 Frauen, 14 Männer, ein Sanitäter im Begleitfahrzeug). Keiner hat aufgegeben, alle sind gut angekommen. Eine einzige Sturzverletzung mußte im Krankenhaus von Novi Sad versorgt werden. Am Ostermontag in Wien gestartet und am Sonntag vor Pfingsten wieder zurück zu Hause, konnte sich ein phänomenal tüchtiger Schutzengel auf fröhliche Pfingsten freuen. Danke, von Herzen, dem wachsamen, sichtbaren Sanitäter und dem/den unsichtbaren aber spürbar auch präsenten Schutzengel(n), womit die Perspektive des Staunes wiederhergestellt wäre.

3
Jerusalem also. Aber: Der Name des Ziels ist – in Nachhinein – nicht wirklich wichtig. Das Ziel ist wichtig. Ob übers Land oder übers Meer, per pedes, Fahrrad oder Pferd – spielt in Wirklichkeit (eigentlich) keine Rolle. Unterschiede – die sind bedeutsam. Nein: Mehr als bedeutsam. Wie bedeutsam – kann oder muss (?) – jede/r für sich erärgern, erplanen, erleben, ersinnen, erleben, ersingen, erfreuen, erzürnen, erpilgern – oder eben: erfahren. Nun, genau darum geht es, um nicht zu schreiben: Nur darum geht es – sich zum Staunen tragen lassen.

4
Allemal: Grenzen entscheiden. So oder so, wie und wo, wann und warum immer sie gesetzt, gezogen, gebaut sind: Im Augenblicklich des Überschreitens erkennst du sie in ihrem Wesen und – dich selber auch. Eindringling und Flüchtiger zugleich erschrickst du, noch während du für dein Visum zahlst, über die erwachte, keimende, glasklare Einsicht: Weder Diesseits noch Jenseits – im Niemandsland ist deine Heimat. Du bist ein „Peregrinus“ – das ist das lateinische Wurzelwort für „Pilger“- das bist du zuerst, zuinnerst und zuletzt. Ein Fremdling, weil erstens: Unterwegs und zweitens: Im Jenseits von allem, was „ich“ bin und (zu) „mir“ gehört, auf Gebieten (per agrum) – die immer schon (zu) jemand anderem gehören. Ob du von Bregenz weggehst, in Wien startest oder in Syrien ein- und in Jordanien ausreist, ist nicht wichtig. Wenn du Glück hast, darfst du dich als Gast fühlen, ein Zustand also vorübergehender Stabilität, eine Art Zuhause im Offenen, geschützt und doch frei, eine Weise lebensfreundlicher Ungewissheit im Horizont namenloser Dankbarkeit.

5
Pilgerwelten. Es ist besser, von ‚Welten‘ zu reden. Die Welt des/r Peregrinus*/der Peregrina* ist eine mitgehende Innenwelt. Bewegung ist hier das Maß von Allem. Unterwegssein das Täglichbrot für Leib und Seele. Der Weg ist wie Nahrung. Vorankommen, Bleiben, Rasten und vor allem das wiederkehrende Ankommen und Aufbrechen, das ist der wahre Stoff, ‘materia prima’, das Wesentliche im Pilgern. Jede Ankunft ist eine Zustimmung, jeder Aufbruch eine neuerliche Einwilligung. Unabhängig von Wind und Wetter, vom Zustand der Strasse, der Strecke bis zum nächsten Teilziel, der Stimmung der Gefährten/innen, dem Zustand des Materials, des Sitzfleisches und der Muskulatur oder der Ernährungssituation, physisch oder mental, psychisch und spirituell gesehen. Ergebung, wird zum Hauptwort erst mit der Zeit auch eine Haltung. Sie sagt meist: Gut so – der Ansatz anfänglicher Dankbarkeit!  

6
Zugegeben: Ohne meine Gefährten/innen hätte ich an manchen Tagen wohl nicht zur Zustimmung gefunden und meine Einwilligung erneuert. Und das ist bei weitem nicht ihr einziges Verdienst. Oh Gott, welch ein Haufen! Ein Sack voll Sehnsucht und Illusion, ein Gebirge an gutem Willen, Entgegenkommen und Unvermögen, an Ideen, Kompetenz und Orginalität. Kurz: Jede Menge Stoff für aufrechte, zähe und kämpferische Menschlichkeit, verzagt-unverzagt, traurig-froh, unaussprechlich- vielsagend und so unverständlich-verständnisvoll in Ärger und Zorn, in Zuneigung und Aufmerkamkeit, in flammendem Zorn und brennender Versöhnlichkeit – wer hier „Grausbirnen“ aufsteigen sieht (da ist was dran!), möge genau hinschauen, es könnten Paradiesäpfel sein.

7
Und dann, fast schon zum Schluss, die große, die schwere Frage: Und, was hat das mit Gott zu tun? Sag, bist du Gott begegnet? – Und ich verstumme, frage nach und suche einen Einstieg! Als ob ich ein Bergsteiger wäre (Behüte Gott!) und vor einer Steilwand stünde und wüßte, dass sich hier und jetzt alles entscheidet, das Risiko tief zu stürzen inbegriffen. Gott sei Dank, gibt es die Bilder aus den Archiven des Körpers und Geistes: Die sanfte Morgensonne auf der Haut auf der Fahrt durch einen kleines Tal von unerhörter Schönheit in der südöstlichen Türkei; den frischen Wind auf den Höhen um Bilecik; den Schweiß auf den Steigungen im serbischen Donautal; das Brennen in den Oberschenkeln auf den letzten der 160 Kilometer nach Damaskus hinein; die freundliche Professionalität des diensthabenden Arztes im Krankenhaus von Novi Sad, der ein paar Steine aus der kleinen Fleischwunde in meinem Ellenbogen holte; die Einfahrt auf der 4-spurigen Autobahn nach Istanblul hin, der Albtraum jedes Schutzengels im Fahrradbereich; den Ruf des Muezzins – „Allah hu’akbar“ – bewegend schön und hässlich krächzend, manchmal beides kurz nacheinander; die Stunden am Checkpoint Jenin als wir – Überbrückungshilfe – unsere Lebensgeschichten austauschten; die Spuren des Gottes Abrahams, Isaaks, Jakobs und Ismaels an vielen, vielen Orten und in vielen Menschen; die unglaubliche technische Qualität unserer „Tretmaschinen“ (Hl. Shimano!!!) und der Lobpreis des Fahrrades; die kleinen Einblicke und großen Offenbarungen der Reisegefährt/innen; die frohen, tiefen Begegnungen mit Christen/innen, die den Auferstandenen unter den Muslimen ahnen, finden und am Werk glauben. Bewegende Zeugnisse eines erlösten Daseins und der brennenden, schmerzhaften Sehnsucht danach – in Jerusalem und in Bethlehem, in Israel und Palästina, von Juden und Palästinensern und von Christen. Aber sind das Antworten auf die große Frage? Wohl eher nicht, doch – wie der alte Rabbi zu sagen pflegte – „Vielleicht, vielleicht …“

8
Noch vieles andere, freudeleuchtend und traurig lastend ist geborgen aber ungesagt, gelebt zwar aber stumm und nicht ins Bild zu bringen. Dennoch: In Bildern, Stimmen, Klängen und Düften, von Menschen, Landschaften, Ereignissen und Gedanken, sind entschlüßelbare Szenen abrufbereit und Geschichten, die – Gott gebe es – ich nie und nimmer vergessen möchte, weil sie – vielleicht – das tragende, begleitende Geheimnis aller Wege, aller Anfänge, allen Lebens (mit und ohne Fahrrad) beschlossen halten. Bis dann eines Tages, wenn die Stunde da ist und die Zeit reif für das rechte Wort, den guten Ton, die passende Farbe und den angemessenen Klang, dann werden sie aufgehen, wie die Sonne über dem Ölberg und – wie der Auferstande im Leben der Menschen aller Welt – und ihre Antwort ahnend, wissend, fragend freigeben und entbergen: Bist Du es, Rabbuni ? Bis dahin, bleibt mir das Staunen, was diese Friedensradfahrt für eine Erfahrung bedeutet – und die Dankbarkeit für eine stete, fast zeichenhafte Nähe. Das ist doch schon etwas – oder ?

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**) Peregrinus, der Pilger
Wortwörtlich ist der Pilger einer, der „per agrum“, also von „über Land“, von jenseits des „ager romanus“ kommt, wobei mit „ager“ nicht bebautes Feld gemeint ist, sondern das in Besitz befindliche, zur „Civitas“ gehörige Land. Insofern ist Fremdling eine angemessene Übersetzung des lateinischen Wortes „peregrinus“ (oder peregrinari, in der Fremde sein). Im Kirchenlatein als „pelegrinus“ abgewandelt, bezeichnet es eine Person, die aus religiösen Gründen in die Fremde geht, zumeist eine Wallfahrt zu einem Pilgerort unternimmt, zu Fuß oder unter Verwendung eines Verkehrsmittels.
Zur Friedensradfahrt 2009
(KAP) Eine Gruppe von 18 Radfahrern/innen sind – einer Idee des Journalisten Werner Ertel folgend – vom 13. April bis 20. Mai 2009 über Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, die Türkei, Syrien und Jordanien nach Jerusalem gefahren. Sie haben rund 3.700 Kilometer und ca. 23.000 Höhenmeter zurückgelegt. In Belgrad hatte die Gruppe an den orthodoxen Osterfeiern teilgenommen, in Istanbul wurden die Radler vom Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., in Iskenderun von Bischof Padovesi empfangen. In Jerusalem und Bethlehem standen Gespräche jüdischen und palästinensischen Friedens- und Menschenrechtsgruppen auf dem Programm. – Das Ziel der Fahrt war, ein Zeichen für den Frieden im Nahen Osten und den interreligiösen Dialog zwischen Christen, Juden und Muslimen zu setzen. Das habe man erreicht, sind Werner Ertel und die Radfahrer/innen überzeugt und meinen, dass die Hoffnung auf Frieden zwischen Israel und Palästina niemals aufgegeben werden dürfe. (www.friedensradfahrt.eu)

adventagenda (9)

leuchte-kraft

aus allen wolken / auf alle straßen
und auf alle himmel / erdwärts

falle / licht der welt
wirf / ein licht der welt
entgegen

falle / hab kein gewicht
sei / ohne schwere und / light
hell sei / wie nichts / wie nichts

komme / durch jede ritze
schmerz und / um die wette
strahle / leuchtend

wandle / finsternis in schatten / und
reiße auf / die schatten aus
dem samtnen dunkel / zugedeckt
in aller stille /

lichte/ immerstille
leuchte

_
© wlb_13122017 (v3)  
Mehr zu dich.

 

Adventagenda (8)

u.A.w.g.

weit
unter den tanzenden Sternen, über 
dem Chor der Wartenden

am Rand 
des blauen Glückes vis-à-vis 
im leuchtenden 
Grün lebender Zäune

am kalkweissen Band
das stumme Glück geleitend

vielleicht: ein Zeichen 
vielleicht 

wie ein Wegelagerer im Schatten
jederzeit ins weite hoffend, sonnenmüde
bescheiden wie stets, leicht zerknittert:

aber schwarz auf weiss: um
Antwort wird gebeten

(c) wb_20171228

„…die Dinge können sich ändern…“

Die 13. Auflage der Bregenzer Ökumenischen Gespräche thematisierte die unübersehbar wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die aktuellen sozioökonomischen Verhältnisse haben im Licht der Bibel, der päpstlichen Enzyklika „Laudato si“ (LS) und der katholischen Soziallehre deutlich an Profil gewonnen. Die Frage nach Verantwortung und konkretem Handeln begleitete – quasi als adventliches Basso Continuo – die drei Abende.

Die wachsende Ungleichheit und die horrende, ungleiche Verteilung gesellschaftlichen Reichtums wird seit langem und zunehmend besorgter wahrgenommen. Die Bedrohung des sozialen Friedens ist allerorten ein Thema. Die Initiative der katholischen und evangelischen Gemeinde(n) in Bregenz reagiert sozusagen „in Echtzeit“. Darüber hinaus, so Herbert Pruner, der die Vorbereitungsarbeit koordiniert, „soll es nicht bei der Theorie bleiben, sondern konkretes Handeln in globaler Verantwortung steht – in einem noch zu entwickelnden Projekt –  auch auf der Agenda.“

Mag. Sabine Gritzner-Stoffers, Pfarrerin _ ©privat

Den Armen zugeneigt. In einem sachlich ausgewogenen „biblischen Befund“ versammelte Sabine Gritzner-Stoffers (ev. Pfarrerin, Religionslehrerin) zahlreiche Hinweise aus der Thora, den Propheten bis hin zur Bergpredigt. Die Frage: „Wie passt das Kamel durchs Nadelöhr?“ (Lk 18) blieb ohne direkte Antwort. Doch die Bibel weiß: Gott neigt sich den Armen zu, will ohne Umschweife das „gute Leben für alle“. Und sie kennt die menschengemachten, real existierenden Hindernisse auf dem Weg dorthin. Das bekannte Jubeljahr, temporär wiederkehrende Schuldenerlässe u.a. zeigen das individuelle, soziale und (!) politische Mühen, Kämpfen, Streiten um rettenden Ausgleich und Abbau der gefährlichen Spannung zwischen krassem Reichtum und massiver Armut. Solche gut erkennbare Spuren führen indirekt zu tragfähigen Antworten.

 

Dr. Markus Schlagnitweit _ ©privat

Neuer Mensch. Daran arbeitete auf der Basis der Enzyklika „Laudatio si“ (LS) der Geistliche, Theologe und Sozialwissenschaftler Markus Schlagnitweit (Linz) höchst produktiv weiter. Er erwies sich als genauer Übersetzer und bedachtsam strukturierter Interpret des Textes von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015.  Einseitig als „Umwelt-enzyklika“ apostrophiert, zeigt sie sich – aus der „Sorge um das gemeinsame Haus“ heraus geschrieben – als veritable Seh-, Entscheidungs- und HandlungsHILFE für – über die Katholizität hinaus – „alle, die guten Willens sind“ und sich darin verbunden wissen, dass „sich die Dinge ändern können (LS 13)“. Franziskus, der Papst, geht spirituell-politisch in die Spur seines Namenspatrons aus Assisi. Im Poverello (LS 10) sieht er die Lebens- und Glaubensweise eines „neuen Menschen“ (LS 118) skizziert, der sich abwendet vom dominant-zerstörerischen,  weil „fehlgeleiteten Anthropozentrismus“.

Das ist nur eine der not-wendigen Übungen auf dem Weg zu einer Gesellschaft, in der Solidarität ein Hauptwort, soziale Gerechtigkeit ein Lebenselixier sowie schöpfungsgemäße Menschenwürde und Menschenrecht als Maß des „guten Lebens“ gelten. Wer dabei utopische Zwischentöne vernimmt, verhört sich gründlich. Der Papst ist Realist – und mit einem unerschütterlichen Vertrauen in Mensch und Schöpfung gesegnet.

Dr.In Magdalena Holztrattner, Direktorin der KSÖ

Gefährdete Solidarität. Davon ist auch Dr.in Magdalena Holztrattner (Direktorin der KSÖ, Wien) „infiziert“. Ihr Vortrag zeigte – mit Daten, Fakten und Zahlen belegt – die Auswirkungen des sukzessiven Abbaus des österreichischen Sozialstaates: „Österarm – zu reich, um zu teilen.“ Im Spektrum von einer Reihe von (nach wie vor gültigen) beschämenden sozialpolitischen Entscheidungen ist der „soziale Kitt“ einer Gesellschaft, nämlich Solidarität, an den Rand gedrängt, gefährdet, absturzbedroht.

Jetzt. Umkehren, aufwachen, wachsam sein und bleiben – so die adventlich-prophetischen Hinweise, unvermeidlich in diesen Tagen. Sie kommen unisono aus der Bibel, der päpstlichen Enzyklika und der Soziallehre. Und die Zeichen der Zeit lassen erkennen, dass die „Zeit gekommen ist“ not-wendige Wege in Richtung einer neu zu gestaltenden, humanökologischen, schöpfungsgemäßen und menschenwürdigen Welt in Angriff zu nehmen.<

(vgl. Vorarlberger Kirchenblatt Nr. 48 vom 28.November 2019)

ENTWEDER. ODER!

Wie können wir mit langwierigen Konflikten leben? Woher nehmen wir die Kraft zum Durchhalten?

Friedensdialog mit Sumaya Farhat-Naser

27. November 2019, 19.30 Uhr
Dornbirn, Pfarrhaus St. Martin

Dr. Sumaya Farhat-Naser © WLB

Sumaya Farhat-Naser erlebt den israelisch-palästinensischen Konflikt seit Jahrzehnten aus nächster Nähe. Sie ist über ihren Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit im Nahen Osten bekannt geworden, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Als palästnensische Chris2n besuchte sie die Internatsschule Talitha Kumi deutscher Diakonissen bei Bethlehem, studierte an der Universität Hamburg Biologie, Geographie und ErziehungswissenschaPen und promovierte in angewandter Botanik. Von 1997 bis 2001 leitete sie das paläs2nensische Jerusalem Center for Women, das sich gemeinsam mit der israelischen Gruppierung „Bat Shalom“ für den Frieden engagiert. In ihren Büchern und zahlreichen Vortragsreisen in Europa und den USA, setzt sie sich seit Jahrzehnten für Gewaltverzicht und Dialog ein.

Ihre Arbeit als Friedensstifterin und Vermittlerin zwischen Palästina und Israel ist vielfach gewürdigt und mit Preisen ausgezeichnet worden: 1989 erhielt Sumaya Farhat-Naser die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Münster. 1995 wurde sie mit dem Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte und 1997 mit dem Evangelischen Buchpreis des Deutschen Verbands Evangelischer Büchereien sowie dem Versöhnungspreis Mount Zion Award in Jerusalem ausgezeichnet. Zudem erhielt sie 2000 den Augsburger Friedenspreis, ihr wurden die Hermann-Kesten-Medaille des P.E.N.-Zentrums Deutschland (2002), der Bremer Solidaritätspreis (2002), der Profaxpreis (2003) und der AMOS-Preis für Zivilcourage in Religion, Kirchen und Gesellschaft (2011) verliehen.

Zum Verlauf des Abends: Friedensdialog
Ein Impulsreferat zum Thema eröffnet den Abend. Kurze Rückfragen zum Verständnis bzw. zur Sache leiten über zu einem gemeinsamen Gespräch in Form eines Kreis-Dialoges. Ziel ist der Austausch über Gehörtes und Empfundenes sowie eine Stärkung der persönlichen Friedensfähigkeit.

Eintritt: Freiwillige Spenden
Veranstalter: Friedenskrafwerk Vorarlberg (Dornbirn) // Kooperationspartner: ACUS Vorarlberg (Arbeitskreis Sozialdemokratue und Christentum) // bodenseeakademie.at // Renner-Institut // Werk der Frohbotschaft // Ökumenisches Bildungswerk Bregenz // KBW Pfarre St. Martin, Dornbirn // Evangelische Pfarrgemeinde Dornbirn // Internationaler Versöhnungsbund // plan-g (Partnerschaft für globale Gesundheit), Bregenz.
Ankündigung (Flugzettel, Plakat) als PDF zum Download

15.11.19 – WORT & KLANG in Frastanz

Das Frastanzer „DOMINO, s’Hus am Kirchplatz“ ist ein besonderer Kulturort. Für die Einladung, in der traditionsreichen Reihe „WORT & KLANG“ einen Abend zu gestalten, bedanke ich mich gerne bei Frau Mag. Christine Kieber und ihrem Team. 

  • Autorenlesung:  dazwischen . aber . leben 
  • Freitag, 15. November 2019  –  19.30 Uhr
  • Frastanz, Domino – s’Hus am Kirchplatz 

Der Abend ist ein besonderes Erlebnis für mich, weil John Gillard mit seiner Gitarre den Abend musikalisch begleiten wird und für – im wahrsten Sinn des Wortes – für „guten Ton“ bzw. für den Klang sorgt. Der Dialog zwischen seinen Gitarre-Improvisationen und meinen Texten wird spannend und bemerkenswert sein.

Zum Programm:
Texte aus „dich“ (Hecht-Verlag, 2017) dürfen nicht fehlen, ich werde sicher damit beginnen. Aber auch Unveröffentlichtes aus der Schublade (wenn auch gewiß nicht aus der untersten :-)) und zwar Gedichte wie auch kurze, prosaische Texte unter dem Motto „dazwischen.aber.leben“; aus der Haiku-Abteilung wird es auch etwas geben.

Die Protagonisten:

Walter L. Buder (Dr. theol.) – www.walter-buder.at
1948 in Rankweil geboren, lebt in Bregenz; seit 2011 Wiederaufnahme des in jungen Jahren gefundenen „literarischen Fadens“ (Gedichte, poetische Kurzprosa) – dazu aktiv als Reisebegleiter (Frankreich-Provence, passionierter Friedensarbeiter und nicht-elektrischer Tourenradler und Mountainbiker). Publikationen: „menschen-möglichkeiten (Pustet, 1985); „dich“ (Hecht, 2017); zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften, Zeitungen…

 

John Gillard – www.johngillard.com
1947 in England geboren übersiedelte er 1971 nach Österreich, studierte am Mozarteum und kam 1977 nach Bregenz. Er gründete die „John Gillard Folk Group“ , spielte in der Gruppe „Turnalar“, schrieb selbst unzählige Stücke und Lieder und beteiligt sich musikalisch an sozial- und umweltkritischen Projekten.

 
Eintritt / Beitrag:  € 12.00 / € 9.00 für Jugendliche und kostenlos für Inhaber des Passes „Hunger auf Kunst und Kultur“

glück, haarig

Dieser Text, hat es am 7. November 2019 geschafft, im Lyrikbewerb von „zeilenlauf.at“ aus ca. 500 Einreichungen heraus, zuerst unter die 15 Finalisten zu kommen und konnte dann – nomen est omen –  im Finale den Platz des 2. Siegers belegen. Eine Buchveröffentlichung von Seiten des Veranstalters ist für Anfang kommenden Jahres vorgesehen.

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die liebe schlägt zu
der kleine zeh jubiliert
einfach versinken

wie wogen, so still
und schwebend, sanft wie ein hauch
deine hand im haar

© wlb _ 25032019

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Eine Fotogalerie (© Alexander Felten) dokumentiert die Veranstaltung im CASINEUM – Veranstaltungsraum im Casino, Baden bei Wien).
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Zum Frühlingsbeginn und rechtzeitig mit der neuerlichen Ausschreibung des Zeilenlauf-Bewerbes 2020, ist der SAMMELBAND 2019 zum vergangenen Lyrik- und Kurzgeschichtenbewerb erschienen. Neben den ‚preisgekrönten‘ Texten, finden sich auch alle anderen gewerteten Gedichte und Kurzgeschichten. Die Lektüre der Geschichten und Gedichte ist ein abwechslungsreiches Erlebnis – was die Form(en) aber auch die Inhalte angeht – und auch unterhaltsam. Die Vielfalt überrascht ebenso wie das literarische Niveau – das alles kann sich sehen lassen!
Dem Veranstalter der Bewerbe „zeilenlauf.at“ – insbesondere Frau Clara Thomayer (vison05), die für die Gesamtorganisation verantwortlich zeichnet und damit auch für die Herausgabe des Buches – ist Dank zu sagen. Die Stadt Baden bei Wien wird neben ihren schon zahlreichen ‚Reizen‘ durch dieses feine literarische Ereignis definitiv bereichert. (wlb)

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13. 11. 19 – Rosenkranz & Buder in Doren (KleinWien)

Herzliche Einladung zum Autoren-Lese-Abend!

Auf Initiative von Pfr. em. Eugen Giselbrecht ist es zu dieser Autorenlesung der durchaus besonderen Art gekommen. Die Katholischen Bildungswerke von Doren, Langen b. Bregenz und Sulzberg haben sich mit der Bücherei KleinWien in Doren, dem Veranstaltungsort, zusammengetan, und uns Theologen Gilbert Rosenkranz (Innsbruck) und mich zu einer Lesung einzuladen.

  • 13. November 2019,  19.30 Uhr 
  • Doren, Bücherei, Klein Wien 
  • Motto: „zwischen den zeilen, vielleicht dich“

Zum Programm und Inhalt

Gilbert Rosenkranz (Chefredakteur des „Tiroler Sonntag‘) versammelt (gemeinsam mit Maria Razdiwon) religiöse Poesie, Gebete und Gottes-Gedanken; Walter L. Buder’s Gedichtband ist einem „dich“ gewidmet, das den Autor – wie es in einem der Texte heißt: „zum Sprechen gebracht“ hat und in fast 100 „poetischen Miniaturen“ literarischen Ausdruck findet.

Die musikalische Untermalung des Leseabends hat Gilbert Rosenkranz mit seiner Zither übernommen. So ist alles für einen interessanten und anspruchsvollen November-Abend in der Dorener Bücherei KleinWien, einem feinen Hort für Kultur, Bildung und Literatur, vorbereitet, wo es „zwischen den zeilen, vielleicht dich“ und noch mehr zu hören, zu schauen und finden geben wird.

Freuen Sie sich auf eine Lesung der etwas anderen Art.

nicht vergessen (poetische skizze nr IV zu carl lampert)

Carl Lampert (*1894 in Göfis/Vorarlberg) ist am 13. November 1944 – im Zuchthaus „Roter Ochse“ in Halle an der Saale enthauptet worden. Er ist im Jahr 2011, an seinem Todestag, in der Stadtpfarrkirche St. Martin (Dornbirn) als Märtyrer und Seliger „zur Ehre der Altäre erhoben worden. 

_
IV

NIEMANDEN VERGESSEN
so bleiben staub und asche,
dein versprechen und die BITTE wie abgerissen, 
schmutzigweiß, hängen die fähnchen
NICHT VERGESSEN
knattern, in jedem noch so leisen wind,
ragen wie aus den todeszellen und flattern
NICHT VERGESSEN.
taub und stumm die menschenwüste
NICHT VERGESSEN WERDE ICH, nicht vergessen,
dich und dich und keine, keinen, niemanden
VERGESSEN WERDE ICH EUCH nicht
und mein weg ist euer weg und
UND, BITTE MICH mein weg AUCH ewiger gefährte
NICHT VERGESSEN niemanden nie und nimmer.
AUCH mich.
Ich bin du bist er sie es ist wir sind ihr seid sie sind
NICHT VERGESSEN

o wunderbarer tausch.
in tausend nachten tausendfach verhandelt, verwandelt,
gewandelt: in Gedanken und im herzen aufgesagt,
stumm mit gelähmter zunge lobgepriesen,
dankbar im versteck das offene geheimnis mit getragen,
geschenkt bekommen, hinter vorgehaltener hand
gekostet von der wahrheit, gekostet von unser aller brot.
Und entziffert, das verkrustet himmlische kassiber, entschlüsselt,
lesbar für alle
DIE MEINEM HERZEN NAHE sind
übersetzt für die DURCH DIE BANDE DES BLUTES
hergegeben, dargebracht, geopfert in der deckung
von soutanen, monturen, uniformen, im blaua
häss DES BERUFES UND BESONDERS täglich christus
angezogen, unausdenkbar wie ein kleid DES LEIDES.
nicht vergessen IHR MICH ICH EUCH ER UNS
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Zum Text
Unter dem Titel: „basta und streusand drauf. eine poetische skizze entlang der kontur von carl lampert in fünf versuchen“ ist dieser fünfteilige Text für das von Susanne Emerich herausgegebene Buch „Hätte ich nicht eine innere Kraft … Leben und Zeugnis des Carl Lampert„, Innsbruck (Tyrolia – Verlag) 2011 entstanden. Hier ist der Teil IV „NIEMANDEN VERGESSEN“ (im Buch die Seiten 63 – 67) 
vgl.: eine poetische skizze entlang der kontur von carl lampert (1894-1944) in fünf versuchen. Aus: dich. Hard, Hecht-Verlag 2017, Ss. 58-63, hier 61f.

 

vor aller augen: das verhängnis

und ihre gaben / wie funken
von weitem / die wörter: auswerfen /
ankern im sterben / nahe, so nahe
beim noch-nicht-tot / vor allem
aber wenn dann

unvermutet / steigen die wasser
und das heimweh / lichtgeröll zwischen
den deckeln des buches / in den
auslagen von schall und rauch / hagelsanft
und donnergroll

dort stehen wir gut/ aufgelegt
unverbunden und unverpflichtet / vor
aller augen: das verhängnis / im mundwinkel
sucht nach bergendem lächeln /
zieht / unmerklich leise folter / nur

die lippen bleiben / in der waage /
leicht geöffnet, einen lichtspalt weit / die enge
pforte: kein bekenntnis kein bekenntnis /
strömt atem in den wunsch / unausgesprochen
bleiben, lautlos sein gerettet / ein bisschen

in der zeit / eingespannt wie immer noch /
gelassen zwischen tür-und-angel / gelassen und
ruhelos gelassen: sag‘ ohne ruh‘ noch nicht
ein wenig nur / und noch

 

_
© wlb
vgl. dich (2017), s. 66 (leicht veränderte Version, 04102019)

 

Friedensregion statt Rüstungsregion

Für eine Region des Friedens statt der Rüstung am Bodensee und ein weltweites Atomwaffenverbot

Annähernd tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem ganzen Bodenseeraum setzten sich beim bereits 31. Bodensee-Friedensweg (früher Ostermarsch) am Ostermontag, 22. April 2019 von Konstanz nach Kreuzlingen für eine grenzüberschreitende Friedensregion ein. Jürgen Grässlin, profilierter deutscher Waffenexportkritiker, bezeichnete die Gegend als „Europas dichteste Rüstungsregion“ und forderte, sie bis 2030 in eine Friedensregion umzuwandeln. Annette Willi, schweizerische Mitgründerin der 2017 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Organisation ICAN,  forderte die Bundesrepublik Deutschland und die Schweiz auf,  den UNO-Vertrages für ein Atomwaffenverbot sofort zu unterzeichnen. Die Berner Friedensaktivistin Louise Schneider argumentierte in ihrer Rede gegen die Finanzierung von Rüstungsfirmen durch Schweizer Banken: «Geld für Waffen tötet!»

Konstanz gehörte zu den über 100 Städten in Deutschlang und Kreuzlingen zu jenen (wie Bern)  in der Schweiz, wo die traditionellen Ostermärsche für den Frieden durchgeführt wurden. Beim Internationalen Bodensee-Friedensweg 2019 zählte man rund 1000 Menschen. In den Jahren zuvor, in Friedrichshafen, Romanshorn oder in Bregenz, waren es um einige weniger. Der 31. grenzüberschreitenden Friedensweg versteht sich in der Tradition der europäischen Ostermärsche. Der Kampf gegen Atomwaffen und das Motto „Von der Rüstungsregion Bodensee zur Friedensregion“ standen im Zentrum der Reden der Demonstration, an der Frauen, Männer und Kinder aus Vorarlberg, aus dem deutschen Bodenseegebiet und eine starke Delegation aus der Schweiz teilgenommen haben.  Um 10.15h bewegte sich ein bunter Zug mit Friedensfahnen und Transparenten, angeführt durch eine Trommlergruppe, durch die Konzilsstadt zum Stadtgarten.

Jürgen Grässlin, profilierter bundesdeutscher Waffenexportgegner und Sprecher der Kampagne Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! war als Hauptredner eingeladen worden. „Der Bodensee ist einmalig – einmalig als Anziehungspunkt für unzählige Touristen, die die Schönheit dieser Naturregion geniessen; einmalig ist die Region aber auch als Produktionsgebiet für Kriegswaffen, die in Krisen- und Kriegsgebiete exportiert werden und auf Jahrzehnte hinaus, ganze Landstriche völlig verwüsten.“ Grässlin spräche von den 18 (!) bedeutenden Rüstungsbetrieben und zahlreichen waffentechnischen Zulieferbetrieben,  die den Raum um den Bodensee zu Europas dichtester Rüstungsregion machen.  Mehr als 7500 Menschen arbeiten direkt in den Waffenschmieden, viele weitere tausend Menschen in Zulieferbetrieben. Mit Kriegswaffen und Rüstungsgütern aus Deutschland, der Schweiz und Österreich würden Kriege und Bürgerkriege im Nahen und Mittleren Osten sowie in Asien befeuert. Die Rüstungsfirmen ATM, Diehl, Airbus, MTU, General Dynamics (die 2010 die Kreuzlinger Mowag übernommen hat), produzieren, verkaufen und liefern mit ihren Waffen Tod und Verderben weltweit. Diese ‚Beihilfe‘ zu schweren Menschenrechtsverletzungen müsse ein Ende finden, führte Grässlin aus und rief auf, „den militärisch-industriellen Komplex am Bodensee in acht bis zehn Jahren bis 2030 vollständig in einen friedensindustriellen Komplex“ umzuwandeln.

Auf dem Weg zur Grenze in Richtung Schweiz, bildeten die KundgebungsteilnehmerInnen ein menschliches Peace-Zeichen als Symbol für die Notwendigkeit grenzüberschreitender Friedenszusammenarbeit. Am Hafenplatz in Kreuzlingen sprach – nach einem Picknick mit Linsensuppe bei strahlendstem Osterwetter – Berner Friedensaktivistin Louise Schneider. Als „Spray-Grosi“ hatte Friedensaktivistin 2017 anlässlich der Schweizer Volksinitiative gegen die Finanzierung von Rüstungsfirmen durch Schweizer Banken, deren Gebäude mit Sprüchen und Parolen besprayt. Ihr feuriges Plädoyer für nachhaltiges Friedensengagement war ebenso beeindruckend, wie ihre Forderung, das milliardenschwere schweizerische Projekt des Ankaufs neuer Kamppflugzeuge. Man müsse es ebenso „versenken, wie seinerzeit die Beschaffung von schwedischen Gripen-Kampfjets“. 

Annette Willi, Mitgründerin von ICAN (Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen), rief  Deutschland und die Schweiz eindringlich dazu auf, den 2017 von der UNO verabschiedeten Atomwaffenverbotsvertrag endlich zu unterzeichnen, wie dies schon Österreich getan hat. Der Vertrag verbietet Atomwaffen vollumfänglich und sei ein klares Zeichen, dass die Mehrheit der Welt Atomwaffen nicht mehr akzeptiere und sie nicht mehr als legitime Kriegsinstrumente ansehe. Österreich wurde gelobt, das im September 2017 – trotz der politischen Ausrichtung der Regierung – den Vertrag bei der ersten Gelegenheit unterzeichnet und schon vor einem Jahr ratifiziert habe. Demgegenüber dulde die deutsche Regierung „die Stationierung von US-Atomwaffen“ und sei so direkt an der weltweiten Aufrüstungsspirale aktiv beteiligt. Völlig unverständlich ist für Willi die Weigerung des Schweizer Bundesrates, der Aufforderung des Parlamentes nachzukommen, den Vertrag zu ratifizieren. Ebenso kritisierte sie die Aufkündigung des INF-Vertrages zur Begrenzung von Mittelstreckenraketen, der ein wichtiges Element der europäischen Sicherheitsarchitektur sei und unbedingt erhalten bleiben müsse. „ICAN ruft daher Russland auf, glaubwürdige Beweise und Unterlagen zu liefern, um die Anschuldigung einer Vertragsverletzung zu widerlegen, und fordert von den USA, dass Beweise für ihre Anschuldigung zu veröffentlichen und Verifikationsmassnahmen zustimmen.“

Zum Internationalen Bodensee-Friedensweg 2019 hatten rund 100 Organisationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die in der Friedens-, Flüchtlings- und internationalen Zusammenarbeit engagiert sind, aufgerufen. Vorbereitet wird er durch eine «Spurgruppe» unter der Leitung von Lilo Rademacher aus Friedrichshafen BRD. Der internationale Bodensee-Friedensweg sieht sich in der Tradition der europäischen Ostermärsche, die von der pazifistischen Anti-Atombewegung im England der 1960er-Jahre ausgingen. Den Bodensee-Friedensweg gibt es seit Mitte der 1980er-Jahre mit einigen Unterbrechungen bis heute. Er findet jedes Jahr in einer anderen Stadt am Bodensee statt. Konstanz und Kreuzlingen waren schon mehrfach Gastgeberstädte.

Text Peter Weishaupt für IBFW, leicht verändert von WLB.
Für Rückfragen: Peter Weishaupt, Schweizerischer Friedensrat, Tel. 078 693 10 85 oder info@friedensrat.ch. Unter dieser Adresse sind auch, falls gewünscht, weitere Fotos vom Friedensweg erhältlich. 

spuren

in der spur gehen
des auferstandenen / im überkreuzten
leben / unsichtbar im
dickicht / widerstände

aufhören und suchen in
den nächten / flackern zweifel
wie fackeln
andenken und zulassen das 
dunkel / dämmern zum
morgen / zu warten

deine zeit im gehen
verlaufen / vertun wie das 
wasser in wein / mit einem
wort: nur einem / wort wie leib
in brot brechen / und
so

gespurt und geostet / im herzen
das unerhörte / berstend leise
windspiel klingt / im schweigen der
schönen aus magdala

 

 

Auferstehung in der Praxis (1)

Das Realitätsprinzip
 
Der Glaube an einen gewissen Zimmermann aus Galiläa namens Jesus, gestorben und auferstanden in Jerusalem „unter Pontius Pilatus“ – das heißt konkret: in einer kleinen Provinz des Römischen Reiches, die von einem Funktionär der römischen Reichsadministration regiert (besser wohl: gemanagt) wurde – war sehr effizient, um auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Dieser Glaube ist viel zu situationsverbunden, um uns in der Welt der Abstraktionen von „Wissenschaften“ oder „Spiritualitäten“ schweben zu lassen. Vor allem das Ereignis der Auferstehung, ist ein ziemlich strenges Realitätsprinzip. Die daran geglaubt haben waren Fischer, die ihre Netze flicken konnten; Maurer, die fähig waren, Kathedralen zu erbauen; Mönche, die es gewohnt waren, Neuland zu erschließen und Felder zu bearbeiten. Es waren extrem praktische und konkrete Menschen. An den Auferstandenen zu glauben, das war für diese Leute so solide wie Weizen anzupflanzen oder eine romanische Basilika zu bauen. Eigentlich aber  noch solider, denn sie stützten sich auf diesen Glauben, gleich ob sie ein Gewölbe hochzogen oder ihr Getreide.
 
Die Osterevangelien gehen alle in diese Richtung. Sie nehmen unsere Hirngespinste und bürsten sie gegen den Strich. Einen Menschen, der in der göttlichen Herrlichkeit lebt, würden wir uns unweigerlich so vorstellen, dass er ganz Aussergewöhnliches gemacht haben muss – und noch viel heller strahlt wie ein Filmstar bei der Oscarverleihung oder einen, der/die mit Sternen jongliert und dazu noch eine Harmonie eingerichtet hat, in der „der Wolf beim Lamm Schutz findet / der Panther beim Böcklein liegt“ (Jes 11,6). Aber faktisch muss man sich klar werden, dass der auferstandene Jesus nichts von alledem getan hat. Abgesehen von einem Netz, zum Bersten voll mit Fischen, und einer Himmelfahrt, anlässlich derer zwei in Weiß gekleidete Männer ziemlich ernüchternd bemerken: Was steht ihr hier und schaut zum Himmel (Apg 1,11), hat er kaum Wunder vollbracht. Wenn er aber Wunder tut, sind es irgendwie ‚verkehrte‘ Wunder, im Sinn nämlich von Diskretion, Zurückhaltung, des Ganz-Normalen -Nullachtfünfzehn also.
 
Interessanterweise glänzt und strahlt er nach seiner Auferstehung nicht nur weniger als seit der Himmelfahrt auf dem Berg Tabor – er hat auch nicht mehr sein früheres Charisma: Maria Magdalena hält ihn zuerst für einen einfachen Gärtner, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus halten ihn für den Unwissendsten aller Einwohner von Jerusalem, die Apostel meinen, am Ufer des Sees von Tiberias einen Fischer im Ruhestand vor sich zu haben …  Aber er hat den Tod erlitten, ist aus den Höllentiefen wiedergekehrt und trotz alledem legt er aus einer unerklärlichen Schamhaftigkeit heraus Wert darauf, wie ein Passant zu erscheinen: Er war da, in ihrer Mitte (Lk 24,36; Joh 20,19 und 26).  Die Evangelisten bestehen auch auf dieser Bescheidenheit. In ihrer Mitte – das drückt eine überraschende Vertrautheit aus, die viel überraschender als jede fantastische Erscheinung, die man sich in der Logik der Ereignisse durchaus erwarten würde.
Und käme es schon hier zu einer derartigen Erscheinung, bräuchte man nicht mehr zu lesen, was da geschrieben steht: Man stellt sich dann einfach vor, dass er durch Mauern gegangen ist, esoterische Botschaften verkündet, und wie ein Supermann durch Mauern geht, natürlich mit einem strahlenden Heiligenschein.
 
Aber: Nein! Er war einfach da! Er sagte ihnen: Der Friede sei mit Euch! – gerade so, wie man „Guten Tag!“ sagt oder „Grüß Gott!“. Er hat das Brot gebrochen, gegrillten Fisch gegessen, er hat ihre Mahlzeit geteilt. Er erklärt ihnen die heiligen Schriften, so wie man jemanden bei Tisch erzählt, was einem letzthin für ein Abenteuer passiert ist. Und an Stelle einer Machtdemonstration – z. B. einen Stahlträger mit der Macht der Gedanken zu verbiegen – zeigt er ihnen seine Wunden. Bei gewöhnlichen Wundern verschwinden die Wunden; hier aber bleiben sie – für immer und ewig! 
Aus: Fabrice Hadjadj, Résurrectoin – Mode d’Emploi. Paris (Magnificat) 2016, Ss. 11-13. (Zum französischen Verlag Magnificat)
Übersetzung: Walter L. Buder
 

„Wir sind Hefe im Sauerteig“

Katarina Kruhonja (geb. 1949) ist Ehefrau, Mutter, Nuklearmedizinerin, bekennende Katholikin und Trägerin des „Right Livelihood Awards“, des so genannten „Alternativen Nobelpreises“, den sie (gemeinsam mit Vesna Terselic) 1998 für ihre Friedens- und Versöhnungsarbeit verliehen bekam. Die Ärztin ist Mitbegründerin des „Zentrums für Frieden, Gewaltlosigkeit und Menschenrechte“ in Osijek und seit 2007 Mitglied des Exekutivkomitees von Pax Christi International.

Ihr Einsatz für nachhaltige Friedensarbeit wurzelt in einer inneren Erfahrung im Kriegsjahr 1991. Seit damals widmet sie sich in Initiativen und Kooperationen dem Frieden, der Versöhnung und dem Aufbau der demokratischen Zivilgesellschaft im Nachkriegskroatien. In ihrer Eigenschaft als Trägerin des „Right Livelihood Awards“ (1998) war Katarina Kruhonja im November 2010 zu Gast in Bregenz bei den jährlich stattfindenden „Projekten der Hoffnung“ und referierte über ihre Arbeit im Rahmen des Friedens- und Versöhnungsprozesses, den sie – in einer Koalition gemeinsam mit anderen NGOs – für Exjugoslawien –  initiert hat und nunmehr mit aller Kraft begleitet.

Frau Dr. Kruhonja, welche Rolle spielen Glaube und  Religion in Ihrem Leben und in ihrer Arbeit ?
KK: Ich bin gläubige Katholikin. Meine religiöse Reise hat aber schon vor dem Krieg begonnen. Aber dann kam dieser sehr, sehr wichtige Moment in meinem Leben, das  war  während des Krieges – im Jahr 1991. Mir ist klar geworden, dass unser Leben in der Logik des totalen Krieges vor sich geht, dass alles von der Logik der Gewalt und des Hasses dominiert ist. Das heißt es in dieser Situation nur „uns“ und „sie“, „WIR und „die „Feinde“. Ich hatte das Gefühl, in einem Gefängnis zu sein. – Und da sind dann spirituelle Fragen hochgekommen und ich bin offen geworden, vor allem für eine Frage: „Wie kann ich meinen Feind lieben?“

Und – haben Sie eine Antwort gefunden ?
KK.: Ja, ich denke schon! – Ich habe begonnen, meine persönliche Verantwortung am Krieg und für den Frieden zu erkennen und – ebenso wichtig war es – diese Verantwortung auch für mich zu akzeptieren. Das war und ist keine leichte Sache, aber es hat mir geholfen, den Ausweg zu sehen, eine Antwort zu erkennen. Ich habe realisiert, dass es immer noch einen anderen Weg gibt, zwischen dem „Uns“ und „ihnen“. So habe ich angefangen zu versuchen, die Logik der Gewalt und des Krieges zu verstehen. Ja, und dann ich habe angefangen, mitten im Krieg den Frieden zu leben, gewaltlos zu sein und was es bedeutet den Feind zu lieben.

Wie wichtig ist der Glaube in der Friedensarbeit in Kroatien?
KK: Spiritualität ist für jede Friedensarbeit wichtig, nicht nur bei uns in Kroatien. Juden, Buddhisten, alle Religionen kennen diesen „inneren Frieden“ – mit Gott vielleicht oder das eben, was immer die Leute glauben! Aber dieser innere Frieden ist die entscheidende Komponente, ein wichtiges Element in jeder Friedensaktivität. Natürlich hatte ich auch Zweifel an meinem Engagement und einmal suchte ich das Gespräch mit dem Bischof. Er sagte zu mir: „Sehen Sie, wenn Sie für den Frieden arbeiten für den Frieden, sind sie eben wie die Hefe im Sauerteig!“

Welche Rolle spielen die Kirchen (in Kroatien und Serbien) bei der Auferbauung des Friedens in diesen Ländern?
KK: In Kroatien ist die katholische Kirche besonders bedeutsam weil Sie die Kirche der Mehrheit ist. Die Kirche unterstützt die Menschen in ihrem Recht, in einem selbständigen und unabhängigen Land zu leben. Und sie steht dafür ein, dass die Menschen das Recht haben diese Unabhängigkeit auch zu verteidigen. Ebenso stellt sie sich auf die Seite der Opfer des Krieges.
Was in meiner Sicht fehlt, das ist ein klarer Ruf zur Versöhnung! Ja, die Kirche sollte in der Versöhnung eine führende Rolle einnehmen. Das wünsche ich mir, gerade weil ich Mitglied der Kirche bin. Also – für den Moment ist das noch nicht der Fall. Was mich aber ermutigt, ist die Tatsache, dass die Kirche den Dialog des Friedens im Prinzip über die Etablierung eines regionalen Instrumentes des Versöhnungsprozess – RECOM [1], unterstützt. Das ist ein Versöhnungsprozess auf der Basis von regionalen „Wahrheitskommissionen“, wo die Kriegsvergangenheit in öffentlichen Sessionen aufgearbeitet wird. Seit 2008 hat eine Koalition von NGOs aus allen post-jugoslawischen Staaten diesen Dialog-Prozess etabliert. Praktisch stehen in diesen regionalen Kommissionen die Opfer des Krieges im Zentrum, darunter auch die vielen bis heute vermissten Personen und um die Benennung von Kriegsverbrechen, die geschehen sind. Und da erleben wir, dass die Kirchen eine ganz wichtige Rolle haben können. Da werden wichtige Schritte gesetzt in Richtung Aufbau der Zivilgesellschaft und der Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Kirche.

Gilt das auch für die orthodoxe Kirche in Serbien ?
KK: Ja, da ist es wohl ähnlich. Im Moment gibt es innerhalb der orthodoxen und muslimischen Kirchen in Serbien und Bosnien, verschiedene Gruppen, die in diesem Dialog teilnehmen.

Wie ist das Klima (im Moment) für Ihre Friedens- und Versöhnungsarbeit in Kroatien?
KK: Das soziale Klima hat sich sehr verändert. Das ist besonders für die Kriegsopfer wichtig. Der große Schritt, der in dieser Hinsicht bis heute gemacht worden ist, besteht darin, dass heutzutage die Mehrheit der Menschen in Kroatien bereit ist, zu akzeptieren, dass es Kriegsverbrechen gegeben hat und zu sagen: Verbrechen ist Verbrechen, Opfer ist Opfer. Und es ist dabei gleich, ob es sich um Serben oder Kroaten handelt. Für die Aufarbeitung der Kriegsfolgen ist eine solche Atmosphäre ganz wichtig. Seit etwa fünf oder sechs Jahren ist auch die Zusammenarbeit der Opferorganisationen auf beiden Seiten ständig gewachsen. Das sind zwei Elemente, auf denen wir unsere Friedens- und Versöhnungsarbeit gut weiterführen können und zwar in Serbien wie in Kroatien.

Und wo liegen die Hauptschwierigkeiten ?
KK: Nun, da ist vor allem das Problem, dass die Opfer für politische Zwecke manipuliert werden. Das gefährdet unsere Arbeit, wenn die Opfer von Krieg und Gewalt von der Politik oft richtiggehend missbraucht werden – und das trägt dazu bei, dass die Opfer nicht aus dem Teufelskreis der „Viktimisierung“, des Verschweigens erlittener Gewalt zum Beispiel heraustreten können. Es kann nicht zur Vergebung kommen und Versöhnung rückt so in weite Ferne. Da spielen auch die Medien eine wichtige Rolle!

Nun, eine ganz andere Frage: Warum sind Sie nicht Politikerin geworden ?
 KK: (lacht) Vor allem wohl deshalb, weil ich meiner persönlichen Vision folgen wollte und gefolgt bin. Das ist im übrigen auch jene Vision, der sich das „Zentrum für Frieden, Gewaltlosigkeit und Menschenrechte“ in seiner Arbeit verpflichtet sieht. Nämlich, dass zuerst die Bürger verantwortlich sind und Macht haben, indem sie sich verantwortlich einbringen und organisieren können, also Anteil nehmen können an der Politik. Diese Vision ist zu unserer „Mission“ geworden, zur Aufgabe des Friedenszentrums. Es geht mir und uns also darum, die Menschen in ihren Möglichkeiten zur Verantwortung und zur Teilhabe an politischer Macht zur Gestaltung der Gesellschaft zu fördern. Das ist etwas, das ich gerne tue, das mir Freude macht. Am Aufbau der Zivilgesellschaft an der Basis mitzuwirken, denn natürlich brauchen wir Politiker/innen mit einem neuen Profil für die Gestaltung einer guten Zivilgesellschaft. Also: Politikerin zu sein, das ist nichts für mich, das ist etwas für die jungen Menschen…

Welche Erfahrungen bestärken Sie in Ihrem Einsatz ?
KK: Ganz am Anfang, als ich 1991 begonnen habe, begegnete ich einem Menschen, der Atheist war. Er hat mit mir „gefühlt“ – diese Begegnung war für mich persönlich ganz wichtig und ich erlebe immer wieder, wie wichtig persönliche Begegnungen sind und das Gefühl, einander zu verstehen. Dann: In der ersten Phase unserer Arbeit war es auch wichtig, dass Menschen von außen gekommen sind. Besonders wichtig waren Adam Curle[2] und Herbert Fröhlich[3], denn sie haben uns zwar mit Anteilnahme aber nicht als Opfer angesehen, sondern als Teil der möglichen Lösung. Hier war es das Zuhören und ihr Nachfragen, wo wir die Möglichkeiten sehen in unserer Situation, welchen Beitrag wir imstande sein könnten zu leisten. Und das Wichtigste: Wenn ich mit den Leuten arbeite, mache ich die eigenartige Erfahrung, dass ich mehr bekomme als ich gebe. Je näher ich auch ganz unbekannten Menschen komme, habe ich das Gefühl, mehr über mich lernen.  Diese Erfahrung aus der alltäglichen Arbeit ermutigt und bestärkt mich jedes Mal. – Sehen Sie, ich begegne sehr vielen Menschen, meistens unbekannte Leute, die gelitten haben unter dem Krieg und unter oft fürchterlicher Gewalt. Viele waren im Gefängnis und viele haben Schreckliches erleben müssen. Aber immer wieder gibt es  im Alltag  kleine Zeichen, dass die Menschen sich verändert haben, und viele beginnen langsam, Schritt für Schritt für den Frieden zu arbeiten. Wir sind wie die Hefe im Sauerteig (4) – ich glaube, die Hefe wirkt…<


[1]    Regional Consultation on Mechanisms of Truth-Telling. Das ist der englische Kurztitel für eine seit 2008 laufende Bewegung, in der in regionalen Konsultationen – ähnlich den „Wahrheitskommissionen“ in Südafrika – die Benennung und Aufarbeitung von Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen geht, die in der Zeit von 1991 bis 2010 im Territorium des früheren Jugoslawiens begangen worden sind.
[2]    Adam Curle (1916 – 2006). Als Charles Thomas William Curle ist er in L’Isle-Adam, im Norden von Paris geboren worden. Er war ein britischer Akademiker und als Quäker aktiv in der Friedensbewegung, wo er als „Adam“ – nach seinem Geburtsort – bekannt war.
[3]    Herbert Fröhlich (+ 30. März 2005) war seit 1975 in verschiedenen Funktionen bei Pax Christi Deutschland und Pax Christi International tätig. Der Frieden in Ex-Jugoslawien lag ihm besonders am Herzen.
(4) „Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.“ vgl. Lukas 13,20–21 LU

Links (alle verlinkten Homepages sind in englischer Sprache verfügbar):
CPNHR Center for Peace, Nonviolence and Human Rights (Osijek(Coratia)
RECOM (Regionale Kommissionen zur Aufarbeitung der Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien)
Coalition for RECOM (Motive, Gründe und Anliegen der Bürgerbewegung )

Dieser Beitrag ist im Vorarlberger KirchenBlatt vom 7.12.2010 erschienen.

Wrembek: (K)Eine Chance für Judas?

Christoph Wrembek SJ leistet kritische Arbeit am christlichen Gottesbild. Die biblische Figur des Judas und dessen Schicksal, gehören im Blick des Autors neu gelesen. Acht Ansätze legen Antwortspuren in existenziell und theologisch schwierigem Gelände. 
 
Christoph Wrembek SJ ist kein Unbekannter – nicht nur nicht in Vorarlberg sondern im Gegenteil, ein vielgelesener Autor theologischer Arbeiten mit einem ausgesprochen seilsorglichen Interesse. Und ein Jesuit der ‚alten Schule‘ ist er auch, ein Seelsorger mit Herz und Seele und einer fundierten Theologie als Basis und Hintergrund seiner Verkündigung. Das alles wohl auch deshalb, weil er ein akribisch genauer Wissenschaftsarbeiter ist. Seine Bücher – die Reihe der Titel ist ziemlich lang – belegen das, ein jedes für sich! Dazu kommt, dass sie gut ankommen, vor allem bei einer Leserschaft, die im Denken für den Glauben „klare Kante“ – wie man in Norddeutschland Wrembek lebt sagt –  sucht.
 
Das vorliegende Paperback ist ein „Antwortbuch“, stehen die 63 Seiten doch in einem direkten Zusammenhang mit dem 2017 gleicherweise im Verlag Neue Stadt erschienenen Buch „Judas, der Freund“.  An der biblischen Gestalt des Judas, exemplifizierte Wrembek dort die alle menschliche Vorstellungskraft übersteigende Güte Gottes, eine Barmherzigkeit, für die es keine Grenzen gibt. In einem Kapitell der Basilika von Vezelay hat sich ein Steinmetz des 13. Jahrhunderts abgearbeitet, indem er einem Hirten (den Wrembek als Jesus erforscht und erkennt), den erhängten, toten Judas auf die Schultern legt, dorthin wir gewohnt sind, ein Lamm zu sehen: „Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich“ (6) formulierte Wrembek seine Erlösungsbotschaft damals im Untertitel. Klar, dass dieser „steine Einstieg“ in existenzielle Lebensfragen und theologisch nicht gerade leichtes Gelände, für ordentlich Furore sorgte. Was sagt diese Judasdeutung für Reue und Umkehr, für die Freiheit des Menschen, für Themen des Glaubensgutes wie Hölle, Erlösung, Vergebung und Gerechtigkeit für alle? Und: Werden am Ende wirklich ALLE am ewigen Tisch der Freude sein? – Nun muss man sagen, dass „Antwort“ ein sehr großes Wort sein kann. In Christoph Wrembek’s  VADEMECUM (lat. Geh’-mit-mir) finden sich massive Hinweise auf unübersehbar gelegte Spuren zu radikal neuen Antwortansätzen auf die existenziell und theologisch bewegende Frage, ob es für Judas noch eine Chance gibt? Wenn nein, weshalb nicht – und wenn Ja, deshalb dann?  Wrembek Arbeit an der Veränderung und Entfaltung des christlichen Gottesbild auf biblischer Basis, schein noch nicht so bald erledigt. Aber Lao-Tse’s Weisheit, dass jede noch so lange Reise mit dem ersten Schritt beginnt, könnte auch auf als Antwort auf die Frage im Buchtitel geben: „(K)Eine Chance für Judas?“.  
 
Zum Buch: Christoph Wrembek SJ, (K)eine Chance für Judas? Wie barmherzig wir Gott denken dürfen. München (Verlag Neue Stadt) 2019. 

„Das Volk braucht Poesie wie Brot“ (Simone Weil)

„Es war ein Experiment und es ist gelungen“ waren Gastgeber und Gäste in der Buchhandlung ARCHE sich einig. Der Einladung zu Lesung und Gespräch über „Poesie und Spiritualität“ an zwei Nachmittagen in der Fastenzeit, freute die Poeten/innen Emma Lenzi, Marlene Giesinger, Jürgen Schäfer und Walter L. Buder ebenso wie die gar nicht so kleine ‚Gemeinde‘ der Lyrik-Gedichte-Poesie Freundinnen und Freunde. 
 
v.l. Walter L. Buder, Emma Lenzi, Annamaria Ferchl-Blum (Moderation) ©UBG

Unter der Moderation von Mag. Annamaria Ferchl-Blum haben jeweils zwei Autoren/innen aus ihren Gedichten bzw. poetischen Texten gelesen und lieferten genau damit den Stoff für die erwünschten und erhofften darauf folgenden Gespräche im und mit dem Publikum. Leicht über 35 Personen hatten sich am 15. März (Emma Lenzi, Walter L. Buder) Zeit genommen, während eine Woche später, am 22. März 2019, etwa 15 gesprächsfreudig Poesiefreundinnen und -freunde Zeit genommen hatten, in die Buchhandlung ARCHE zu kommen.   Die Gastfreundlichkeit des Teams um Irmgard Heil (Geschäftsführerin) ist bestechend, der Raum ist weit, hell und offen, durchlässig geradezu, denn die Veranstaltung ist nur durch das Glas des Schaufensters von ‚draussen‘ getrennt. 

 
Man hatte sich sich – der Zeit des Kirchenjahres andeutungsweise entsprechend – einen Themenrahmen bei Simone Weil (1909-1943): „Das Volk braucht Poesie wie Brot“ und – diesen Gedanken weiterführend und vertiefend – bei Ingeborg Bachmann (1926-1973), ausgeliehen: „Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wieder erwecken ehe es ihn stillt…“. In ihrer ersten Poetik-Vorlesung (1960) in Frankfurt hatte sie das Zitat von Simone Weil aufgenommen und so zu Ende geführt: „…Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können. Wir schlafen ja, sind Schläfer, aus Furcht uns und unsere Welt wahrnehmen zu müssen.“ 
 
Es waren denn auch recht „steile Einstiege“, die da von Marlene Giesinger (Altach), Emma Lenzi (Fußach) und den beiden Autoren Jürgen Schäfer und Walter L. Buder den aufmerksamen Zuhörern/innen angeboten worden sind. Alle vier Poeten haben ihre Texte im letzten Jahr auch in Buchform publiziert. Ihre poetische Arbeit ist eingebettet in eine erstaunlich rege und vielfältige lyrisch-literarische Szene in Vorarlberg. 
 
Doch der Reihe nach: Am 15. März, sind Emma Lenzi (Fußach) und Walter Buder (Bregenz) ‚angetreten‘. Wie sehr die Poesie eine Brücke zwischen Spiritualität und Glauben zu schlagen imstande ist, auch wenn diese im eng geflochtenen Netzwerk des ganz gewöhnlichen Lebens oft unbemerkt und kaum beachtet sind. Der drängende Realismus in der Poesie Emma Lenzi versteckt sich nicht im Tageslärm, sondern gibt einen Ton vor und sorgt für einen Takt, der den inneren Lebens-Rhythmus provoziert. Ihr letztens erschienener Gedichte-Band „Was heißt schon Alltag“ dokumentiert mit unersschrocken-lakonischer Einfachheit den An- und Zuspruch, der aus der Wirklichkeit kommt. Walter L. Buder bot neben der Lyrik aus dem 2017 erschienenen „dich“ auch neue Texte an, die den dortigen lyrischen Duktus zwar aufnehmen aber ganz neu formatieren. Zum Großteil in der Form des Haiku, wirken sie oft als Trigger, wecken Erinnerung und tendieren in Richtung eines Trostes, der – nach Art des einstigen biblischen Mannas – aufgelesen werden kann und in den mühsamen Lebensetappen als eine Art Instant-Nahrung, den Mur zur Wirklichkeit nähren. 
 
v.l. Jürgen Schäfer, Marlene Giesinger am 22. März 2019: Poesie wie Brot ©WB

Ganz andere Klänge, Töne und Bilder hatten am zweiten Poesie-Freitag in der ARCHE die Altacher Diplompädagogin und Religionslehrerin Marlene Giesinger und der ehemalige reformierte Pfarrer und jetzige Seelsorger im Bonetti-Haus, Jürgen Schäfer mitgebracht. Marlene Giesinger sucht und findet in ihren unverhohlen religiös-spirituellen Textkompositionen „Spuren nach Emmaus“ (2018, Pustet-Verlag), die immer auch zu den Quellen im eigenen Inneren führen. Das Buch hätte – allein deswegen – einen seriöseren Untertitel verdient als: „Gedichte, die das Leben schrieb“, zumal sich die Autorin mit ihren klugen und reflektierten Glaubensgedanken nicht hinter einem „Leben“ verstecken muß.  Jürgen Schäfer ist selbstbewußter, reflektierter Theologe, dem die Poetik als Instrument der Ver-Botschaftung bzw. Ver-Kündigung eines lebendigen, kritischen und leibhaftigen Glaubens nicht fremd ist. Unter dem Titel „In der Liebe sein“ (EYE-Verlag) hat Schäfer eine veritable und durchaus poetisch bewegte „leibhaftige Spiritualität“ skizzierend ins Wort gesetzt. Manchmal sind die schönen Fotos, die das Thema im Buch außergewöhnlich emphatisch mit-gestalten, in ganz leisen Momenten auch in den Worten zu vernehmen. 

 
Achtung – die abschließende Warnung: Das poetische Schaffen von Vorarlberger Autoren/innen kann beachtliche Nebenwirkungen haben, nachhaltige Freude und – in aller Freiheit: Einsicht bewirken. Wir leben in Zeiten, in denen die Normalität von 140 Zeichen von einer Minute auf die andere im Innersten verändern können. Das bedenkend, könnte man meinen, dass Lyrik und Gedichte eigentlich Hochsaison haben. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Allerdings: Nicht immer und nicht überall. „Die Buchhandlung ARCHE ist ein guter Ort für Poesie“ brachte es eine Zuhörerin auf den Punkt in ihrer Forderung: „Zugabe, mit zwei Rufzeichen“. (wb)

hüten

in zaunloser weite
wie ausgesetzt aber nicht rastlos
im horizont der schöpfung
boden gewinnen

schreitend im takt zeitloser unrast
wie wankend aber nicht ruhelos
im lichtkreis des stabes 
seelen nähren

und bergen. und schützen. und sorgen.
neugeborene im unterholz verstecktes leben
retten und heilen. vielleicht. immer
aber gefährlich entschieden und
einfach sein

den träumen ein auge
den leiden ein herz
den machten ein widerfahrnis
das feld zu behalten. widerstehen.

und hüten. das offene
geheimnis.

© wb, aus: dich (2017), s. 66
Das Gedicht ist hier – vom Autor gelesen – zu hören. Der Text ist als Tonbeitrag im Rahmen der Fastenaktion 2019 „Halt Amol“ auf der Projekthomepage am 21032019 veröffentlicht worden.

Strampeln für Versöhnung und Frieden

Am 2. September 2011, ein Freitag, überspannte ein tiefblauer Himmel die Wiener Innenstadt. Der Turm des Wiener Stephansdomes leuchtete in der Morgensonne. Auf dem „Helmut-Zilk-Platz“ bei der Albertina, hinter der Staatsoper, macht sich eine Gruppe von Radfahrern startklar. Die Leute tragen ein weißes T-Shirt mit dem blauen Logo einer stilisierten Friedenstaube im Flug; auf dem Rücken, zwischen den Flügeln, trägt sie eine/n Radfahrer/in. Darunter steht: „friedensradfahrt.eu, Bosna i Hercegovina 2011“. 

Die Friedensradfahrt nach/in Bosnien-Herzegowina“ (BiH) war das Unternehmen, organisiert von Seiten des österreichischen Zweiges des Internationalen Versöhnungbundes (IFOR), überschrieben. Seit seiner Gründung am Vorabend des Ersten Weltkriegs, setzt er sich gegen Krieg und jede Form von Gewalt wie auch für einen gewaltfreien Umgang mit Konflikten auf allen Ebenen ein. Der österreichische Zweig des Versöhnungsbundes wurde 1921 gegründet, war in der Nazizeit verboten und wurde 1953 wieder aktiv. Schulungen zur aktiven Gewaltfreiheit und gewaltfreie Initiativen in Kolumbien, Israel und Palästina sowie im Westbalkan sind in seinem Programm. Seit dem Beginn der Kriege im damaligen Jugoslawien – also 1991 – war er Versöhnungsbund unter anderem an der Entsendung von ca. 120 österreichischen Friedens-dienern/innen in die Region beteiligt und arbeitet mit den Zentren für gewaltfreie Aktion (Center of Nonviolent Action) in Belgrad und Sarajevo zusammen.
 
Die Teilnehmer/innen an der Friedensradfahrt von Wien nach und in Bosnien 2011.

Die 16 Teilnehmer/innen der Friedensradtour, zwischen 20 und 70 Jahre alt, kamen aus Österreich und Deutschland. Einige von ihnen kannte ich schon. Ihre persönlichen Motive und Absichten waren sehr unterschiedlich. Aber jede/r von ihnen hatte sich an der Erarbeitung eines „Code of Conduct“ beteiligt und sich per Unterschrift verpflichtet, „den Grundsätzen der aktiven Gewaltfreiheit in Geist, Wort und Tat zu folgen (…), allen Beteiligten „vertrauensvoll und mit Achtung und Respekt“ zu begegnen und „in einem Konflikt nicht Partei (zu) ergreifen, sondern für Frieden, Menschenrechte und Versöhnung ein(zu)treten“.

Als (langjähriges) Mitglied von Pax Christi kenne ich die Arbeit des IFOR und seines österreichischen Zweiges vor allem durch Jean und Hildegard Goss-Mayr‘s Einsatz für Gewaltfreiheit. Ich bin seit zwei Jahrzehnten passionierter Radfahrer und schon weit länger engagierte ich mich für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Der Balkankrieg ist in meine Nachbarschaft gekommen. Ich wohne Tür an Tür mit zwei Familien (muslimisch die eine, orthodox die andere), die vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Österreich geflüchtet sind. Etwa 60.000 Bosnier/innen sind heute Bürger Österreichs. Von 1992 an gab es in Österreich die sehr erfolgreiche Aktion: „Nachbar in Not“. Zehn Jahre lang wurden Tausende Tonnen von Material nach BiH gebracht. Die Österreicher/innen zeigten sich unerhört großherzig und wurden „Spendenweltmeister“. Parallel dazu verzeichnete man ab 1993 eine markante Zunahme der Fremdenfeindlichkeit; ein von der rechtsgerichteten FPÖ initiiertes „Anti-Ausländer-Volksbegehren“ erreichte 416.735 Unterschriften (7,35% der Wahlberechtigten.
 
Meinen Begriff von Nachbarschaft hatte ich damals ausgeweitet. Dementsprechend war ich entschlossen, mir die Zeit zu nehmen, für diese besondere Nachbarschaftspflege. Man ist ja auch Bürger Europas. Als Theologe interessieren mich die religiösen Dimensionen einer Gesellschaft und als getaufter Christ und Angehöriger der katholischen Kirche, bin ich auch ein Stück in der Rolle ihres Vertreters. Und dann stand da der Name: „Srebrenica“ – einer dieser schrecklichen, grossen Namen mit der ihnen eigenen traurigen Berühmtheit und tragisch eng verknüpft mit der Nachkriegsgeschichte Europas. Der Völkermord an den bosniakischen Muslimen geschah nicht nur unter den Augen bewaffneter europäischer (und/oder) niederländischer Blauhelme sondern praktisch vor unserer – Europas Haustür – sind es doch gerade mal 500 Kilometer von Wien bis zur bosnischen Grenze. Wahnsinn! – Krieg, denke ich mir, ist seit Menschengedenken eine der normalsten Erscheinungsformen des Wahnsinns. Und Radfahren, das habe ich letzthin gelesen, sei „aktive Non-Kooperation mit dem (auch: globalen) Wahnsinn“ in jeder Form. Also zählte ich Eins und Eins zusammen – et voilà ! (…)
 
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BiH ist ein schönes aber sehr gebirgiges Land. Wohl deshalb auch, scheint Radfahren in BiH generell kein Thema zu sein. Wäre da nicht Tihomir Dakic und seine Kollegen/innen vom „Center for Environment“ in Banja Luka. Weit beliebter sind schwere, schwarze Limousinen mit viel Pferdestärken und abgedunkelten Seitenfenstern. Die unzähligen Politiker/innen, Minister/innen und Präsidenten/innen fegen mit Sirenengeheul, Blaulicht auf den vorausfahrenden SUVs der Bodygards zu ihren Terminen übers Land oder vielleicht auch nur ins Restaurant – wer weiss das schon? Mit europäischem Geld hat man gute, breite, schnelle Strassen (aus)gebaut. Für Radwege oder Fahrradstreifen reichte es hat es nicht gereicht. Doch in den eher abseitigen Tälern Wegen, an der Drina an der Grenze zu Serbien oder streckenweise auch an der Neretva lässt sich gut Radfahren. Das touristische Potential des Landes ist kaum entdeckt. Fast jeder 4. Mensch in BiH ist arbeitslos, die wirtschaftliche Situation bezeichnen Fachleute als katastrophal. Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt etwas mehr als 400,– Euro. Das vorhandene Potential im Bereich der Infrastruktur und der Energie vor allem, wird auf 6 Mrd. Euro geschätzt. Es liegt aber brach. Die allgegenwärtige Korruption bis in die höchsten Kreise vergrault Investoren, sagt uns auch der High Representative, der Vertreter der internationalen Gemeinschaft (UNO) in BiH, der österreichischen Diplomat Dr. Valentin Inzko. Sein Diplimatenkollege von der OSZE, Mr. Fletcher Burton, ist neu in Sarajevo und empfängt uns sehr freundlich. Unsere Fragen beantwortet er eher ausweichend mit den Stehsätzen gewiefter Diplomatie, das aber in fehlerfreiem Deutsch.
 
2
„Es gibt keine Bosnier in Bosnien. Es gibt nur Serben, Kroaten, Bosniaken“, hatte uns Valentin Inzko in Sarajevo erklärt. Das würde der vielsprachige, quirlige und sangesfreudige katholische Bischof von Banja Luka, Dr. Franjo Komarica, gleich unterschreiben. Allerdings nur in der Analyse. Seit Kriegsende hat er nicht nachgelassen, die Dinge zu ändern, an der Lösung zu arbeiten. Bis 1995 sind – allein aus seiner Diözese – über 70.000 Katholiken vertrieben worden. Etwas mehr als 5000 seien bis dato wieder zurückgekehrt. Sie hätten Schwierigkeiten bei den Behörden, bei der Arbeitssuche und fühlten sich diskriminiert in der Republika Srpska. Das Recht auf Rückkehr werde ihnen vermiest, ärgert sich der Bischof. Sein Generalvikar, Dr. Ivica Kost, ist katholischer Priester, Schuldirektor und Lehrer und kümmert sich auch um die 150 Katholiken/innen in der Pfarre zur Hl. Thèrese von Lisieux am Stadtrand. Vor dem Krieg waren es 2000 Leute. Dann O-Ton Komarica: „Das Unrecht der ethnischen Säuberungen wird toleriert“, streut der Bischof Salz in eine offene Wunde und geht mit scharfen Worten mit der internationalen Gemeinschaft ins Gericht: „Bosnien“ sagt er „ist der Lackmustest für Europa. Wo bleiben die Menschenrechte? Hierorts werden die Opfer bestraft und die Verbrecher belohnt“ sagt er in Richtung der Großmächte. Der Mann spricht klar, offen und direkt, ohne diplomatische Schnörkel – aber an seinem Versöhnungswillen ist nicht zu zweifeln. Er, dessen Mutter von serbischen Soldaten mit einem Messer am Hals aus ihrem Haus verjagt wurde, wie er zu später Stunde erzählt, kämpft für und glaubt an die Versöhnung der Ethnien. 
 
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Wie kann Versöhnung geschehen? Tags darauf hat der Bischof unser T-Shirt mit der Friedenstaube angezogen und wir erleben „seine“ Antwort auf die Frage vom Vorabend: Der 66jährige hat seine Vision einer Europaschule realisiert. Er setzt bei der Jugend an. Hier sitzen muslimische (in der Mehrzahl), serbisch-orthodoxe und (wenige) katholische Schüler/innen lernend in den Klassen. Sie sprechen offen an, wie der Hass auf die ,Anderen‘ allerorten systematisch und kontinuierlich wach gehalten werde. Das Elternhaus und die Politik werden nicht ausgespart. Mit Bitternis in der Stimme, sprechen sie von der Chancenlosigkeit auf ein gutes Leben in ihrem eigenen Land. Sie fliehen ins Ausland.
Die ethnisch-nationalistisch-religiösen Grenzen werden unterlaufen und überschritten – das ist des Bischofs Art nach innen hin zu kämpfen. Komarica hat in Österreich und Deutschland studiert, kennt die Welt, ist vertraut mit dem politischen Parkett in Wien, Paris, Brüssel und Washington. Er will EIN Bosnien und weiss, dass das der einzige Weg nach Europa ist – und er ist mit Versöhnungsgesten gepflastert! Von selber wird das nicht werden, also provoziert er Versöhnung – es geht nicht anders!

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Hvala, Gospodina Biljana! – an einem sonnigen Morgen in Mostar haben Sie uns einen Blick die Zukunft geschenkt. Im Sandkasten des Integrativen Kindergartens konnten wir sehen, wie Gänseblümchen durch den Asphalt wachsen. In Mostar ist alles noch ein wenig komplizierter. Die Stadt leidet an unsichtbarer Zerklüftung. Es wäre wunderbar, wenn Ihr Beispiel – das persönliche und das Ihres Projektes – Nachahmer/innen fände. Im ganzen Land BiH. Der Betrieb dieses Projektes mit 40 Kindern, von denen ein kleiner Teil (zwei Kinder pro Gruppe bei einer Gruppengröße von 20 Kindern) spezielle Unterstützung braucht, kommt mit etwa 100.000,– Euro pro Jahr aus. Das Geld kommt aus Österreich, was keine Rolle spielt, aber erwähnt sein soll. Die Leiterin, die schöne Frau Biljana, vier fest angestellte Pädagoginnen und mehrere Therapeuten/innen werden davon bezahlt. Von den Eltern müssen 80,– Euro monatlich kommen. Viel Geld – oder auch nicht, wenn mann bedenkt, was dabei herauskommt. Die Kinder werden und bleiben (vielleicht) Freunde fürs Leben. Eine reelle Chance, oder? Doch die Wirklichkeit in Mostar führt den Gedanken ad absurdum. Es ist so, dass die potentiellen Freunde/innen sicher nicht in dieselbe Schule kommen, sondern in jene, die für ihre Ethnie vorgesehen ist. So das Gesetz. Damit aber ist der spielend gewonnene Vorsprung wieder eingeebnet. Garantiert ist, dass „Ethno-Teufelskreis“ ungebremst seinen Lauf nimmt. Offenbar: Es geht nicht anders! Und wir bekommen Kekse, Kaffe, Tee und Wasser serviert. Die Kinder verspielen derweil im Hintergrund ihre Zukunft. Geht das wirklich nicht anders? Frau Bilijanas Treue zu den Gegebenheiten ruft einen Gedanken von Simone Weil wach: Man müsse, meinte sie, manche Dinge so lange betrachten, bis das ihnen innewohnende Licht hervorbreche.

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Wo Brücken sind, sind auch Abgründe. Und in BiH gibt es sehr viele Brücken. Wer also Brücken sucht oder welche bauen möchte, muss sich auch um die Abgründe kümmern. Dort findet sich auch das Leid. Nahe am letzten aller möglichen Abgründe, dem Tod. Das Leid ist ohne Worte, ein Klang vielleicht, ein Seufzen, ein Schrei manchmal, ein ‚lebendes‘ Bild auch. Es will die Stille und nistet sich ein – im Schweigen, ist sprachlos. Es ist wie ein Wunder, wenn es Worte findet oder gar eine Geschichte.

Wir haben viele Leidensgeschichten gehört – nicht nur jene von Hasan, dem bosnischen Muslim, angesichts der „8732 …“- Jahr für Jahr werden es mehr – schneeweissen Stelen in Potočari. Und wir haben schweigend die Fotos in der ehemaligen Batteriefabrik betrachtet und den Film und die Namen gelesen und gehört, bis die Tränen stiegen – die Vorboten ungeahnter Möglichkeiten des Handelns, der Befreiung vielleicht oder gar Heilung. Anderntags – etwas nördlicher in Bratunac – stehe ich nicht mehr auf dem marmornen Boden einer Gedenkstätte sondern sitze in einem Plastiksessel eines Cafés. Ich höre zwei serbischen Jugendarbeitern zu, die die Geschichte des Vortages im Lichte ihrer Ein- und Ansicht neuerlich erzählen. Es ist sehr hartes Brot, das es – auch hier – zu kauen gibt. Andererseits aber, nach einer nur 20tägigen Fahrradreise voll von Erlebnissen, Erfahrungen und Beobachtungen in BiH – fast schon wieder „normal“ – ein erschreckender Gedanke, und beschämend gar, dass einem das „de profundis…“ zur Gewohnheit wird?

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Brückenbauer/innen und Brückensucher/innen: Es sind Leute wie die beiden Serben in Bratunac oder Adnan Hasanbegovic und Tamara Smidling in Sarajevo die in den „Center of Non-Violent Action“ (CNA) den menschlichen Abgründen von Opfern und Tätern entlang gehen. Die Teilnehmer/innen ihrer Friedensseminare sind bereit, in ihre Abgründe zu schauen, dennoch aufmerksam zu sein, um den guten Grund für einen Brückenschlag in ein neues Leben im Frieden erkennen zu können.

Die Provokateure/innen der Versöhnung.Es sind Leute wie Jasminka und ihre jugendlichen, Frau Biljana und ihre Kollegen/innen in Mostar und Bischof Komarica in Banja Luka die sich der Realität stellen und aus einer inneren Kraft heraus nicht bereit sind, von ihrer Vision zu lassen. Sie provozieren das Gute in den Menschen und übernehmen Verantwortung in der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft.

Eine Politik im Dienst der Menschlichkeit. Es sind Leute wie Franjo Komarica oder die Mädchen und Jungen in Gornji Vakuf, Menschen, die aus ihren Überzeugungen keinen Hehl machen und sich einbringen für das Wohl im Gemeinsamen und für die Menschlichkeit im besonderen. Mit Herz und Verstand, Glauben und Wissen, Handeln und Beten, Tun und Lassen werden sie es sein, die – über alle Ein- und Ausgrenzungen hinweg – der sozialen Gerechtigkeit und damit dem Frieden auf allen Ebenen zum Durchbruch verhelfen werden.

Das alles, lese ich in meinen Erlebnissen und Erfahrungen, ist keine Frage der Zeit. Die Zeit ist immer reif, die Frage ist, wofür? Und bis zur Klärung dieser Frage, wird es – nicht nur in BiH – geraten sein: Strampeln – für Versöhnung und Frieden!

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Dieser Text ist im Sommer 2012 für die CAHIERS MIR – die Quartalsschrift von „Mouvement International de Reconciliation“ (MIR), den französischen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes – geschrieben worden.

Sumaya Farhat-Naser: Palästinensisches Tagebuch

Die starke Stimme einer christlichen Palästinenserin spricht aus dem „Schatten des Feigenbaumes“ und plädiert für Menschlichkeit, Gewaltfreiheit und Vernunft.
 
Mehr noch als in ihren vorausgehenden palästinensischen Tagebüchern – „Thymian und Steine“ (1995), „Verwurzelt im Land der Olivenbäume“ (2005) und „Disteln im Weinberg“ (2007) – wird man diesem vierten Band der‚persönlichen Autobiografie‘ einbezogen und betroffen. Es ist gleichzeitig auch eine Art ‚Biografie‘ Palästinas und des nun mehr als zwei Generationen andauernden Nahost-Konfliktes.
 
Wie gewohnt, sind die 220 Seiten gut geschrieben und spannend zu lesen. Es geht um den Zeitraum vom Januar 2008 bis zum ins Frühjahr 2013. Eine kurze Chronologie des Palästina/Israel-Konfliktes von 1896 bis 2013 ergänzt das Buch.
 
Mit der Lektüre jeder Seite wächst das Staunen über die unverwüstliche Lebensfreude und Hoffnung der Autorin angesichts verzwickter und ermüdender Manipulations- und Unterdrückungsstrategien der Besatzungspolitik. Faszinierend ist es, zu verfolgen, wie die Entscheidung der Autorin für die aktive Gewaltfreiheit – aus ihrem christlichen Glauben erwachsend – ihren Streit für Frieden und Versöhnung – bis ins Alltagsdetail – verbindet. Gewaltfreiheit, Menschlichkeit und Vernunft sind auch eine Art Ariadnefaden, der aus dem verworrenen Chaos aus Angst, Gewalt und Machtspielen herausführt und in eine gute Zukunft. Der Feigenbaum im Titel, sei „ein Zeichen für Frieden, Sicherheit und Lebensglück“. Die dominanten Aussensichten des Nahostkonfliktes gehören ergänzt durch engagierte Innensichten, wie diese.  (wb)
 
Bibliografie: Sumaya Farhat-Naser, Im Schatten des Feigenbaumes. Lenos-Verlag, Basel 2017, 221 Seiten. 
ISBN 978-3-85787-787-2.

Spirituelle Poesie im Gespräch

Die Einladung zum ARCHE-Gespräch am 15. und 22. März, jeweils 16 Uhr
 
An zwei Nachmittagen in der Fastenzeit lesen jeweils ein Autor und eine Autorin aus ihren Gedichtbänden.
Wir wollen dann miteinander ins Gespräch kommen, in dem die Texte, die Autoren_innen und – last but not least – die Teilnehmer_innen mit ihren Einsichten und Erfahrungen in Berührung kommen sollen.
 
Den thematischen Rahmen für Gesprächs- und Lesereihe haben wir uns ausgeliehen bei Simone Weil (1909-1943): „Das Volk braucht Poesie wie Brot“. Diesen Gedanken weiterführend und vertiefend findet man bei Ingeborg Bachmann (1926-1973): „Dieses Brot müsste zwischen den Zähnen knirschen und den Hunger wieder erwecken ehe es ihn stillt. Und diese Poesie wird scharf von Erkenntnis und bitter von Sehnsucht sein müssen, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können. Wir schlafen ja, sind Schläfer, aus Furcht uns und unsere Welt wahrnehmen zu müssen.“ 
 
Termine in der Buchhandlung ARCHE, Rathausstraße 25, Bregenz:
Fr, 15.03.2019, 16 Uhr
mit Emma Lenzi (Fußach) und Walter L. Buder (Bregenz)
Moderation Mag. Annamaria Ferchl-Blum
 
Fr, 22.03.2019, 16 Uhr
Marlene Giesinger (Altach) und Jürgen Schäfer (Feldkirch)
Moderation: Mag. Annamaria Ferchl-Blum

dich_präsentationen & lesungen

Der Gedichtband „dich“ war Ende Feber 2017 für die Veröffentlichung bereit. Mit Anfang März konnten die Buchpräsentationen an verschiedenen Orten in Vorarlberg beginnen. Es waren wunderbare Abende, voller Freude am neuen Buch und den Gedichten, der Poesie, die solchen Begegnungen und Ereignissen innewohnt. Die Bilder sprechen ihre ganz eigene Sprache, erzählen ein wenig von der Charakteristik der Orte und den ganz verschiedenen Menschen, die jeweils gekommen waren, um dem Buch wie dem Autor mit ihrer Aufmerksamkeit entgegen zu kommen.
Danke für alles, die vielfältige Arbeit der Vorbereitung, die an den einzelnen Orten geschehen ist. Danke für die abendlichen Arrangements der Veranstalter/innen, die den Sinn und das Herz des Publikums geöffnet haben. Danke für die Musikerinnen und Musiker, die mit ihrer Musik den Klang der Worte und den Takt der Zeilen unterstützten, manchmal erklärten und immer ans Herz der Hörenden getragen haben. 

  • 06032017 _ Präsentation in der Buchhandlung ARCHE, Bregenz
  • 17032017 _  Buchvorstellung/Lesung in Rankweil, St. Peter
  • 24032017 _ Buchvorstellung/Lesung in der Walserbibliothek Thüringerberg
  • 30032017 _ Buchvorstellung/Lesung im DRUCKWERK in Lustenau
  • 20092017 _ Lesung (gemeinsam mit Heinz Bitschnau) „miar und dich“ im Hotel Saladina, Gaschurn
  • 04102017 _ Autorenlesung im BUGO in Göfis
  • 19102018 _ Autorenlesung im GLASHAUS der Gärtnerei Marienberg in Bregenz
  • 17022018 _ Lesung (gemeinsam mit Grid Marrisonie) in der Paracelsus-Buchhandlung, Salzburg
  • 15032019 _  Neue Texte (Lesung gemeinsam mit Emma Lenzi) in Bregenz, Buchhandlung ARCHE

weit – vom rauschenden leben

weit
vom rauschenden leben
schäumen 
deine schreie
wie hungerkronen
tannenwipfeln
entgegen

und
ein funkelnder wagen
spurt
durch frisch gemähte
geschichte

lobend
den mann
mit der sense

_

:/ Dieses Gedicht ist ca. 1983 entstanden. Das Bild ist mir ‚eingefallen‘, es ist mir entgegen gekommen, in der Einfachheit und Geschlossenheit, wie es da steht. Auf unserer Elbe-Fahrradtour (Juni 2017) von der Quelle bis zur Mündung, begegnete mir diese majestätische, dunkle Gestalt  auf dem Wagen. Das Foto und den Text interagieren zu sehen, berührt mich, provoziert ein Gefühl, das mich begleitet. /:

© wlb_dich, 2017, s96; erstmals in: mm_1985, s.13)
Zum Foto:
Charon. Bernd Streiter. Eisen, Zinkguss, Holz. 1994 _ An der Elbe bei Lenzerwische / Brandenburg.

schattenzeichen

in meine finger 
wagt sich / von zeit zu zeit
die frage nach dem grund

und ich beginne: die /
briefe von gestern fort /
zu schreiben und schleife wörter

über weisses papier und feile
wortspäne tageslastig schwer
wie gebrannte lettern

schattenzeichen: die peitschenlampe nicht und/
nicht die schreibtischlampe/ für das
 licht der welt zu halten

entdecken: die krone der
schöpfung ist immer
noch aus lehm / brüchig 
gebrannt

(V2 zu schattenzeichen; 0503219)

Gewaltfrei für Frieden in Gerechtigkeit

Anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes (IFOR = International Fellowship of Reconciliation) am 31. Juli 1914 in Konstanz/D am Bodensee. 
 
1
In den Augusttagen 1914 fieberten die Nationen Europas ihrem großen, ersten Krieg entgegen. Die Politik hatte nichts ausgelassen, um ihn vorzubereiten. Aus Pflugscharen wurden Kanonen geschmiedet und Menschen – zu Soldaten gemacht – waren deren Futter. Für Gott, das Vaterland und den Kaiser (oder König) lohne es sich zu sterben war die Devise. Selbst die geistliche Macht der Bischöfe und Priester stellte sich in den Dienst der Kriegsfurie und segnete die Waffen wie die opfer- und gewaltbereiten Krieger. Kriegserklärungen waren ein Grund zum Jubel, in dem das flackernde Menetekel des Krieges an der Wand der Zeit bedeutungslos schien.
2
Zur selben Zeit tagte in Konstanz am Bodensee eine internationale Konferenz von Christen verschiedener Konfessionen. Sie waren überzeugt, dass Krieg zutiefst und zuinnerst dem Geist Jesu Christi zuwider steht. Der Kriegsausbruch erzwang zwar den Abbruch des Treffens, doch ein Same des Friedens war gelegt. Henry Hodgkin, ein britischer Quäker und der deutsche Lutheraner Friedrich Siegmund-Schulze besiegelten per Handschlag, im kommenden Krieg nicht gegeneinander zu kämpfen und so der Friedensbotschaft Christi treu zu bleiben. Das gilt als die Geburtsstunde des Internationalen Versöhnungsbundes. Man schrieb den 3. Juli 1914. Am Tag darauf erklärte England Deutschland den Krieg. Die Wiege des „Babys“ stand 1915 in England und den USA. Die Zweige aus 10 Ländern schlossen sich 1919 zum Internationalen Versöhnungsbund zusammen. – Inmitten des Kriegstaumels jener Tage –  eigenartige Synchronizität (!) – findet sich auch der Auftakt zu den ersten „100 Jahre(n) für Gewaltfreiheit“ (1).
3
Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit geschieht – damals wie heute – auf der Basis einer persönlichen – humanistisch und/oder spirituell begründeten –  Entscheidung für den Weg aktiver Gewaltfreiheit. Diese Grundhaltung wird vom IVB durch (Aus)Bildung in Praxis und Theorie vermittelt. Nahe an den alltäglichen Konflikten, zielt diese kontinuierliche Arbeit darauf ab, Menschen für den Weg der Friedfertigkeit stark zu machen. Nicht „mit den Wölfen zu heulen“ sondern die eigene Stimme zu finden, ihr zu vertrauen und sie zu erheben, das meint, sich im pro-aktiven Widerstehen zu üben: Für eine aktive, gewaltfreie Friedenspolitik in Österreich; für die Abschaffung des Bundesheeres (fast 3000 Österreicher/innen haben die IVB Petition unterstützt); für ein Verbot von Nuklearwaffen, für Abrüstung, gegen Waffenhandel. Die Begleitung gewaltfreier Aktionen und Initiativen in Kolumbien oder Israel/Palästina, wo Menschen nur mit den „Waffen des Geistes“ um gerechte Lösungen oder ihre Menschenrechte kämpfen. In den Ländern Ex-Jugoslawiens begleiten wir langwierige, schwierige und schmerzliche Prozesse der Versöhnungsarbeit. Kooperationen und Projektpartnerschaften mit anderen NGOs gehören zum ‚Alltag‘.
4
Die entscheidende, lebendige Mitte des Engagements im IVB, liegt im Glauben, „dass der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen die Zukunft gehört.“ In völliger Übereinstimmung mit einer „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1) aus seiner Tradition – Bertha von Suttner, Mahatma Ghandi, M. L. King, Mairead Corrigan-Maguire, Adolfo Pérez-Esquivel, Jean und Hildegard Goss-Mayr um nur einige wenige zu nennen – sucht der IVB diesem Erbe in Tat, Wort und Wahrheit zu entsprechen. „Wir müssen den Weg der Gewaltlosigkeit gehen lernen“ und „für einen Aufstand der Friedfertigkeit“ bereit sein. (…) Es ist eine Botschaft der Hoffnung, dass die Gesellschaften unserer Zeit Konflikte durch gegenseitiges Verständnis in wachsamer Geduld werden lösen können – auf der Grundlage unabdingbarer Rechte, deren Verletzung, von welcher Seite auch immer, unsere Empörung auslösen muss.“ (2)
 
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(1) Motto des Grundungsjubiläums vom 1. bis 3. August 2014 in Konstanz am Bodensee. 
(2) zit. nach: Stéphane Hessel, Empört Euch! Berlin (Ullstein) 2011. 8. Aufl., S. 18ff.

Dieser Text ist in der Zeitschrift „miteinander“ Nr. 7-8/2014 erschienen, anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung des Internationalen Versöhnungsbundes am 31.07.1914 in Konstanz am Bodensee.

2011: Friedensradfahrt Bosnien-Herzegowina (BiH) – Route & Programm

Der Weg der Friedensradfahrer/innen auf Google-Maps: http://g.co/maps/4nxs7

01. Tag (Fr 2. 9.) ->Wien – Sopron (ca. 90 km) Start: 1010 Wien, Platz vor der Albertina,  9 Uhr  – Für die Verabschiedung der Friedensradfahrer/innen sind eine Reihe von prominenten Repr/äsentanten/innen österreichischer, bosnischer und europäischer Institutionen und NGO in Wien eingeladen. – ca. 14 – 15 Uhr: Friedenspause in Purbach (Pfarrheim) am Neusiedlersee. Zielort: 9400 Sopron, Citadella utca 33.

02. Tag (Sa 3.9.) -> Sopron/H – Gyenesdias/H (ca. 130 km) – Zielort: Gyenesdias, Pension Josef Benedek

03. Tag (So. 4.9.) -> Gyenesdias/H – Nagyatad/H (ca. 78 km) – Zielort: Nagyatad, Viktoria Panzio, Martirok

04. Tag (Mo. 5.9.) -> Nagyatad/H – Daruvar /CRO (ca. 101 km) – Zielort: Daruvar, Pension (angefragt)

05.Tag (Di. 6.9.) -> Daruvar (K) – Banja Luka /BiH (ca. 109) – 
Pakrac: Treffen mit „Delfin“ Pakrac. Zielort: Banja Luka, Gästehaus des kath. Bischofs (für 2 Nächte)

06.Tag (Mi. 7.9.) → Begegnungstag in Banja Luka – 
Begegnung mit Repräsentanten der drei Religionen (Islam, Orthodoxe Kirche, Katholische Kirche) / – Begegnung im Center for Environmental Organisation mit Tihomir Dakic (Koordinator der European Mobility Week in BiH) – Gespräche mit Bischof Franjo Komarica und der Ministerin für Familie, Jugend und Sport. – Auftakt / Start der Friedensradfahrt auf dem Staatsgebiet von BiH.

07. Tag (Do. 8.9.) -> Banja Luka – Jajce (ca 75 km) – Treffen mit Omladinski Centar (Jugendzentrum)

08.Tag (Fr. 9.9.) -> Jajce – Gornji Vakuf (75 km) – Zwischenhalt in Donji Vakuf zum Treffen mit Omladinska Organizacija DVOC (Neldijana Rujanac) – Zielort: Gornji Vakuf ( Omladinski Centar, Jasminka Drno-Kirlic) / Übernachtung Motel Uskoplje

09. Tag (Sa. 10.9.) -> Gornji Vakuf – Jablanica – Mostar (ca. 97 km) – 2 Übernachtungen in Mostar

10.Tag (So.11.9.) -> Begegnungstag: Mostar – Begegnung im Kindergarten der Diakonie; (möglicher) Besuch von Medjugorje (ca. 35 km)

11. Tag (Mo. 12.9.) -> Mostar – Konjic (ca. 70 km)  – Treffen mit „Green Neretva“ (Ökologisches Projekt) und mit “Zelena Neretva” (Jugendgruppe)

12. Tag (Di. 13.9.) -> Konjic – Sarajewo (ca. 59 km) – Zielort: Sarajevo (Appartements (Gazimhan); Studentenheim oder Gästehaus)

13. Tag (Mi. 14.9.): -> Sarajewo (1) – Programm – Stadtbesichtigung und Begegnungen (in Vorbereitung): Interreligiöser Rat/Institut bzw. „Abraham“, Pontamina Chor, Dr. Valentin Inzko (Hoher Repräsentat für Bosnien-Herzegowina), Vertreter/in der OSZE; Vertreter/in der Int. Gewerkschaft 

14. Tag (Do. 15.9.) -> Sarajewo – Vlasenica (89,6 km)   Zielort: Vlasenica, Motel Panorama

15. Tag (Fr. 16.9.) -> Vlasenica – Srebrenica – Bratunac (ca. 50 km) – Treffen in Srebrenica: Youth Centre (Milena Nikolic) / Treffen in Bratunac: Youth Group Odisej (Cedomir Glavas), Bauern helfen Bauern (Namir Poric); Zielort: Bratunac (geplant)

16. Tag (Sa. 17.9.) -> Bratunac – Tuzla (ca. 100 km) 
Zwischenstopp in Zvornik (Treffen)
Zielort: Tuzla

17. Tag (So. 18.9.) -> Begegnungstag: Tuzla – Bürgermeister Jasmin Imamovic / – Helsinki Citizens Assembly/Youth Resource Center (Miralem Tursinovic)

18. Tag (Mo. 19.9.) -> Tuzla – Olovo (ca. 75 km)  Zielort: Olovo (Übernachtung) 

19. Tag (Di. 20.9.) -> Olovo – Sarajevo (ca. 55 km) Zielort (Übernachtung): wie Sarajevo (1)

20. Tag (Mi. 21.9.) -> UNO – Weltfriedenstag1 in Sarajevo – Festprogramm im Parlament: Friedensnetzwerk/Mreza za Izgradnju Mira (Goran Bubalo) mit Politikern/innen, ausländischen Gästen und den Friedensradfahrern/innen.  Treffen mit den Leuten vom “Center for Nonviolent Action/CNA” und anderen NGO in Sarajevo (z. B. -Nansen-Dialogue Center, u.a.) sind in Vorbereitung.

21. Tag (Do. 22.9.): Abschlusstag in Sarajevo   _Stadtbesichtigung, ev. Begegnungen mit anderen Organisationen, abschließende Reflexion in der Gruppe (Schlußbotschaft)

Das ‚rechte Maß‘ für’s Leben

Es ist nicht gut bestellt um unsere Welt: „Der gegenwärtige verschwenderische, naturzerstörende Lebensstil in den entwickelten Industriegesellschaften geht unweigerlich seinem Ende entgegen.“ (9) Das ist nun keine umwerfende Neuigkeit für unsere Tage. Wir werden mit Katastrophen und deren Ankündigungen täglich ‚upgedatet’, ob man will oder nicht. An apokalyptische Zustände gewöhnt, abgehärtet durch Appelle und Mahnungen, erreicht die Forderung nach Umkehr und – damit es jeder versteht – nach „Change“ nur wenige. Der Heidelberger Pädagogikprofessor Thomas Vogel weiß das auch, stellt sich aber – ruhig, gelassen, bedachtsam, seiner selbst, seinen Erfahrungen und seiner Botschaft gewiß – in eine lange (und illustre) von Philosophen, Theologen, Künstlern und Weisen aller Art, denen Hiobsbotschaften weniger Anlass zur Verzweiflung als vielmehr Beweggrund für vertieftes Nachdenken, Suchen nach Wegen zum vielbeschworenen ‚guten Leben‘ werden.  
Das Buch trägt den Titel: „Mäßigung“ und – wie um die Patina (vulgo: Staub der Jahre) des Begriffes noch hervorzuheben – geht es um eine „alte Tugend“ und was wir von ihr „lernen können“.  können“. Wörter wie Mäßigung, Maßhalten oder das ‚rechte Maß’ aber auch ‚Tugend‘ (da braucht man ‚alt‘ gar nicht mehr dazu schreiben, oder?) oder gar Askese und – naja, ‚Lernen‘ geht ja noch – sind nicht so anziehungskräftig. Auch wer die religiös-christliche Tradition noch ein wenig erinnert, kann wenig und will eigentlich nichts damit anfangen. 

Wache Zeitgenossen/innen wissen und erfahren aber auch, dass eine Idee, deren Zeit gekommen ist, nicht aufzuhalten ist, gleich wann sie geboren wurde. Vielleicht, gehört ja die Tugend der Mäßigung – eine Kardinalstugend (!) –  zu jenen verworfenen Steinen, deren Zeit als Eckstein nun gekommen ist? „Ohne Mäßigung im Sinne eines rechtes Maßes im Verhältnis zur Natur wird es der Menschheit kaum gelingen, ihre Lebensgrundlagen zu erhalten.“  Also: Mäßigung – ein Mittel zum Zweck der Rettung der Welt? Warum eigentlich nicht einen Ansatz, „seit Jahrtausenden als philosophische Einsicht auf dem Weg zu Zufriedenheit und Glück“ (188) das ist, aufnehmen? Man sieht ja schon das ‚gute Leben’ winken, oder?! 
Es ist so, dass mit jeder Seite an philosophischen Reflexionen und anregenden Geschichten, die Neugier, die Lust und – ja (!) eine spürbare Freude am Thema wächst. Das Buch hat der Pädagoge 2018 geschrieben, also 50 Jahre nach den  „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome); auch der erste „Big Mac“ – Symbol für bedenkenlosen Konsum ging 1968 über den Tresen. Und: „„Plutôt la vie!“ Skandierten die jungen 68er damals in Paris, also: „Lieber das Leben!“

Thomas Vogel hat ein interessantes und wichtiges Buch geschrieben. Er führt – immer im rechten Maß – vor Augen, dass wir nicht unbedingt klüger sind als unsere Vorgänger/innen, aber den Vorteil nutzen sollten, aus ihren Erfahrungen zu lernen.

Bibliographische Angaben:
Thomas Vogel, Mäßigung. Was wir von einer alten Tugend lernen können. München (oekom Verlag) 2018. 192 Seiten. € 17,00. ISBN 978-3-96238-065-6.

stephanus (oder vom zeugnis)

I
die zeugen der anklage
werfen den ersten stein. gehorchen
dem gesetz.

auch wenn sich der himmel aufttut
für einen.
sterben muss er
schon noch hier

II
in sanftem bogen fällt
der letzte stein. und
trifft. allemal

glitzernde kiesel
stopfen (vorlaute) mäuler
und es herrscht
ruhe.

III
verurteilt zum untergrund: die wahrheit.
leicht gesagt, wo
freiheit wohnt: 

zugedeckt schwelt
ein gespräch

 

© wlb; 2018 (v2); 1985 (1); 

5 x haiku_ rätselhaft

1
ein wenig seltsam
scheint, wer obdach ihm gewährt.
doch: wer hat, der hat

2
lieber in der hand
haben mich, die weise sind,
als sie auf dem dach

3
eine nur genügt
bei weitem nicht zur hoffnung
seiner wiederkehr

4
in aller frühe
blüht dem einen tod. jagdglück
ist dem andern hold

5
was keiner weiss und
niemand wissen sollte, ist
nun in jedem ohr

6
nicht unumstritten
stets quer und oft auch gegen
pfeift er auf den trend

© WLB_31082017
In jedem der Haiku-Verse (0-5) ist ein Sprichwort, eine Volksweisheit, ein Spruch o. ä. versteckt – und eigentlich: verdichtet :-)) 

__

 

das sagen

das sagen wir nicht einfach so. wir sagen
es einfach so dahin. mit lippen
leicht geöffnet, wie morgentau
am schaft des zittergrases
nach unten gleitet, punktlos
ungehalten
sagen wir: ein zeichen

wie blut, ein fragen
zeichen. wie erde, ein schweigen
wie atem, ein kommengehenkommen
lautlos, senkenhebensenken
wie ein wiegen, ein wogen,
ein wagen, spurloses
herzen in ruhe sanft

und: wie gesagt. das sagen
wir nicht. einfach. so. dahin.

WLB_201606

wagnis*

dicht bei meinen kleinen
abenteuern schläft die angst
haut an haut
mit allem, was lebt
 
die lichtbögen wachsen
wie schweissnähte heran,
punktieren geschwüre,

heilsames wie

funkenflüge, landungsfeuer
ohne spezifisches Gewicht
 
ist ein wagnis: wie
helle schwerkraft, vertieft und
dicht am vertrauen, im dickicht
wärmt das unterholz
wärmt
die sandalen der gesandten
_
*) nach einem alten Lied der Inuit
ⓒ WLB_ 201701

nun bist du (wie ewig)

 
 
IN GEDANKEN _ FÜR K. S.

_

nun bist du
geblieben, gestorben und doch
geblieben

noch: nur
einen schnappschuss weit
zwischen den steinen

doch: aber
einen daumensprung
nach oben gezwinkert
ohne warnung

gewogen: im pinselstrich,
im spiel der feder, linien aus stahl
sanft gewogen, schwingend

und im augenblick
nur lichtgebogen, wie
demut, wie ewigstein

ohne bleibe, bist du
nun, geblieben, bleibend

© WLB_13092016
 

Die Pforte (*)

Öffnet die Pforte, tut uns doch auf!
Wir kommen aus toten Gärten, ihr kühles Wasser ist vergiftet, unser Trost ist vertrocknet, unsere Tränen weinen Staub. Ihr wisst, der Weg – dem fremden immer ein ein feind – ist weit und brennt.

Uns dürstet!
Lasst uns Eure Blumen sehen, öffnet ein wenig Pforte, für einen Blick in den Garten. Wir warten und leiden, vor jedem Tor. Wir klopfen an, wir schieben, wir pressen, wenn es sein muss. Unsere Schläge werden es öffnen – aber die Schranke hält.

Es ist alles vergeblich!
Uns bleibt das Sehen, das Schauen, das Warten. Wir sehen die Pforte: unerschütterlich geschlossen. Wir halten unsere Augen auf sie gerichtet, die Qual treibt die Tränen. Da, vor uns ist die Öffnung und wir vor ihr, mit dem Gewicht der Zeit.
Da hilft kein Wünschen. Aufgeben, das Hoffen. Gehen. Nie kommen wir hinein.
Wir sind es müde, sie zu sehen.

Da, jetzt geht sie auf!
Und entlässt die grosse Stille. Kein Garten. Keine Blume. Alles nur Licht und Leere, unermesslich, nur Raum. Und plötzlich, da, vollkommen erfüllt, das Herz. Und mit einem Mal, siehst du – wie rein gewaschen, die fast staubblinden Augen.

© wb_2011 (Übersetzung)
_____________

(*) DAS GEDICHT „LA PORTE“ VON SIMONE WEIL (1909-1943) LIEGT DIESEM TEXT ZU GRUNDE. SIE HAT ES VERMUTLICH 1942 GESCHRIEBEN. URSPRÜNGLICH IST ES EIN TEXT DES ENGLISCHEN DICHTERS UND MYSTIKERS GEORGE HERBERT (1593-1633). VGL. AUCH: 
SIMONE WEIL, CAHIERS. AUFZEICHNUNGEN. HERAUSGEGEBEN VON ELISABETH EDL UND WOLFGANG MATZ. MÜNCHEN (CARL HANSER VERLAG), O. J., BD. 1, SS. 366/367
Zum Foto: 
Paneuropäisches Picknick. Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration der Paneuropa-Union an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) am 19. August 1989. Sie wurde in der Erinnerungskultur nachträglich zum Meilenstein jener Vorgänge stilisiert, die zum Ende der DDR, zur deutschen Wiedervereinigung und zum Zerbrechen des Ostblocks führten.

An der Stelle, wo seinerzeit das Grenztor von den Flüchtlingen durchbrochen wurde, erinnert heute ein Kunstwerk des ungarischen Künstlers Miklos Melocco an die damaligen Ereignisse. In die Kalksteinskulptur mit dem Titel „Durchbruch“ das eine sich öffnende Türe darstellt, ist auch ein Stück der Berliner Mauer eingefügt.

adventagenda 18/12

es geht hier nicht um kathedralen.
es sind hände, augen, herzen
 
im morgentau perlt schweigen
taglichtgeräusche bis die nacht 
 
fällt ein glaube, wie 
abendbrot mit freunden, versammelt 
verstreute zweifel: 
 
im ortlosen seelenkirchlein fragen
gebete: wohin 
geht das licht vom leuchtturm
 
_
© WLB _ 18122018 (v2)

Offen für den Ruf des Geistes (3)

Serie: Simone Weil (1909-1943) für Anfänger  (Teil 3)

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„Das Kreuz ist der Schnittpunkt von allem,
in dem das wahre Leben wurzelt.“

 
Simone Weil ist Lehrmeisterin. Die Fragmentarität ihres Lebens, Denkens und des schriftstellerischen Werkes sind eine provokante Einladung zu lernen. Lernen meint: In die Lehre zu gehen, also: Handgriffe und Denkweisen, Tricks und Kniffe, erlebtes Wissen und bedachte Erfahrungen anzuwenden, praktisch werden zu lassen. Ein Handwerk, sagte sie, „dringt dir in den Leib“, beansprucht Verstand, Vernunft, Geist und Seele. Im Tätigsein finden sie zueinander, ihren Zusammenhang. Sie kennt und weiß Grenzen und Begrenzungen für Leib und Seele, für das Zeitliche und das, was darüber hinaus reicht. Ihre „martyria“ (Zeugnis) erzählt davon, wie in Werkstücken und Elementarteilen des Menschenlebens das unsagbare, überzeitliche Ganze sich einbringt und verwurzelt. Sie ist das Muster einer „animal naturaliter christiana“ – einer Lehrmeisterin für die Kirche(n) und die Christen im Besonderen. (Auch) darin ist Simone Weil wie geschaffen für unsere Zeit.
 
Eine Frau mit Erfahrung. Simone Weil gehört zu jenen, die „etwas erfahren haben“, wie Karl Rahner (1904–84) bescheiden formuliert, ohne das es keine Frommen der Zukunft gibt². Und das klingt dann so: „Dass Gott den Menschen sucht, ist ein Gedanke von unergründlichem Glanz und Tiefsinn. Das sind Verfallszeiten, wo der Gedanke, dass der Mensch Gott suche, an seine Stelle tritt“³. Das ist Religionskritik vom Feinsten, erschlossen aus dem Innersten des christlichen Glaubens, aus der Begegnung mit dem gekreuzigten Auferstandenen.
 
Der Platz in der Welt. Wer auf diese Weise in die Herzmitte des christlichen Glaubens gefunden hat, wo ist sein Platz in dieser Welt? „Wer das Schwert ergreift, wird durch das Schwert umkommen. Und wer das Schwert nicht ergreift (oder es fahren lässt) der wird am Kreuz umkommen.“ Am Fuß des Kreuzes also, mit der Mutter und den Freunden Jesu auszuharren, das ist der Ort, wo so jemand seinen Platz in dieser Welt einnimmt. In den Vor- und Zwischenräumen, der heranwachsenden Erlösung, in den Ein- und Ausgängen, in und an den Übergängen gilt es, aufmerksam zu sein und zu warten, auszuharren – oder gar: umzukommen im Wissen, dass der Erlöser lebt. „Diese Einwilligung liebt Gott in uns“, nämlich „dass wir uns zurückziehen, um ihn hindurchzulassen.“ Nicht mehr und nicht weniger darin besteht das (selten realisierte) „Genie der Christen“.

5. Station des Kreuzwegs in der Pfarrkirche St. Agatha, Meiningen von Harald Gfader und Albrecht Zauner. © Kogler

An der Schwelle. Ihre Vorbehalte der Kirche gegenüber blieben bis in ihre letzten Zeilen hinein konstant. „Die Arbeit des Verstandes und die Erleuchtungen der Liebe im Bereich des Denkens“ wollte sie in keiner Weise eingeschränkt wissen. Solcher „Tyrannei des Geistes“ hielt sie ihren einfachen, erfahrungsverwurzelten Herzensglauben entgegen, dass „die einzige Bedingung des Zugangs zu den Sakramenten darin besteht, den Mysterien von Trinität, Inkarnation, Erlösung, Eucharistie und dem Wesen des Neuen Testamentes als Offenbarung mit dem Herzen anzugehören.“ Wie die Bettler im Eingang der Kirche ihre Hand aufhalten, so verharrte sie auf der Schwelle des Eingangs zur Kirche in ihrer – sagen wir – geistgewirkten aber ungetauften Nachfolge. Trotzig, mutig und überzeugt folgte die herzensgute, hingebungsvoll widerspenstige Anarchistin dem Ruf Christi zu einer unerhört radikalen Katholizität, die sie in Tat und Wahrheit von der katholischen Kirche einforderte, die sie „immer schon“ in einer Art begnadeten Selbstverständlichkeit für„ihre“ Kirche hielt.

Stete Mahnung. Ob Simone Weil die Taufe empfangen hat und wenn ja unter welchen Umständen und Gegebenheiten ist nach wie vor strittig. Dass sie sie – bewusst – nicht entschieden verlangte, aber geradezu maßlos ersehnte, ergibt sich aus der Logik ihres Lebens und Denkens. So bleibt sie auf der Schwelle: Stete Mahnung, bleibende Erinnerung an die tiefreichenden Wurzeln einer unausrottbaren, religiösen Dimension alles Lebens, zu jeder Zeit, in aller Welt. Eine Katholizität über Räume und Zeiten hinweg – noch nicht, aber doch schon.
_
Anmerkungen: 
(2) Karl Rahner, in: Schriften VII, 22.   
(3) Entscheidung zur Distanz. S. 58
Zum Bild: Station 5,  Kreuzweg in der Pfarrkirche St. Agatha, Meiningen von Harald Gfader und Albrecht Zauner. © Foto Kogler.

Nur der erfahrenen Liebe Gottes trauen (2)

Serie: Simone Weil (1909-1943) für Anfänger  (Teil 2)

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„Er trat in mein Zimmer und sagte: „Elende,
die du nichts verstehst, nichts weißt.
Komme mit mir und ich werde dich Dinge lehren, von
denen du dir keinen Begriff machst.
Ich folgte ihm.“(1)
 
 
Simone Weil ist aktuell. Ihr Bonmot, dass über ewige Dinge schreiben müsse, wer wahrhaft aktuell sein möchte, hat Charme. Dass das Interesse an ihrem inzwischen tausendfach erforschten und in allen Sprachen nachgewiesenen „Zeugnis für das Absolute“ (2) ungebrochen ist, geht einher mit dem radikalen Ernst ihres Tuns und Lassens. So hat es sich auch zwei Generationen nach ihrem Tod seine Aktualität und bedeutsame Präsenz bewahrt. Ihre Hingabe, das Leiden, die Leidenschaft für Liebe und Schönheit, ihre Suche nach der Wahrheit hinter allen Wahrheiten, nach dem wahren Gott hinter allen Götzen bewegt, berührt viele heutige Menschen. Vielleicht verführt sie uns, im Respekt, den wir ihrem Leben zollen, die Gegenwart des Geheimnisses Gottes in der Welt zu erkennen und vielleicht sogar anzuerkennen.
 
Die Gegenwart Gottes erwacht in ihrem Leben und damit „bleibt alles anders“. Zwischen 1936 und 1938 wird jeder gelebte Augenblick mit einem übernatürlichen Licht durchwirkt. In Portugal verspürte sie die innere Gewissheit, dass Christus unter den Armen lebt, im Unglück (Malheur); die reine Schönheit und pure Harmonie der romanischen Kapelle Santa Maria degli Angeli in Assisi „zwang sie zum ersten Mal in meinem Leben auf die Knie“. Und 1938, während der Fastenliturgie in der Abtei von Solesme, wird sie während ihrer fürchterlichen Migräneanfälle von der „reinen und vollkommenen Freude“ regelrecht „entrückt“ und empfindet, wie der herabsteigende Christus sie ergreift. Sie ist in dieser Zeit unterwegs zur „großen Erleuchtung“, Schritt für Schritt entdeckt und verspürt sie die Energie der Poesie, verkostet die Kraft des Schweigens, schöpft aus der Quelle der Stille und ist – von Zeit zu Zeit – hingerissen von der Schönheit des griechischen Textes des „Vater- unser“. Es ist nicht so, dass die Hereinkunft Christi ihr Verhalten radikal verändert hätte; nur ein wenig „sanfter“, kaum merklich, sei sie geworden, aber ihr neues Leben mit Christus  „imprägnierte“ ihr Denken und Tun.
 
Wichtige Begleiter sind in dieser Zeit P. Joseph-Marie Perrin, er vor allem, und der katholische Philosoph Gustave Thibon. Selbstbewusst reflektiert sie ihr anarchistisches, marxistisches, philosophisches Erbe im Licht ihrer neuen Erfahrungen, die ihren Blick für die Präsenz Christi schärfen. Kein Wunder, dass  sie seine Spuren überall entdeckt, denn „die Liebe ist der Blick der Seele“ und mehr noch: Sie ist Licht. In geradezu „missionarischem Eifer“ durcheilt sie Geschichte und Gegenwart der Menschheit, der Wissenschaften, der Völker aller Welt und gewinnt folgende Einsicht:  „Auch der bestunterrichtete Christ kann über die göttlichen Dinge aus anderen religiösen Überlieferungen noch sehr viel lernen, obwohl das innere Licht ihn alles auch durch die seinige (Überlieferung) hindurch wahrnehmen lassen kann.“ (3)
Glaubenbegreift sie als „die Erfahrung, dass der Verstand durch die Liebe erleuchtet wird“.  Damit fühlt sie sich beim Neuen Testament, bei den Mystikern und den Texten der (katholischen) Liturgie aufgehoben, „mit einer Art Gewissheit, dass dieser Glaube der meine ist“. 
 
Sicher ist sie sich auch in ihrer „Berufung einer Christin außerhalb der Kirche. Liegt eine solche Berufung im Bereich des Möglichen, so müsste ich daraus schließen, dass die Kirche nicht de facto katholisch ist, wie sie es dem Namen nach ist, und dass sie es eines Tages werden muss, wenn es ihr bestimmt ist, ihren Auftrag zu erfüllen.“ (4)  Dies ist eine (von 14) von ihr selbst bei sich vermuteten „Häresien“, die sie P. Alain M. Couturier am 15. September 1942 brieflich übermittelt, mit der Bitte um „eindeutigen Bescheid“. Ein knappes Jahr später stirbt sie in England. Ihre Aktualität ist unbestritten. 
Anmerkungen:
(1) Aus dem „Prolog“, in: Simone Weil, Cahiers. Aufzeichnungen. Erster Band. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Carl-Hanser-Verlag. o.J., S. 53. Originalausgabe: Cahiers. Paris, Plon, 1970.
(2) Christian Feldmann, in: Publik-Forum. Zeitung für kritische Christen. Nr. 8 vom 24. April 2009, S. 46.
(3) Simone Weil, Entscheidung zur Distanz. Fragen an die Kirche. Übersetzung und Nachwort von Friedhelm Kemp. München (Kösel) 1988. Original Paris, Gallimard, 1951.
(4) Ebd. S. 9

„Nur mit dem Leib bewaffnet“ (1)

Serie: Simone Weil (1909-1943) für Anfänger  (Teil 1)

Plötzlich aufstehn
vom Mittagstisch
nur mit dem Leib bewaffnet
zu den lachenden Hyänen wandern
                                                                Nelly Sachs¹

 
Simone Weil ist unvergleichlich. Originell wie Originale eben sind. Ungewöhnlich, in jedem denkbaren Fall. Ein Solitär, wäre sie ein Edelstein. Exzellent und radikal in allem, was ein Menschenleben angeht. Im Handeln und Denken, in der Wahrheit und der Hingabe, in der Liebe und im Tod. Man wird nie recht fertig mit solchen Menschen, deren Normalität schon jede Grenze übersteigt. Ihre Gedanken und die Geschichten, die sie machen, sind Juckpulver für den Geist, den akademischen und wissenschaftlichen, aber auch für den des – wie unmodern – einfachen Volkes, das Poesie nötig habe als Lebensmittel, als Seelennahrung, aber eine Poesie, wie Schwarzbrot, das eben nähre, aber zwischen den Zähnen knirschen müsse.
 
Rebellisches Kind der Moderne.Die unzähligen Meter an Gedrucktem – seit den ersten posthum nach 1943 publizierten Schriften – kritisieren, verstehen und deuten, forschen und analysieren, was sie in ihren 34 Lebensjahren dachte, dichtete und lebte, wofür und wogegen sie kämpfte und was ihr zugestoßen und widerfahren ist. Im Jahr der Wiederkehr ihres 100. Geburtstages zählt sie zu Geistesgrößen des 20. Jahrhunderts, ein rebellisches Kind der Moderne, deren Ruinen wir inzwischen – unter anderen auch mit Simone Weil – lesen lernen können und sollen, manchmal müssen.
 
Die „rote Jungfrau“.Die „lachenden Hyänen“, zu denen sie in ihrer Zeit wanderte, hießen Hitler, Franco, Stalin, der Krieg und ein bestialischer, menschenversklavender Kapitalismus. Die Pariser Arzttochter, die jugendliche „rote Jungfrau“, stand gegen all das auf, in einer anarchischen Spontaneität, ihren messerscharfen, freien, geschulten Verstand einsetzend und „nur mit dem Leib bewaffnet“. Das Bild der Dichterin zeichnet die Aufständische in ihrer Suche nach Gewaltlosigkeit im revolutionären Kampf. Sie war eine Riesin im Geist, während sich ihr Körper schwach, mit vielerlei Krankheiten behaftet – eine in schweren Schüben auftretende Migräne begleitete sie zeitlebens – derart durch die Welt schleppte, der Schwerkraft unter-, aber niemals erliegend.
 
Christus begegnet.In die Lebenserfahrung eingebettet und bewährt in der Geistesarbeit2) macht sie auf ihrer „Wüstenwanderung“ ab 1933 geistliche, mystische Erfahrungen. „Christus ist hernieder gestiegen und hat mich ergriffen“ – dreimal ist ihr das geschehen, berichtet sie bewegt und bewegend in einfachen Worten die Verwandlung ihres Geistes, seine wahrhafte und einzig wahre Radikalisierung (= Verwurzelung). Eigenartigerweise und irgendwie fraglos ist es der katholische Glaube, zu dem sie findet, eine Art „anima naturaliter catholica“ – die allerdings trotz (vielleicht aber auch wegen) dieses mystischen Schubes diesseits der Schwelle der Kirche bleibt. Der blinde Dominikaner Joseph-Marie Perrin muss ein genialer Seelsorger gewesen sein. In ihm begegnete sie 1940 in Marseille (auf der Flucht vor den Nazis) der Botschaft Christi, die sie von nun an inspirierte, beseelte und ihr Herz für die Wege der universalen Liebe Gottes öffnete.
 
Weg der Wahrheit.Sie entdeckt in diesem ganz neuen, unmachbar-geschenkten Licht die Konturen einer Glaubensgestalt, die sie für sich adoptiert und vorweg einmal ausdenkt in Gedanken und Überlegungen vorausschauend nachzeichnet, ahnend – nein: wissend, dass ihre Zeit kommen wird: „Christus liebt es, dass man ihm die Wahrheit vorzieht, denn ehe er Christus ist, ist er die Wahrheit. Wendet man sich von ihm ab, um der Wahrheit nachzugehen, so wird man keine weite Strecke wandern, ohne in seine Arme zu stürzen.“(3) – Und das ist noch lange nicht alles.
_
1) Nelly Sachs, In Wüsten gehen (um 1960, Anfangszeilen, Simone Weil gewidmet); nach Erika Schweizer, Geistliche Geschwisterschaft. Nelly Sachs und Simone Weil – ein theologischer Diskurs. Mainz 2005. S. 478, Anm. 39.
2) Charles Jacquier (Hg.), Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus. (Verlag Graswurzelrevolution) 2006.
3) Zeugnis für das Gute. Traktate – Briefe – Aufzeichnungen. Olten/Freiburg (Walter) 1979, 2. Aufl.
 

am siebten morgen

am siebten morgen:
stille und licht im tagwind
des nachts klopft ein herz

hell schlägt die Glocke:
handlauf im steilhang ihr ton 
dicht an der zeit

leuchtendes warten:
zittergras
und schachtelhalm
singen im schatten

___
© walter l. buder, 2018 (Haiku; v1, 2016)
Das Foto zeigt einen Sonnenaufgang zwischen Neapel und Ischia

 

Andrea Riccardi: Die gewaltlose Kraft des Friedens

„Ist Frieden möglich?“ fragt Andrea Riccardi, der Gründer von Sant’Egidio und widmet diese kleine Schrift der Suche nach dieser „gewaltlose(n) Kraft“. Das ist eine interessante Spur, die der katholische Zeitgeschichtler legt. Er deutet an, dass „Frieden“ als Kraft, als geistige Energie, als – biblisch gesprochen-  ‚dynamis‘ seine Wirksamkeit entfalten kann, wofür es Bedingungen zu schaffen gilt.
Seine Analyse der gegenwärtigen Situation fördert wichtige Elemente einer begründeten Antwort zu Tage. Wir haben uns an den Krieg – der immer nur der ‚Krieg der anderen‘ ist – gewöhnt; er durchwirkt das Denken, die Sprache, reicht bis in die Seele hinein. Der Friede ist dem öffentlichen Bewusstsein nur als Mangel präsent; seine „unbewaffnete Kraft“ hat man nicht im Blick, im Auge, im Sinn. Die Kriegsgewöhnung und ihre Auswirkung, die ‚ Friedensvergessenheit‘, muss – wollen wir eine zukunftsträchtige Gegenwart gestalten – erkannt und überwunden werden. Zahlreiche Belege und Zeugen_innen sprechen für diese Möglichkeit; Päpste gehören dazu wie linke Revolutionäre, Friedens-Täter_innen und auch eine zerstreute, verunsicherte Friedensbewegung. Das „Zusammenleben“ (25-44) ist der Hebel für den Einsatz des not-wendigenFriedensengagements. In der Tradition katholischer Intellektueller, baut Riccardi auf die Vernunft (!), auf Dialog, Bildung und Vertrauen in das Volk. Er plädiert gegen die „Kultur des Kampfes, die sich in kriegstreiberischen Populismen und Nationalismen ausdrückt“ (90), denen eine grassierende Orientierungslosigkeit Vorschub leiste. Es brauche „in dieser unserer komplexen Zeit“  eine „große Bewegung, die für den Frieden kämpft, sich gegen Krieg und (…) Gewalt“ – die Wurzeln aller Armut –  engagiert“ (101), wobei „zivile Leidenschaft mit politischem Realismus zu vereinbaren“ sind – und: Der Friede muss (wieder) „zu einem Herzstück und Fundament der Gesellschaft und der politischen Debatte werden.“ Also, nochmals: „Ist Frieden möglich? Natürlich ist er das.“ – In diesem Sinne: Pax vobiscum! oder eben der Wunsch, dass die ‚gewaltlose Kraft Friede‘ mit einer/m jeden von uns sei!
Bibliographie: Andrea Riccardi, Die gewaltlose Kraft des Friedens. Aus dem Italienischen übersetzt von Gabriele Stein. Echter-Verlag (Sant’Egidio-Bücher) 2018. ISBN 978-3-429-04425-1. Bestellen!

Marseille, Hauptstadt europäischer Kultur

„Nur die Stadt ist wirklich. Marseille. Und alle, die dort leben.“ Im Schatten von Notre-Dame-de-la-Garde entfaltet sich eine europäische Kulturmetropole par excellence. Ein farbenprächtiges, unerhört vitales Gebilde, dessen Geschichte und Gegenwart von den Spuren der Zukunft Europas gezeichnet sind. 

Im Herzen von Marseille, um den Alten Hafen herum, wo einen die „Seele“ der Stadt umweht, ist es ziemlich ruhig. „La Grande Clameur“ –  also, das grosse Trara, Geschrei und Getöse – gab es zu Jahresbeginn als die Eröffnung der Kulturhauptsadt 2013 anstand. Eine halbe Million Menschen, Leute aus der Stadt, der Agglomeration und  aus ganz Europa bekamen ein üppiges, farbenprächtiges Spektakel geboten. Das durchkomponierte artistisch-künstlerische Gesamtkunstwerk aus Licht, Klang und Bewegung faszinierte die Marseillais. Ihre Stadt sozu sehen und sie soals Lebensraum  neu zu erkennen, das war für viele berührend. Genau 147,85 Meter über dem Vieux Port leuchtete das Wahrzeichen der Stadt, die Basilika „Notre-Dame-de-la-Garde“ in die Nacht und war integrativer Bestandteil der Show. Spätestens jetzt muss ich an den im Jahr 2000 verstorbenen Journalisten und Romanautor Jean-Claude Izzo denken, der Schlusswort seiner Marseille-Trilogie warnt: „Nur die Stadt ist wirklich. Marseille. Und alle, die dort leben.“

Marseille ist für die Franzosen eine Hassliebe. Da passt es ins Bild, dass der „Underdog“ für sein volksnahes Eröffnungsfest heruntergeputzt wurde: Kultureller Schnee von gestern, hieß es, ärmlich und banal. Ein Schuss Neid, eine Prise Eifersucht sind da wohl auch dabei, denn Marseille definiert sich in diesen Tagen neu. Mit einem Haufen Geld aus Paris, Brüssel und internationalen Invenstoren, arbeitet die Kulturhaupstadt an ihrem neuen Image: Euromediterranée heißt das Zauberwort. Der Auf-, Um- und Neubau der Stadt zu einer europäischen Metropole am Mittelmeer ist voll im Gange. Ideell konzipiert in den 80ern kam es in den 90ern zu Plänen und im anbrechenden 3. Jahrtausend wurden Bauzäume aufgestellt, Strassen aufgerissen, Gebäude mit Plastikplanen verkleidet, Umleitungen, Absperrungen, totaler Dauerstau. Bis 2020 werden etwa 90 Millionen Euro verbaut.

Inzwischen entdecken Einheimische – mit einem gewissen Stolz (!) – und Menschen aus aller Welt – mit Freude, Begeisterung und Interesse – was sich hinter den Bauzäunen getan hat. Sie sehen, was sich Künstler/innen und Architekten/innen ausgedacht haben.

Zum Beispiel: Die verkehrsberuhigte Fussgängerzone um den Alten Hafen – magnifique! Da geht einem das Herz auf, in diesem weiten, zum Meer hin offenen Raum, der durch das Schattendach – L‘Ombrière- aus schwarzem, polierten Inox-Stahlplatten akzentuiert ist. Sie „schwebt“ auf acht schlanken Säulen, faszinierend leicht etwa 10 Meter über dem mit Granitplatten belegten Boden. Diese gelassene Eleganz entspricht dem natürlichen Charme Marseilles, korrespondiert mit dem südfranzösischen Flair.

Oder: Das Korbmacher-Viertel (Panier) mit der Vieille Charité und der Kathedrale „La Major“, seinen renovierten Häusern, Boutiquen, Bistros und Restaurants an den schönen Plätzen. Oder: Die atemberaubend schöne „Kulturachse“ vom Fort St. Jean zum Hafen „La Joliette“ hinunter. Rudy Ricciotti hat das alte Fort aus der Zeit Ludwig XIV. – und mit ihm die Altstadt – über zwei Fussgänger-Brücken mit „seinem“ MuCem (Museum für europäische und mediterrane Zivilisationen) verbunden. Ein Kubus von 72 mal 72 Metern, dessen Fassade in geheimnisvollem Schwarz schimmert und das nahe Meer, die Altstadt, das Fort – und: Stefano Boeris „Villa Méditerranée“ spiegelt. Beide Häuser widmen sich dem zentralen Thema: Geschichte und Gegenwart des Mittelmeerraumes in Europa. Wer immer hier flaniert, versteht intuitiv, was „Euroméditerranée“ meinen soll, hier an der kontinentalen Nahtstelle Europas zum Mittelmeerraum. Marseille, hört man hier, ist nicht eine, sondern DIE  Schnittstelle, wenn es um die Gestaltung einer europäischenIdentität geht, die sich weit klarer als bisher – auch (!) – vom Mittelmeer her, vom Süden her inspirieren und bereichern lässt.

Der massive Input an Kulturgut, der durchaus die breite Masse erreicht, wirkt nach. In Marseille erwacht ein neues Selbstbewusstsein, konzentriert auf die soziale Situation, nein: die soziale Misere, muss man sagen. Die Situation in den nördlichen Quartiers ist bedrohlich. Massive Jugendarbeitslosigkeit, Drogenkriminalität und offene, brutale Gewalt der jugendlichen Drogenkings, bedrohen das Leben der Mehrheit der dort lebenden Büger/innen. Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Z. B.: Es sei keine Priorität, die Verbindungen dieser Stadtviertel ins „Herz“ der Stadt – per ÖPN – zu erleichtern, wird Bürgermeister Gaudin zitiert. Das kam nicht gut an! „Wir haben die Schnauze voll“ stand auf den Transparenten der Demo in Malpassé und „Hört endlich mit der Gewalt auf!“ Die Forderung nach Sicherheit, Arbeits- und Ausbildungsplätzen, besserer Infrastruktur und mehr Mitteln für Bildung und soziale Entwicklung ist klar. Eine Lehrerin beklagte im Radio, dass faktisch nur jedes dritte Kind in Marseille – einer Stadt am Meer – schwimmen könne. Es gibt Siedlungen, die für Tausende Menschen gebaut wurden, wo kein Spiel- und Sportplatz, kein Raum für die soziale Interaktionen besteht.

Das ist ein Elend. Aber erklärbar: In den letzten 70 Jahre, sagen die Forscher, seien in der Stadt Marseille die „tragenden Säulen“ eines funktionierenden Gemeinwesens ein- oder weggebrochen: Es ist ein riesiger Sozialraum ist entstanden, das Verkehrs- und Transportwesen überfordert, die Zusammensetzung und das Wachstum der Bevölkerung ging mit dem Einbruch der ,alten‘ Industrien einher, was das wirtschaftliche Gleichgewicht massiv gestört habe; und die politischen Kräfteverhältnisse haben sich völlig verändert. Angesichts dieser kulturellen Transformationen und ihrer Folgen, habe kaum jemand nicht einmal zu glauben gewagt, dass Marseille überhaupt als „europäische Kulturhauptstadt“ in Frage käme. Es ist anders gekommen.

Wer jemals, oben in der Basilika „Unserer lieben Frau von der guten Wacht“, den Ex-Votos an den Wänden ein wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, weiss um die Kraft, die das geringste Quentchen Glauben haben kann. Und: „La Bonne Mère“, die gute Mutter liebt alleihre Kinder, ohne Ausnahme. Henry Quinson teilt diese Sicht der Dinge. Er ist katholischer Mönch und lebt seit den 90er Jahren mit seiner kleinen Fraternité St. Paul in einer der riesigen, gesichtslosen Wohnanlagen in der Kulturhauptstadt. Und Jacques Loew (1908-1999) schwitzte aus ähnlichen Motiven in den 1940er Jahren drei Jahre lang als Arbeiterpriester in den Docks von Marseille. Marseille das war und ist – in jeder Hinsicht – eine Beziehungsgeschichte, und oft auch eine Liebesgeschichte. Und was Albert Camus (1913-1960) von Sysiphus sagt, ließe sich ins Stammbuch der Stadt Marseille schreiben: Man muss sich die ‚Marseillais‘ als glückliche Menschen vorstellen.

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Valerie und die „Gelbwesten“

 

Valérie (44) auf den Blockaden der Autobahn bei Montceau-les-Mines am 1. Dezember 2018. © Arnaud Finistre 8 La Croix)

Valérie hat sich den „Gelbwesten“ angeschlossen – von Anfang an. Die spürbare Solidarität dort hat sie begeistert und motiviert. Sie hat zwei große Kinder und arbeitet in der Nachtschicht einer Sockenfrabrik. Aber sie muss immer noch „jeden Groschen umdrehen“ und dass sie bisher niemals „profitieren“ konnte, findet sie ungerecht. 

Sie ist ausgebildete Bekleidungstechnikerin und hat sich schon als Modeschöpferin für Brautkleider gesehen. „Und dann hat es sich soentwickelt, dass … naja, man sich sein Leben nicht aussuchen.“ Valérie ist 44. Ihre blauen Augen werden durch einen doppelten, schwarzen Lidstrich betont. Das macht ihren Blick härter. „Ich habe mich auch geschlagen“ gibt sie zu. Aber „ich bin niemandem etwas schuldig“. Ihre schwarzen Haare hat sie hochgebunden und ihr Makeup kaschiert die Augenringe.
 
Seit acht Monaten arbeitet sie in der Nachtschicht. Vollzeit. 21 Stunden von Montag bis Freitag. „Meine Entscheidung!“ sagt sie, weil sie „sehr wenig Schlaf“ brauche und auch „die Nacht fürchtet“. Sie war die erste Frau auf diesem Posten. „Das passt mir so. Auch wenn da diese ständige Müdigkeit ist und der Arbeitsrhythmus uns von der Welt abschneidet“; aber für 600 Euro mehr pro Monat macht sie weiter, sich „sich nicht den Rest meiner Tage. Doch damit komme ich besser über’n Berg“ erklärt sie. Und im Vergleich mit den vorherigen 10 Jahren einem Supermarkt  fühlt sie sich jetzt viel besser behandelt: „Nach dieser Hölle ist das hier fast das Paradies.“ …. >> Weiterlesen hier
 
Erschienen im Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 50 vom 13.12.2018

(Tage)Bücher zur Friedensradfahrt nach Jerusalem

Zur Friedensradfahrt von Wien nach Jerusalem im Frühjahr 2009 sind folgende Reisebericht bzw. Dokumentationen veröffentlicht bzw. verfügbar:

Das Online-Tagebuch von Martin Ranftler 

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Dieter Zumpfe: Ins Meer der Freiheit. Radpilgern nach Jerusalem. 224 Seiten mit 130 Farbfotos, BUCHER-Verlag Hohenems, ISBN 978-3-99018-049-5, Preis: € 19,50

Um des Friedens zwischen den monotheistischen Weltreligionen – Judentum, Christentum und Islam – willen, brachen Frauen und Männer im Alter zwischen 48 und 69 Jahren zu einer Rad-Pilgerreise nach Jerusalem auf. Der Weg führte über acht Landesgrenzen, 3.712 Kilometer und 23.118 Höhenmeter. Begegnungen mit Religionsvertretern und Friedensaktivisten standen im Zentrum.
Über diese spannende Reise und zukünftige Friedensradfahrten berichtet das vorliegende Buch mit anschaulichen Bildern, Anregungen und Informationen.

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Josef Mann: Nie wieder Jerusalem? 3712 Kilometer für den Frieden unterwegs. Klappenbroschur, 320 Seiten, 64 Farbfotos, 1 Landkarte; 21,5 x 13,5 cm, 460 g; ISBN: 978-3-200-02125-9. Verlag mannundskript. Erscheinungsdatum: 02. 2011, 2. Auflage: 10. 2011; EUR 19,80 (A)/19,30 (D)/CHF 35,00 zzgl. Versand, Ö: versandkostenfrei, International: (vergriffen)

Zwanzig Männer und Frauen haben es sich in den Kopf gesetzt, um des lieben Friedens willen von Wien nach Jerusalem zu radeln. Der Jüngste 48, der Älteste 69. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt und sengende Wüstensonne, Wetterkapriolen und Stürze zehren an Mensch und Maschine. Vierzig Tage lang treten sie durch zehn Länder, durch Klimazonen und Zivilisationen. Nach 3.712 Straßenkilometern mit 23.118 Höhenmetern und Konflikten in der Gruppe stehen die Radler und Radlerinnen vor der Klagemauer …
Der Autor hat auf dieser Friedensradfahrt von Österreich über Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, die Türkei, Syrien, Jordanien, nach Israel, Palästina ungewöhnliche Storys aus Geschichte und Gegenwart er-fahren: Der erste Riss im „Eisernen Vorhang“. Panzer als Kinderspielplätze. Die Kroatin Dragica klopft an die Tür ihres serbischen Nachbarn. Havadis, der letzte Überlebende vom Musa Dagh. Muslime, Christen und Juden singen gemeinsam im Chor der Zivilisationen der türkischen Kleinstadt Antakya. Der Christ Bassel Kas Nasrallah berät den syrischen Großmufti. Palästinenser und Israelis weigern sich, Feinde zu sein. Aus Fremden werden Freunde …

signum magnum – musikalisch-bildnerische Performance

Das letzte Buch der Bibel, die Geheime Offenbarung des Johannes, fasziniert seit jeher die Kunstwelt. Der bilderreiche Text, die Polarisierung zwischen Gut und Böse, die mystischen Zahlengeheimnisse wie auch die gewaltigen Visionen bilden ein „pluriformes“ Kunstwerk und regen die Phantasie an. Zwei Vorarlberger Künstler deuteten im Rahmen der Veranstaltungsreihe „KunstKirche“ ein Kapitel der Apokalypse mit einer musikalisch-bildnerischen Improvisation. Der Organist und Komponist Bruno Oberhammer sowie der bildende Künstler Johannes Kaufmann einigten sich gemeinsam auf das 12. Kapitel, jene Textpassage der Apokalypse, die für viele den Kern der Aussagen der niedergeschriebenen Visionen des Johannes von Patmos darstellt.

Es geht in diesem Abschnitt um die Botschaft des Kampfes zwischen Gut und Böse, Heil und Unheil, zwischen dem Vollkommenen und Unvollkommenen. Das ist ein ewiger Kampf, der in jedem Menschen lebenslänglich stattfindet und zeitlose Gültigkeit hat. In der Pfarrkirche Schwarzach (Vorarlberg) deuteten Bruno Oberhammer an der Rieger-Orgel und Johannes Kaufmann vor einer zwanzig Quadratmeter großen Leinwand, die in Form eines Flügelaltares postiert war, die Textvorlage. Auf diese Weise entfaltete sich vor den rund 600 Zuschauern eine dialogische Symbiose zwischen Text, Bild und Musik. Neben der inhaltlichen Entscheidung für das Kapitel 12 verbindet die Wahl zur Improvisation den Musiker und den Maler. Improvisieren bedeute Komponieren und Interpretieren im selben Augenblick, meint der Organist.

Das vorliegende Buch mit eingelegter CD dokumentiert den überaus komplexen Prozess der künstlerischen Auseinandersetzung auf allen Ebenen. Das Buch als eigenständiges, sinnliches Erlebnis stellt in Wort, Bild und Musik ein Ganzes, ein situativ-performatives ‚Gesamtkunstwerk‘ dar. Zugänge und Abläufe werden ansprechend erläutert. Die Leserschaft gewinnt Einblicke in den künstlerischen Schaffensprozess, in die musikalische und bildnerische Auseinandersetzung mit dem apokalyptischen Text.

Zum Buch: 
(Hg. mit Rainer Juriatti), SIGNUM MAGNUM. Projekt KunstKirche 5. Musikalisch-Bildnerische Performance mit Bruno Oberhammer und Johannes Kaufmann. Lindenberg (Kunstverlag Josef Fink) 2003. 

wie leuchten

die ungeschriebnen
seiten haben keine zeit
und sind verheftet
 
wortlos gebunden 
umarmend vielleicht verschämt
nachthell verbündet
 
der faden blutrot
sprachlos und stilletrunken
auslotend den weg
 
beredtes schweigen:
wie leuchten, herzweit vertraut
zieht über dein land
(09122017 – ver2)

gruß

weit von der quelle
strömt unverzagt dein leben
gelassen: das herz
 
zielloses wehen
in der weite die stille
wie glück: uferlos
 
die tage lesen
nächtens zwischen den zeilen
buchstäblich: ein trost
 
mit heimweh getauft
vielleicht aber auch: segen
für weiter und mehr
(27092018 _ für DJ)

Christoph Wrembek SJ: Der ganz andere Judas

Judas – Apostel, Verräter und Freund des Guten Hirten

© Neue Stadt Verlag

Judas Iskariot ist eine beunruhigende Gestalt der Heilsgeschichte. Sein Schicksal an der Seite Jesu gibt stellt unser Denken und Glauben auf die Probe. „Judas“ provoziert Fragen, die ans „Eingemachte“ gehen. Das jüngste Buch von P. Christoph Wrembek SJ gibt gutes Geleit in schwierigem Glaubens-Gelände.

Natürlich ist es keine Biographie oder Lebensbeschreibung, die der Jesuitenpater vorlegt. Seriöse Schreib- und Denkarbeiter_innen sind so fasziniert vom Thema wie sie in der Sache gut informiert sind. Die Absicht des Autors mit seiner weiten und breiten Erfahrung als spiritueller Begleiter und ‚experitus’ ist eher, ein neues (auch: Glaubens-) Bewusstsein zu schaffen. Das heißt nicht mehr und nicht weniger als den Verstand und die Vernunft zu gebrauchen, die Sinne zusammen zu nehmen und in der guten, alten, menschengemachten (unserer) Geschichte, die Spuren einer weiter- und tieferreichenden, ja Alles umfangenden und durchwaltenden Heils-Geschichte zu suchen und – zu finden.
 
Die Zugänge und Ansätze zum Verstehen der Bedeutung der Judas-Gestalt sind von Epoche zu Epoche verschieden. Das gnostische „Judas-Evangelium“ (2 Jhdt.) ist so ein Ansatz. Um 1970 sorgten die Textfragmente für Furore in der Öffentlichkeit, wodurch der dramatischen  Geschichte des elend ums Leben gekommenen Mannes aus dem kleinen Dorf Iskariot (in der südlichen Wüstengegend Israels gelegen) immer wieder neues Leben einhaucht. Das Gespür aber, dass dieser von Kirchenvätern, Theologen seit frühester Zeit und bis in unsere Tage herauf extrem ausgegrenzte Typ, ein einzelgängerischer Verlorener, ein Gottverdammter par excellence, uns etwas „zu sagen“ hat, war immer auch präsent. Die Kunst- und Literaturgeschichte haben sich immer wieder dem Judas-Komplex gewidmet. Wie z. B. Walter Jens (1923 – 2013), Rhetorikprofessor in Tübingen, Schriftsteller erster Güte und evangelischer Christ. Sein Buch: „Der Fall Judas“,  machte dem traditionellen, kirchlich-theologischen Judas- und Gottesbild  den Prozess: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans. Keine Kirche ohne diesen Mann; keine Überlieferung ohne den Überlieferer“ – versuchte er zu retten, ins Glaubensbewusstsein herein, oder gar zurück zu holen, was ihm verloren schien.
 
Nicht Opfer, Barmherzigkeit. Man verrät nicht zu viel aus den spannend geschrieben, wohl durchdachten und lesenswerten rund 160 Seiten, wenn man sagt, dass P. Wrembeks Buch diesen Faden aufnimmt und ihn sehr konsequent weiterspinnt. Die entscheidende Inspiration findet für seine aufmerksame und feinsinnige „Umdenkarbeit“ findet der Autor in einem der wunderschönen Kapitelle in der Basilika auf dem Hügel von Vezelay im Burgund. Die 900 Jahre alte Darstellung zeigt den „Guten Hirten von Vezelay“; anstelle des Lammes, trägt der Hirte seinen Verräter, den Apostel Judas, den er so zu seinem Feund macht. Der Untertitel des Buches: „Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich“ ist Programm. Das steinern-stumme Zeugnis geht in geheimnisvoller Intimität zu Herzen, weckt den Geist auf und tröstet die unruhige Seele. Das ist ein Glück und dieses Buch auch! 
Zum Buch: Christoph Wrembek SJ, Judas, der Freund. Du, der du Judas trägst nach Hause, trage auch mich. Verlag Neue Stadt 2017. 
Zum Foto: Judas-Kapitell in der Basilika Ste. Madeleine in Vezelay.

Jürgen Schäfer: In der Liebe sein

Vom Anfang eines langen Gespräches

Der Autor des Buches, Jürgen Schäfer, war evangelisch-reformierter Pfarrer in Feldkirch und ist jetzt Seelsorger im Kaplan Bonetti-Haus in Dornbirn. © Verena Kogelnig.

Das Reich Gottes ist angebrochen, mitten in dieser Welt und für Jürgen Schäfer kommt noch dazu, dass es Heute, im Hier und Jetzt, gegenwärtig ist. Das ist der Anker-Gedanke im jüngsten (und ersten) Buch des ehemaligen evangelischen Pfarrers und jetzigen Seelsorgers im Bonetti-Haus in Dornbirn. Das bedeutet auch, dass der Entwurf (s)einer „Spiritualität der Gegenwart“ in der Tradition des Christentums wurzelt, dessen spirituelle Dynamik der Autor stets kritisch – zu Gunsten von Freiheit, Selbstbestimmung und eigenem Verstandesgebrauch – wertschätzend vergegenwärtigt, sprich: „gelebt“ – nicht nur sehen, sondern erleben und erfahren möchte, „was ich für die tiefste Sehnsucht von uns allen halte: Lieben zu können und geliebt zu werden.

Die „Bildersprache“ des Buches (Cornelia Hefel zeichnet für die schönen Fotos verantwortlich) ist vielsagend. Ob sich in der (Klein)Familie – ein junges Paar mit Kind – möglicherweise ein gesellschaftlich-politischer Horizont andeutet? Aber in Form und Inhalt klingt das Thema des Paradieses – als gesuchtes aber auch als verlorenes –  an. Aber unzweifelhaft ist, dass es um einen weiteren, breiteren und tieferen Begriff von ‚Schöpfung‘ geht. Sie ist der ersehnte Ort des Bleibens und des erstrebenswerten ‚Seins in der Liebe‘ ebenso wie jener Ort, an dem alles Sehnen und Streben erfüllt ist in der Gegenwärtigkeit lebendigen Glaubens.

Auch wenn der Begriff „Politik“ nur ein Mal (S. 14) vorkommt, darf man sich die „Spiritualität der Gegenwart“ nicht unpolitisch vorstellen. In „I love Bahnhofrestaurant“ (26) wird das deutlich. Der Text erinnert an Gedichte von Jacques Prévert, deren Tristesse immer auch erhellende, erquickende Licht-Blicke kennt. Die sieben Kapitel des Buches enthalten je 12 Texte, die poetisch, prosaisch, hie und da (ausgedehnt) meditierend, intensiv betrachtend, nach innen gekehrt beschreibend, bis hin zu verdichteten, fast lyrischen Miniaturen immer wieder vom WEG erzählen und von Szenen und Ereignissen, Momenten und Blicken, Berührungen und Begegnungen, fragende Einsichten und sehr leise Antworten, die ihre ureigenste Frage nie verleugnen.
 
Es ist unwegsames Terrain, das da – nicht immer aber oft – entlang der Grenzen von Glaube, Hoffnung und Liebe bzw. persönlicher Lebenswirklichkeiten erkundet wird. Wo kommen wir hin, wenn fadenscheinig gewordene Orthodoxie, klerikalistische Verhärtung und frühere Gewissheiten nicht mehr tragen? Birgt die Lebensrealität Spuren der neuen, zukünftigen Welt? „Der Mensch ist geworfen nur für eine kurze Zeit auf diese Erde. / Wer mag da von Liebe sprechen? Das Meer hat größere Antworten.“Ein guter Anfang für ein langes Gespräch – mit Buch, Autor und zahlreichen Lesern! (wb)
Bibliographie: 
Jürgen Schäfer, In der Liebe sein. Eine Spiritualität der Gegenwart. Landeck (Verlag EYE – Literatur der Wenigerheiten) Landeck, 2018. ISBN 3-901735-30-5.

„Der Abgrund der Geschichte ist groß genug für alle“

Nachdem Paul Valéry vor einhundert Jahren, unter den Erschütterungen des Ersten Weltkrieges, das Prädikat „Sterblichkeit“ auf die hohen Kulturen ausdehnte, indem er versicherte, wir wüßten nun, daß sogar die großen, durch Sprache, Recht und Arbeitsteilung integrierten Kollektivgebilde (nous autres, civilisations) sterblich seien, darf man es als glücklichen Zufall ansehen, wenn der immense Satz noch hier und dort ein Engramm min einem alteuropäisch geprägten Gedächtnis hinterlassen hat. Tatsächlich, „wir Zivilisationen“ sind sterblich, und wir hätten es nach allem, was geschehen war, zur Kenntnis nehmen sollen. Das Prädikat „Sterblichkeit“ kommt nicht mehr nur Sokrates und seinesgleichen zu. Es verläßt die asyllogistische Übung und überschwemmt einen Kontinent, der seinen großen Krieg nicht faßt. Nicht allein die Tatsache, daß binnen vier jähren mehr als neun Millionen Mann an den Fronten ins Feuer geschickt wurden, verlieh der Sterblichkeit die neue Note. Entscheidend ist, daß die Unzahl an Gefallenen und zivilen Opfern aus den internen Spannungen des Kulturgeschehens selbst zu folgen schien. Was sind Kulturnationen, und was bedeuten Zivilisationen, wenn sie solche Exzesse an Opfern und Selbstopfern zulassen, ja nicht nur zulassen, sondern aus ihren eigensten Antrieben hervorrufen? Was verrät dieser Massenkonsum an Leben über den Geist des Industriezeitalters? Was hat diese beispiellos neue Rücksichtslosigkeit gegenüber der einzelnen Existenz zu bedeuten? In dem Wort „Sterblichkeit“, auf Zivilisationen angewendet, klingt künftig die Anspielung auf suizidale Optionen mit. 

Der Schock, von dem Valérys Notiz Zeugnis gab, reichte tiefer, als seinen Zeitgenossen bewußt werden konnte. Für diesmal betraf die Einsicht in die Untergangsfähigkeit der Zivilisationen nicht ferne Welten wie Ninive, Babylon, Karthago. Sie handelte von Größen, die man wie aus der Nähe zu kennen glaubte: Frankreich, England, Rußland … dies waren bis gestern noch klingende Namen. Man sprach sie aus wie Universalien in Völkergestalt. Sie standen für die überzeitliche Stabilität, die man von alters her den Sippen in ihren Vereinigungen in Völkern zusprach. Die Sippen wurden sei the vom Gesetz der Herkunft regiert. Sie verkörperten die Dauer, die durch die Generationen fließt, sosehr auch die Einzelnen im Kommen und Gehen sind. Valery: „Und nun sehen wir, der Abgrund der Geschichte ist groß genug für alle.“²) 

²) „Nous autres, civilisations, nous savons maintenant que nous sommes mortelles … Et nous voyons maintenant que l’abîme de l’histoire est assez grand pour tout le monde.“ Pauls Valéry, La Crise de l’Esprit, Paris 1919, rééd. in: Variété I, Paris 1924; jetzt in: Œuvres I, Paris (Ed. de la Pléiade), S. 988.
Quelle: Peter Sloterdijk, Nach Gott. Berlin (Suhrkamp) 2017. Ss. 7-9.

2018: Passau – Ulm (Donauradweg)

Nach wie vor sagen Bilder/Fotos weit mehr als 1000 Wörter zu sagen vermögen und – darüberhinaus – sind Bilder (unabhängig von ihrer Qualität) wenigstens so unterhaltsam wie die Wörter. Das ist der Grundsatz. Allerdings geht es nicht ohne ein paar Wörter – als Beschreibungen, Hinweise und Einleitungen.

Der 1. Tag (Anreise nach Passau)

Etwa 12 Wochen vor Abreise habe ich nach langem Hin & Her den FLIX-Bus von Bregenz BHF nach München HBF gebucht und zwar für 4 Personen und 4 Fahrräder am Samstag, 16. Juni 2018, Abfahrt 10 Uhr vormittags. Das hat schließlich sowas von geklappt, dass wir nur gestaunt haben. Die Freundlichkeit der Dame, die den Bus steuerte, war ebenso wohltuend wie ihre kompetente Sachlichkeit und ihr Fahrstil. Also so was, gerne wieder …

In München hatten wir ca. eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Regionalexpresszuges nach Passau. Die Gemütlichkeit des Münchner Hauptbahnhofs ist eher überschaubar. Natürlich gab es leichten Streß beim Einsteigen, denn wir hatten das falsche Abfahrtsgleis im Auge und kamen erst zum Zug als die Standplätze für Koffer, Kinderwägen, Fahrräder und sonstige Großtransporte sicher besetzt waren. Ein Mann hatte sich einen riesigen Fernseher gekauft und transportierte ihn nun nach Hause, belegte auf diese Weise mindestens ein Drittel des Stellplatzes und zwei Klappsitze für sich selber. Ein anderer älterer Herr reiste mit einem riesigen Koffer, der mindestens 1,5 Fahrradstellplatz verbrauchte und wollte natürlich seinem Koffer nahe sein – in Griffweite, man weiß ja nie. Und jetzt stürzen wir uns ins Getümmel, viele Menschen, vier Rücksäcke, vier Fahrräder … aber: Wo ein Wille, da ein Weg zum Stell- und Sitzplatz, sodass wir sitzend und mit jedem Fahrkilometer weniger schwitzend, bis nach Passau gekommen sind.

Bike-Ambulanz rettet uns

Bild 1 von 10

Im Zug war mein Fahrrad umgefallen und das Hinterrad war durch die Belastung des Gepäcks aus den "Fugen" geraten. Die BIKE-AMBULANZ am Bahnhof in Passau hatte bis 18h geöffnet.

Heiner Geißler: Zweifeln und Glauben an Gott

Zeit seines Lebens hat er genervt. In Worten und Werken und in Tat und Wahrheit auch. Ein begnadeter Zweifler war Heiner Geissler, von hochgradig geschärftem Intellekt, geformt in der Schule des Hl. Ignatius von Loyola. Eines gilt – vor allem andren: Deus semper maior – Gott ist immer größer als man denkt, glaubt, hofft und zweifelt. 
 
Sein ethisches Fühlen, sein kritischer Verstand, seine überschäumende Vitalität und sein Gespür für das, was die Not der menschlichen Existenz wenden könnte, führte den nachhaltig jesuitisch geprägten Mann in die Politik.
So wurde er – oder war es ’nur‘ sein öffentliches Image (?) – zum konstanten Revoluzzer, einem phänomenal eleganten Polterer, einer Art Haudegen, der mit dem intellektuellen Florett zu fechten und dem rhetorischen Säbel zu treffen wusste, wie selten einer. Aber er konnte auch Einstecken, musste das auch und nicht zu knapp. Je älter er an Jahren wurde um so ausgeprägter ließ er erkennen, wie er von Menschlichkeit durchdrungen wurde, dem eigentlichen Movens seines Lebens. Sein Herz schlug im Takt des Glaubens, Hoffens und der Nächstenliebe und sein Geist hat ihn weite und schwere Wege gehen lassen.
Auf der Leipziger Buchmesse 2017 hat er unter einigem Tamtam dieses 80-Seiten-Büchlein mit Fragen zu Lutherjahr vorgestellt. Sofort auf der Spiegel-Bestsellerliste, bieten die 46 kristallklar durchgedachten Ansätze zur so genannten Theodizee-Frage ein radikal kritisches Panorama theologischer und kirchlich-pastoraler Verstummung angesichts schmerzlicher Ausweglosigkeiten: „Wenn es Gott gibt, warum ist die voller Katastrophen, Krankheiten und Kriege? – Heinrichjosef Georg Geissler hat im Herbst 2017 den Schritt ins ewige Überleben gemacht. Die Menschen, rebellieren gegen kirchliche Sprachlosigkeit, sie „verlangen nicht Rituale und fromme Lieder, sondern Wahrheit“. Selbst wenn es Gott nicht gäbe, war er überzeugt, seien wir dazu da, um anständig zusammen zu leben. Das geht auch (!) in der Spur des Nazareners und seiner Botschaft vom Reich Gottes. Naja, ein „subito santo“ wäre gewiß zu viel verlangt – aber täglich eine Seite des Büchleins zu meditieren, das tut – zu jeder Zeit des Kirchen(Jahres) und unabhängig von weltanschaulichen Prämissen – nicht nur gut sondern weist – auch was den Lebensstil angeht – in die richtige Richtung!
Das Buch kaufen: Heiner Geissler, Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss? Fragen zum Luther-Jahr. Berlin (Ullstein) 2017. ISBN 978-3-550-05006-0. € 7,20
Zum Foto: TUBE von Zilvinas Kempinas, Ausstellung im Kunstraum Dornbirn, 2016.  © Walter Buder

Thomas Roithner: Mit Sicherheit ohne Schießgewähr

Wie steht es gegenwärtig um Krieg und Frieden in globaler, europäischer und österreichischer Perspektive? Den Stand der Dinge im Spiel der Interessen um „Sicherheit, Supermacht und Schießgewähr“ hat Thomas Roithner in 16 journalistischen Ansätzen ausgeleuchtet. Ein Lesebericht. 

Die im Buch versammelten Beiträge sind 2017 in verschiedenen Medien publiziert worden. Es sind geopolitische und -ökonomische „Problemaufrisse“, die da auf 146 Taschenbuchseiten zu lesen sind: Außen-, Sicherheits-, Militär- und Friedenspolitik der EU, konkrete „Baustellen“ wie die EU-Auslandseinsätze, die Aufrüstungspolitik oder das jüngst beschlossene sicherheitspolitische Konzept zu „Kerneuropa“ werden kritisch bedacht. 

Klare Einsichten. Politische Vorgänge verschwimmen im tagespolitischen Aktion-Reaktion-Schema. Dem wissenschaftlichen Ethos des Autors entspricht sachliche Korrektheit ebenso wie Hinweise auf konkrete, realisierbare Denk- und Handlungsalternativen. Wobei der Schwerpunkt immer auf Österreich und internationaler oder europäischer Politik liegt. Und Roithner akzentuiert konsequent das neutrale Österreich, dessen Rolle in diesen Zusammenhängen selten so klar umrissen bedacht wird. 

Macht.Krieg. Dabei kann einem schon einmal die Luft wegbleiben, wenn die Einbindung unserer neutralen Heimat in den „militärisch-kommerziellen Konnex“ der europäischen „Versicherheit-lichung“ (wie auch die Europas in jene der gegenwärtigen Welt) wie unter der Lupe vorgeführt wird. Die Bedrohungsszenarien provozieren maß- und ziellose Sicherheitsbedürfnisse, die in scheinbar „alternativloser“ Selbstverständlichkeit – einer offen undemokratischen Gewaltlogik folgend – mit militärischer Aufrüstung beantwortet werden. Belege dafür findet Roithner mehr als genug! 

Macht.Frieden. Die österreichische Neutralität sei „im Kern Ausdruck einer Haltung der Kriegsverweigerung“, zitiert der Friedensforscher den Völkerrechtler Manfred Rotter (S. 73). Zudem biete sie implizit „einen breiten Friedensbegriff“, den er einem „visionären Vorschlag“ – die Rolle des Bundesheeres betreffend – zugrunde legt (siehe weiter unten). Das im Kern der Neutralität verankerte und dem Dienst am Frieden verpflichtete Instrument des österreichischen Staates, wird zu einem (inter-)national bedeutsamen, gewichtigen, friedenspolitischen Konzept. Als solches wäre es weit mehr als nur ein Zeichen europäischer und (inter-)nationaler Friedens-solidarität, sondern auch ein mutiger Schritt in Richtung Erneuerung der europäischen Friedensunion und einer modernen, zukunftsträchtigen Dimension (inter-)nationaler Identität – mit Sicherheit – und auf diese Weise – ohne Schießgewähr.

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ROITHNER IM WORTLAUT: „Armee-Konversion“

„Angesichts des gegenwärtig mancherorts in Frage gestellten Multilateralismus, der Abrüs- tungsprozesse und des Gewaltverbotes, sei hier ein visionärer Vorschlag betreffend des öster- reichischen Bundesheeres unterbreitet. Zielsetzung ist die völkerrechtskonformste Armee der Welt. Österreich stellt der UNO und der OSZE ein Kontingent an 2000 Soldaten/innen für UN- mandatierte Aufgaben permanent zur Verfügung. 

Dieses umfasst militärisches Know-How für Abrüstungsmaßnahmen, ‚peace-keeping‘ oder Beobachtungsmissionen. Österreich trainiert und bezahlt dieses Personal und die UN setzt dieses mit einem defensiven Mandat ein. 

Begleitet wird dies von einem zivilen Katastrophenschutz und der Einführung eines Friedens- dienstes nach dem deutschen Modell. Politisch setzt sich Österreich für eine zivile Präventi- onsagenda ein. Kein Staat wäre gegenüber der internationalen Gemeinschaft solidarischer. 

Für den Rest der Armee gilt Immanuel Kants Zielsetzung: ‚Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören.‘ Dies ist keineswegs problematisch. Nach Maßgabe des Stifters des Friedensnobelpreises soll man nämlich genau dafür einen Friedensnobelpreis erhalten.“ (S. 75) 

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– Zum Buch: Thomas Roithner, Sicherheit, Supermacht und Schießgewähr. Krieg und Frieden am Globus, in Europa und Österreich. 148 Seiten. Verlag my-morawa. Wien 2018. – Hier gehts zum Inhaltsverzeichnis und zur Bestellmöglichkeit (auch als ebook) auf der Seite des Autors.
– Zur Person des Autors:  Dr. Thomas Roithner ist Politologe an der Universität Wien, Sozialund Wirtschaftswissenschafter sowie Friedensforscher. 
– Das Buch-Cover ist gestaltet von Gerhard Haderer.

Burkhard Hose: Politische Christen/innen ?

„Seid laut! Für ein politisch engagiertes Christentum“ ist das neu erschienene Buch von Burkhard Hose, Pfarrer der Würzburger Hochschulgemeinde. Es wird vielfach als „Streitschrift“ betrachtet, was heutzutage – wie es um die Politik und – nicht viel besser –  um die Kirche(n) steht. 
 
Der Autor wurde 2014 mit dem Würzburger Friedenspreis für sein Engagement im Sinne des Miteinanders der Religionen und eine an der Menschenwürde orientierte Flüchtlings- und Integrationspolitik ausgezeichnet. Im Kern geht es in seinem Buch, das man durchaus auch als „Manifest“ lesen kann, darum, gründlich und grundsätzlich über das seit frühesten Zeiten des Christentums stets kritische Verhältnis zur Politik nachzudenken.
Hose nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn es um die politische Dimension der evangelischen Botschaft geht. Der Vorwurf, er sei zu politisch und solle sich lieber um das „Seelenheil“ kümmern, ist gesellschaftlich engagierten Christen auch in unseren Breiten nicht unbekannt. Seit seinem „offenen Brief“ an den bayerischen  Ministerpräsidenten Söder – Zitat: „Viele empfinden es zunehmend als eine Provokation und als Heuchelei, wie Sie über das Christentum öffentlich reden“ – hat die Frage: Wie politisch darf ich als Christ und auch als Priester sein? – an öffentlichem Raum viel – viele meinen: beunruhigend viel – gewonnen. Der Streitschrift sind viele, kritische, gläubige und nachdenkliche Menschen zu wünschen, vor allem, wenn sie sich zudem als Christen verstehen, denen die Rolle ihrer je eigene Kirche(ngemeinschaft) in der politischen Öffentlichkeit nicht gleichgültig ist. Es muss ja nicht gleich die Bergpredigt umgesetzt sein, tätige Nächstenliebe wäre ein guter Anfang.
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Burkhard Hose, 
Seid laut! Für ein politisch engagiertes Christentum.
Münsterschwarzach (Vier-Türme-Verlag) 2018
ISBN 978-3-7365-0155-3
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Was sagt die Stimme der Vernunft?

Der Hohenemser Jurist, Versicherungsagent und Privatgelehrte Matthias Jäger hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Eine rasante philosophiegeschichtliche Erzählung, in der er Menschen und Mächte aus 2500 Jahren mittel- und westeuropäischer Geschichte Revue passieren lässt. Ein geistiges Panorama, entstanden auf der Suche nach gültigen Antworten für heute und kommende Zeiten. 
 
Auf 550 Seiten und gegliedert in 117 Kapitel bekommt das „geistige Auge“ einiges vor- geführt. Mit Siebenmeilenstiefeln „eilt die Zeit im Sauseschritt und wir, wir eilen munter mit“, dichtete Wilhelm Busch. In unzähligen Figuren, Gestalten und Szenen der abendländischen Geistesgeschichte zeichnet der Autor dieses bemerkenswerten Buches die Wege der Vernunft nach bis an die Grenze zu ihrem letzten Schritt. Der Buchtitel ist ein berühmter Gedanke des französischen Philosophen Blaise Pascal (1623-1662), in dessen Werk die Möglichkeit des Glaubens an Gott – der Schritt über die Vernunft hinaus – einen hohen Stellenwert hat.
 

Es geht um das „kollektive Bewusstsein“ in das jede/r eingebunden ist – man kann auch sagen: „in dem jeder verhaftet ist“. Man könnte auch von Tradition sprechen. Das abendländische Panoptikum beginnt mit Sokrates (4. Jh. v. Chr.) und endet mit dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt (7. Dezember 1970: Kniefall im Warschauer Ghetto). Dazwischen kommen Personen aus allen Bereichen, Völkern, Staaten, Republiken, Orden, Städten, Landschaften, Ländern, Ereignissen (Pest oder Kriege u.ä.), Beziehungen vor. Das alles ist mehr als gut lesbar und spannend aufbereitet. In den ein- gestreuten kritischen Reflexionen wird Erkanntes festgehalten; am Kapitelende finden sich oft ‚knackig’ formulierte Überleitungen gesetzt. Das alles ist sachlich fundiert und historisch korrekt gearbeitet. Schade, dass es kein Sach-, Orts- oder Personenverzeichnis gibt.
 
Der Autor ist ein talentierter Erzähler mit einem Sinn für Hinter- und Untergründiges. Sein Wissensreservoir ist beachtlich: Bücher- und Lebenswissen, Hausverstand und Men- schenkenntnis, mystische Ströme und esoterische Ahnungen gehören dazu. Und an jeder Ecke, in jeder Epoche lauert stets gegenwärtige Gewalt – in Gedanken, Worten und Werken der Protagonisten, der weltlichen wie der kirchlichen. Der Krieg – Kulturvernichter und ungebändigter Menschenfresser – schläft nie, sondern gibt sich als „Vater aller Dinge“. Und die Menschen sind (immer noch) nicht entschieden, ihn auszuhungern und endlich zu ächten. Der „homo religiosus“ (mit Ausnahmen) – als Priester, Bischof, Papst oder Mönch,  ja selbst Heilige – sind nicht gefeit vor der multiplen Infektion der Gewalt. Dennoch: Man staunt hie und da, wie weit man doch hier und dort gekommen ist.
 
Die Frage: „Wie soll es weitergehen?“, steht auf der vorletzten Seite (S. 543) des Buches. Jäger setzt noch auf den „homo religiosus“ und meint, die „Überzeugung von der Heiligkeit des Lebens“ sei „die wirkungsvollste Sicherung gegen Gewalt“. Mit dieser Frage ist das Buch in der aktuellen Gegenwart angekommen. Die vorgeschlagene Spur, bei Blaise Pascals Gedanken: „Es ist das Herz, das Gott fühlt, nicht die Vernunft“ die Antwort zu suchen, ist – bei allem Respekt – kritisch zu betrachten. Die Chancen auf tragfähige Brücken zu und zwischen den komplexen Lebensfragen scheinen mir bei Hannah Arendt realistischer: „Noch in den finstersten Zeiten haben wir ein Recht, eine gewisse Erleuchtung zu erwarten. Sie kommt wahrscheinlich weniger von Theorien und Begriffen als von dem ungewissen, flackernden und oft schwachen Licht, das einige Männer und Frauen durch ihr Leben und Werk unter fast allen Umständen entzünden und auf die Zeitspanne werfen, die ihnen auf Erden gegeben ist.“ Ein leises Echo von Pascal ist zu vernehmen, eine Fortsetzung in Arendts Spur wäre schön. «
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Matthias Jäger, 
Der letzte Schritt der Vernunft. Von Sokrates bis in 20. Jahrhundert.
Hohenems (Bucher- Verlag) 2017. Gebunden, 552 Seiten. € 22,80.

Die Rezension ist veröffentlicht im Vorarlberger KirchenBlatt vom 25. Jänner 2018, S.20

Zu Marlene Giesingers Lyrik: Gehen „im trostlichten ja“

„Spuren nach Emmaus“ suchen, finden, legen und lesen Marlene Giesingers Gedichte. Sie geben poetisches Geleit ‚ auf Weg zu Orten und Quellen des Lebens. Eine Lesebericht von Walter L. Buder.

Das Buch ist im heurigen Frühjahr im Würzburger Echter-Verlag erschienen. Das ist eine gute Adresse für religiöse, geistliche, spirituelle Gedichte – und das seit Langem schon. Lyrik generell sei „im Literaturbetrieb stiefmütterlich behandelt – zu seinem eigenen Schaden“ (F. Ph. Ingold) – was auch für den Religions- und Kirchenbetrieb gilt. Zwar gibt es in derdeutschsprachigen Nische einige Vielgelesene – wie etwa Andreas Knapp oder Andrea Schwarz. Angesichts des Zustandes der institutionsgebunden (christlichen) Religiosität, ist das von Interesse. Während ehedem gesellschaftlich dominante und lebensgestaltende Rituale zu „christentümlichen“ Ar- tefakten von weitgehend musealer Bedeutung verkümmern und die althergebrachten Glaubensgestalten keine Kraft mehr haben, um individuelle Lebens- und Glaubenserfahrungen sinnbringend zu verarbeiten – Zeichen der Zeit (?) – arbeiten Dichter/innen an sprachlichen Geländern zum Gehen „im trostlichten ja“ (S.38)

Diese Gedichte sind – auch wenn sie ohne Zweifel religiös-biblisch-spirituell angehaucht (inspiriert!) sind – keine wehmütigen Abgesänge oder sehnsüchtige Elegien. Im Gegenteil: Es geht ans „Eingemachte“, also die personalen Lebens- und Glaubenserfahrungen, die „letztlich untrennbar verbunden“ (S. 5) sind. Dort ist das poetische Vermögen (Potential) gebunkert – der wahre Schatz, aus dem Marlene Giesingers religiöse Lyrik schöpft.

Ungereimt und durchgehend in Kleinschreibung gehalten fragt sich: Ist das Ausdruck spiritueller Vorsicht, geistlicher Bescheidenheit oder po- etisch-methodische Funktionalität und/oder dem Thema Emmaus – Weg und/oder Ziel? – geschuldet? Mit Von-allem-etwas liegt man nicht falsch, doch vor alledem geht es um die Sprache selber. Mit M. L. Kaschnitz (1901-1974) gesagt: „Die Sprache, die einmal ausschwang, Dich zu loben / Zieht sich zusammen, singt nicht mehr / In unserem Essigmund …“. Es ist also Spracharbeit an den Erfahrungsgrenzen, die in Unter- und Obertönen an einen Rap erinnern. Aber das bloße Weitersagen ist sowieso nicht Sache zeitgenössischer Lyrik und schon gar nicht religiöser, geistlicher oder spiritueller Poesie.

Wie dem auch sei – zu hoffen bleibt, dass die Gedichte von Marlene Giesinger viele erreichen, besonders jene, die noch Energie aufbringen, ihren Gefühlen, Erinnerungen und Gedanken, ihrer Sehnsucht und sich selbst zu trauen. Von hier aus ist Spuren-Suche angesagt. Die Spuren weisen in Richtung „todsicheres leben“ (S. 89). Und es „alltagt“ (S. 49) in den uralten Wortspuren, Narrativen, Szenen wie Emmaus; aus den Hinter- und Überwelten ferner, fremd gewordener Sprachen, Gedanken und Ritualen werden sie realisiert, über-setzt in ein je persönliches Hier und Heute – wo sie wie warme Quellen (deutsch für das hebräische ‚emmaus‘) aufbrechen und neuerlich gefasst werden können.

Religiöse Lyrik? Eher mit Vorsicht zu genießen, flüstert der Zeitgeist und hat nicht ganz Unrecht. Doch Aufmerksamkeit und Zuneigung sind aus Erfahrung nicht weniger dienlich wie Zweifel und kritische Distanz. Eine ordentliche Portion Wartekraft, auch Geduld genannt, mit zu bringen, und ein Polster an literarischer Neugier, intellektueller Offenheit für religiös-christliche Traditionsfindlinge – ist kein Nachteil bei der Annäherung an Gedichte generell – und mit den hier besprochenen im besonderen. Vermutlich kommt der Appetit mit dem Essen – wie es die Alltagsweisheit verspricht.
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Spuren nach Emmaus. Gedichte, die das Leben schrieb. 
Würzburg (Echter Verlag) 2018.
ISBN 978-33429-04466-4

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Das Foto zeigt Fussböden im Eingangsbereich der Alhambra (Granada)

dankbar

wie feinstes gewebe
naheklang und weiteton

seelenkette und
herzensschuss

gehen gegen unendlich
und kreuzen
in geordnetem durcheinander
auf alle horizonte zu

der segen des freundes
namenlos ist antwort
und wahr

Das Foto zeigt die Abendstimmung am Bodensee

ausgesCHossen

Waffenproduktion und Waffenhandel sind ein schmutziges und – vor allem – tödliches Geschäft. Waffen haben einen einzigen Zweck: Menschenleben auszulöschen. Möglichst viele. Möglichst effizient. Auch das vermeintlich neutrale Österreich mischt in diesem dreckigen und blutigen Geschäft mit. Die nachstehend zu lesende Email von Jean Ziegler hat mich heute (21. Mai 2017) über einen Bekannten erreicht. Vierzig (40) schweizerische Organisationen lancierten (bereits am 11. April 2017) die Initiative Für ein Verbot von Kriegsmaterial-Exporten.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!
Die Schweizerische Nationalbank, unsere Pensionskassen und die Grossbanken investieren jährlich Milliarden von Franken in die internationale Rüstungsindustrie, insbesondere die US-amerikanische Panzer, Maschinengewehre, Nuklearwaffen und unzählige weitere Tötungsinstrumente werden mit diesem Geld finanziert.
Die Schweiz ist damit direkt am Geschäft mit dem Tod beteiligt. Wir werden zu Komplizinnen und Komplizen des globalisierten Finanzkapitals gemacht, welches mit verbrannten, verstümmelten und ermordeten Menschen in Syrien, Afghanistan, Jemen oder dem Irak Profit schlägt.
Solche Investitionen müssen verboten werden. Die Kriegsgeschäfte-Initiative will genau das tun: Keine Finanzierung der Kriegsmaterialproduzenten mehr durch die Nationalbank, die Pensionskassen, die Grossbanken. Kein Schweizer Geld für die Kriege dieser Welt.
Um den Managern der Kriegsmaterialproduzenten das blutige Handwerk zu legen, braucht unsere Initiative Ihre Unterstützung. Millionen Menschenleben könnten damit gerettet werden und den Kriegstreibern würde der Geldhahn zugedreht.

Herzliche Grüsse und vielen Dank für Ihr Engagement
Jean Ziegler

 

Fast jedes Wort in Jean Zieglers Intervention gilt auch für das neutrales Österreich, dessen gar nicht so neutraler Verteidigungsminister vor kurzem rund 1,2 Milliarden Euro Steuergeld zugesichert bekommen hat, um aufzurüsten. Was die Waffenproduktion und -exporte angeht: Klar, wir sind „Kleinvieh“ in diesem Stall. Aber eben: Kleinvieh macht auch Mist, der in diesem Fall nach Tod und Verderben riecht und einige wenige Mitbürger machen damit sehr, sehr viel bedenklich schmutziges Geld. Odr?

Lesung in Salzburg

Gemeinsam mit Grid Marrisonie und auf Einladung von Herrn Sebastian Gutmann lese ich in der Salzburger Paracelsus Buchhandlung. Unter dem Titel: „leuchtendes warten“ wird es neue, teils unveröffentlichte Gedichte und Prosa zu hören geben.

Samstag, 17. Februar 2018, 12.30 Uhr
Salzburg, Steingasse 47 (Paracelsus Buchhandlung)

Wir freuen uns auf Euren Besuch in der Mittagszeit!

Radtouren seit 2009

2018

DONAURADWEG von Passau nach Ulm (16.08.2018 – 22.08.2018)
ab Bregenz (Flixbus + Rad) nach München (HBF) – per Zug nach Passau (Hotel Dormeo) – Deggendorf – Regensburg – Ingolstadt – Donauwörth – Ulm – mit dem Zug nach Bregenz. => Von Passau nach Ulm.

VIA RHONA_2 (Rhonetal) – 20.04.2018 – Mit der Bahn + Fahrrad von Bregenz über Zürich nach Genf, von dort  (ab: 15.30h) über  Seyssel  – Lyon – Valence – Montelimar – Avignon – Arles – Port St. Louis (Rhonemündung) – Am 01. 05. 2018 über Fos-sur-Mer, Port-de-Bouc, Martigues, Sausset-les-Pins, Carry-le-Rouet, Val-de-Ricard, Ensuès-la-Redonne, Le Rove nach Marseille – La Ciotat (Ruhetage) – Am 04.05.2018 mit der Bahn von La Ciotat – über Marseille – Arles – Avignon bis nach Genf (an 16.30h) – (Solo) weiter bis nach Tholon-les-Bains (Ü) – 05.05.2018 am südlichen Ufer des Genfersees – Saint-Maurice – Martigny – Sion bis nach Visp (Ü) – 06. 05. 2018 weiter über Brig, Fiesch, Oberwald – per Bahn durch den Furkatunnel nach Realp – Andermatt – Oberalppass – dann per Fahrrad bis nach Ilanz (Ü) – 07.05.2018 von Ilanz mit dem Zug bis nach Chur – von Chur per Fahrrad rheinabwärts durch Liechtenstein (Ruggell) – Nofels – Illspitz – Koblach – Altach – Lustenau – Senderstrasse – Lauterach – Bregenz – Ankunft gegen 18 Uhr.

2017

ELBERADWEG, 23.05 – 10.06. 2017: Spindlermühle – Decin – Dresden – Meissen – Hamburg – Stade – Cuxhaven

OBERRHEIN, 03.07. – 05.07. 2017: Bregenz – Chur – Ilanz – Oberalppass – Rheinquelle: Tomasee – Chur – Vaduz – Feldkirch

AUGSBURG-WITTENBERG (CA16), 01.09. – 10.09. 2017: Augsburg – Nürnberg – Bamberg – Lützen – Naumburg – Wittenberg
Anlass: Rückführung des Artikel 16 der Confessio Augustana (CA) auf den Spuren der Täuferbewegung nach Wittenberg

Lesen Sie dazu meinen Artikel online auf der Seite der Katholischen Kirche Vorarlberg: „CA 16“ wäre besser in Wittenberg geblieben.

2016

VIA RHONA_1 (Rhonetal) , 29.05. – 10.06. 2016: Start in Salornay-sur-Guye – Macon – per TGV nach Marseille – per Fahrrad weiter nach Martigues – Port St. Louis (Rhonemündung als Ausgangspunkt) – Arles –  Tarascon – Avignon – Orange – Montelimar – Tournon-sur-Rhone – Condrieu – Ampuis – Vienne – Lyon – Pont Jons –  Seyssel – mit dem Zug von Genf nach St. Gallen – mit dem Rad von St. Gallen bis Bregenz

2015

NORMANDIE – BRETAGNE – BURGUND, 01.05. – 14.05.2015: (1) Honfleur – Deauville –  Bayeux – Mont Saint Michel – Saint Malo – Erquy – St. Brieuc / per SNCF nach Nantes – (2) Val de Loire: Nantes – Angers – Tours – Orléans – Giens – St. Satur – Revers – Digoin – Paray-le-Monial – Bonnet-de-Joux -Salornay-sur-Guye – Taizé

2014

RHEIN – SCHWARZWALD – DONAU, 31.05. – 07.06. 2014: Start in Weil am Rhein / Basel – Freiburg/D – Schwarzwald – Donaueschingen – Ulm – Bregenz

WIEN – KONSTANZ (Friedensradfahrt, 100 Jahre Internationaler Versöhnungsbund), 20.07. – 31.07. 2014: Wien – Kleinmariazell – St. Pölten – Grein – Linz – Altheim – Salzburg – (Kufstein – Innsbruck – Landeck) – Feldkirch – Konstanz
Anlass: 100 Jahre Internationaler Versöhnungsbund (1914 – 2014) in Konstanz
Lesen Sie dazu den Artikel Gewaltfrei – für Frieden in Gerechtigkeit.

2013

VON LA CIOTAT NACH GENF, 01. 07. – 14. 07. 2013: Start in La Ciotat – das Tal der Durance – Haute-Provence: Manosque – Sisteron – Route Napoleon – Corps + La Salette – Corps – La Mure – Grenoble – Chambery – Aix-les-Bains – Genf – mit dem Zug nach St. Gallen und dann per Fahrrad nach Bregenz

2012

FRIEDENSRADTOUR der DFG_VgKG durch Bayern, 01. – 12. 08. 2012: München – Kaufbeuren – Möggers – Lindau – Friedrichshafen – Überlingen – Konstanz

2011

FRIEDENSRADFAHRT von Wien nach und in Bosnien-Herzegowina (BiH), 02.09. – 22.09. 2011:  Wien – Banja Luka – Mostar – Tuzla – Sarajevo (Anlass zum Weltfriedenstag am 21. 09. 2011).

VON MOSTAR NACH RIJEKA, 23.09. – 06.10. 2011: Sarajevo – Mostar (Bus) / Mostar – Medjugorje – Neum – Kroatien – Makarska Riviera – Split – Primošten -Ṧibenik –  Pirovac – Pakoŝtane – Biograd – Zadar – Ražanac – Pag – Kolan – Novaljia –  Karlobag – Senji – Rijeka – per Zug nach München – Bregenz

2010

2009

FRIEDENSRADFAHRT WIEN-JERUSALEM, 13.04. (Ostermontag) bis 24.05.2009 (kurz vor Pfingsten): Wien – Plattensee (Ungarn) – Donau entlang nach Belgrad – Sofia – Izmir – Istanbul – Konia – Antakya (Bus nach Gaziantep) – Damaskus – Irbid (Jordanien) – See Genezareth – Ramallah – Nethanja – Tel Aviv – Jerusalem – Besuche und Begegnungen in Bethlehem – Mit dem Flugzeug Tel Aviv – Wien – dann per Zug von Wien nach Bregenz
Lesen Sie gerne mehr dazu unter 3.712 Kilometer für den Frieden oder meinen Artikel: Frieden in Jerusalem bedeutet Frieden für die ganze Welt

 

alle nacht

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wie feinstes gewebe
naheklang und weiteton
seelenkette und
herzensschuss

gehen gegen unendlich
und kreuzen auf
alle horizonte zu

der segen des freundes
namenlos ist antwort
und heiligt: wiederkehrend
alle nacht

Die Freude ist subversiv oder vom Frieden in Jerusalem

Der Chefredakteur des Vorarlberger KirchenBlattes, Dr. Walter Buder, hat ein physisch-spirituell undenkbares Ding geschafft: Vom Ostermontag, 13. April, bis 20. Mai 2009 ist er mit einer Gruppe von 17 Gleichgesinnten vom Wiener Rathaus bis zum Damaskus-Tor am Rand der Altstadt Jerusalems geradelt. Jetzt erzählt er über die Ankunft im „armen, reichen, schönen Jerusalem” und spannt seinen essayistischen Bogen von inniger Freude bis zu den Worten des Papstes Benedikt XVI., die er anlässlich seines Besuches in der „Hauptstadt der Welt“ gefunden hat.

Wir sind von Norden her gekommen. Tags zuvor hatte es uns auf der Suche nach einem Quartier nach Netanya verschlagen. Die abendliche Brise verriet das Meer. Die letzte Nacht vor dem Ziel – der Schönen auf dem Berg, der Leuchtenden, der Heiligen, der Stadt der Städte. Von Null (Meter über dem Meer) auf Sechs- bis Achthundert. Hinauf, eben. Auf Spuren, die seit Jahrtausenden gelegt sind. So ziehen sie durch die letzten Gedanken vor dem Einschlafen – die Patriarchen, Propheten, die Heiligen und Wahnsinnigen, die Geschäftemacher und Kriegstreiber, die von Gier und Hass verkrümmten wie die von Heil und Schönheit und inniger Freude hingerissenen, die radikalen Realisten und die phänomenalen Träumer im Landstrich, dem Gott selbst unvergleichliche Referenzen erwiesen hat. Juden, Christen und Muslime aller Epochen singen in ihren Liedern davon, legen Bekenntnis davon ab. Das Land und die Stadt bergen für die Christen die Schauplätze der Ereignisse im Leben, Sterben und der Auferweckung des Juden Jesus und seiner einmaligen weltgeschichtlichen Sendung und verdienen gerade so eine ganz besondere und exquisite Devotion. Morgen also, Jerusalem…

Dieser Augenblick ist geworden. Wie alles, was in die Zukunft reicht. Auch an diesem einen Tag von der Sorte „Tag der Tage“ für mich. Wir sind durch die Ebene und das steinige, felsige, judäische Hügelland gekommen. Das aber ist – nicht erst seit gestern – von Israel besetztes Land. Palästinenserland. Kriegsgebiet. Okkupationsland. Rund 30 Kilometer Korridor. Eine Autobahn. Die Checkpoints. Die schönen, neuen Mauern und die mit schreienden Graffitis versprühten alten, die wir in Bethlehem gesehen haben. Tribut einer politischen Realität. Tribut für den verunsicherten, zuinnerst brüchigen und ewig verwundeten, unvernarbten Daseinsschmerz Israels, den dunkeläugige, unrasierte, schwarzhaarige, junge Männer und wunderschöne, starke junge Frauen wach halten. Sie steckenn in kugelsicheren Westen, tragen superleichte Maschinengewehre, revolverbestückte Gürtel und die im Asphalt schlafenden Stahlkrallen – das alles flüstert vom Stolz, dem Eigenwillen und den anscheinend unerschöpflichen Geldquellen, aus denen sie schöpfen können, um die Konfrontation mit der tagtäglichen, allgegenwärtigen Furcht zu bändigen, den (vermeintlichen?) Feind niederzuhalten und die Urangst vor der Auslöschung in superkaschierte Normalität zu verkleiden. Ist man deswegen Pilger/in?

Jerusalems Herz ist so groß wie die Welt. Das Leiden der Zeiten ist hier beherbergt. Wohnt in den Steinen, quillt aus allen Fugen der Mauern und Straßen. Wir sind früh am Morgen auf den Ölberg gegangen. Still sind wir gewandert, das Stephanustor hinaus, hinunter ins Kedrontal und dann wieder hinauf. Es war nicht mehr Nacht und der Tag hatte noch nicht begonnen. Eine kleine Stunde am oberen Rand des jüdischen Friedhofes, jenem Ort, wo der  Messias, wenn er kommt, auftauchen wird. Die neue Welt wird in Jerusalem ihren Anfang nehmen. Die neue Welt der Christen hat hier ihren Anfang schon genommen. Und jeder neue Anfang in Jerusalem ist immer auch der Anfang vom Ende irgendeiner alten Welt. Meiner, deiner, unserer, ihrer – das spielt wohl keine Rolle.
Während die ersten Sonnenstrahlen meinen Rücken wärmen und wir gleichzeitig die goldene Kuppel des Felsendomes und die hellweiß zu leuchten beginnende Stadtumfriedung (auch eine Mauer) erreichen, erahne ich die erste, die unvergessliche Liebe eines jeden  Gläubigen. Ich verstehe im Augenblick, dass wir sie immer (schon) ganz und gar besitzen,  nie mehr hergeben, nie mehr teilen wollen– und, eben, dass das gerade so nicht läuft. Die Ruhe vor dem Sturm des Tages und der Friede, so tief, wie nur das Auge im Hurrikan sein kann – Heil und Unheil, Segen und Fluch – Jerusalem, eben – wahrhaftig und wirklich.

Zum Damaskustor – es ist unser Zielpunkt für die Ankunft in Jerusalem – führen großzügige Straßen durch belebte Viertel. Es hieß früher Nablus-Tor. Aber nach Nablus – die Stadt liegt in den Palästinensischen Autonomiegebieten – hat man uns nicht hinein gelassen. Man hätte uns dort erwartet, tags zuvor. Palästinensische Familien hätten uns Obdach gegeben. Der Checkpoint bei Jenin war für diesmal und für uns das Ende der Welt, eine verschlossene Tür. Sie sagten einfach: NO. Ohne Rufezeichen. Gesichtslose Nachricht. Per Mobiltelefon. Okkupantensprache. Da half kein Diplomatengetue, kein Geraschel mit vielfach gestempelten und vorbereiteten offiziellen Papieren, kein Botschaftsgemache. Nur das ächzende, krächzende Gequietsche der Stahlrohrgittertür antwortete auf unser Friedenszeichen. Wie ein Echo unerhörter Zuneigung. Bedroht Freundschaft den Status quo? Gegenseitiges Wohlwollen, offen vertreten, ist verdächtig? Das Risiko des Friedens, gewöhnlichen, menschlichen Miteinanders ist zu hoch? Oder ist es die unkalkulierbare Sprengkraft möglichen Verständnisses, einer Begegnung? Hier ist Freude subversiv! Wir wissen: eine lange, verzwickte Geschichte verlorener, er- und verlernter Gegenseitigkeit. Oder eben, der Wahrheit die Ehre- verordnete Ungegenseitigkeit, gezielte Ungerechtigkeit, ständig wechselnde, momentane Auf-, Durch- und Unterbrüche verhindern systematisch auch nur den Gedanken an friedbereite Entspannung.

Armes, reiches, schönes Jerusalem. Am 21. Mai wurde gefeiert: Jerusalem-Day. Warum? Am 7. Juni 1967 annektierte Israel die östlichen (arabischen) Stadtgebiete. Heute: Beflaggte Häuser, massenweise junge Menschen, die sich – in Viererreihen an den Schultern gefasst, Parolen skandierend und Lieder schreiend durch ‚ihre‘ Altstadt wälzen. Keine Rücksicht. Auf nichts. Und niemand. Sie werden von ihren eigenen Leuten bewacht, die so die anderen Bürger Jerusalems vor ihnen beschützen. Gleichaltrige, hochgerüstet mit dem Outfit tödlich bereiter Gewalt, schwitzend, die Waffen im Anschlag, mit weit geöffneten, nach oben und vorne und rückwärts gerichteten Augen und halboffenen Mündern, wachsam auf- und wahrnehmend ziehen die Pulks vorbei an unserem Quartier, dem Austrian Hospiz, die Stationen der Via Dolorosa entlang.An der 5. Station des Christenkreuzweges, wo Simon von Cyrene Jesus das Kreuz tragen half, kommt es zum Stau. Solcher Lärm lässt an Schlimmeres denken und erinnert den europäischen Christen an dunkle Zeiten …

Noch nie in meinem Leben bin ich so erwacht. Nach 3.710 Kilometer bin ich mit 17 jetzt guten Bekannten und Freunden/innen über 23.118 Höhenmeter in rund 40 Tagen durch 7 Länder mit meinem Fahrrad gefahren. Ich gebe es zu: Um des lieben Friedens willen. Und – gleichbedeutend – um zu erfahren, was Pilgern bedeutet, was es bedeutet, Jerusalem zu sehen und zu spüren. Gedanken brauchen viel, viel mehr Zeit und Kilometer, um das nährend-befreiende Weizenkorn (das wohl nicht ohne den Glauben, die Religion wachsen wird!) im unübersehbaren Berg von politisch-religiöser Streu auch nur zu ahnen.

Päpstlicher als der Papst. Papst Benedikt XVI. hat im Rahmen der Empfangszeremonie seines Nahost-Besuches am 11. Mai 2009 genau die rechten Worte für (m)einen angemessenen Schlusssatz gefunden, einen Gedanken, der die Zeiten und Räume überbrückt und wesentlich konzentriert. Wie er, sehe ich mich „…in einer langen Reihe christlicher Pilger, die zu diesen Küsten kamen, eine Reihe, die weit zurück in die größten Jahrhunderte der Kirchengeschichte reicht, und die, ich bin mir sicher, weit in die Zukunft reichen wird“. Und diese tagtäglich anbrechende Zukunft vorwegnehmend, wage ich – schon heute, hier und jetzt – einen einen anfänglichen Gedanken an den Schluss zu setzen: Frieden in Jerusalem, bedeutet Frieden für die ganze Welt! 

 

warten wandelt

so steh ich vor dir / bewerfe
deinen morgenhellen tag / mit wünschen / unschuldig
wie neu gefallener schnee / und
gedanken / wie brücken aus licht /
und freude
trage dich / eine
wortlose hoffnung / hand in hand
vielleicht und schrittweise / zu einem
glauben mit fingern, die sehen / und
einem mit augen, die hören
und – / wer wagt es zu ahnen / vielleicht
brechen wir vom wunderbrot / und
lernen: warten
wandelt

Jetzt lassen wir es weihnachten

1

Die menschlichen Bemühungen, Weihnachten unterzukriegen, sind seit rund 1800 Jahren ebenso vielfältig wie – offensichtlich und wem immer sei Dank – nur beschränkt erfolgreich. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, feiern blutige Kriege, Not und Elend, Mord und Totschlag, Neid, Gier, Habsucht von den fernsten Fernen bis zur nächsten Nähe, im Großen wie im Kleinen, stets wiederkehrend und eigentlich: unaufhörlich und irgendwie zeitlos,  fröhliche Urständ.

2

Im Advent und um Weihnachten herum, scheinen diese Um- und Zustände irgendwie sinnfälliger zu werden. Die Wirklichkeit stört die Gemütlichkeit. Störungen haben (im Prinzip) Vorrang, klar! Alle Jahre wieder … Weihnachten als Störfall … Pardon, jetzt aber lassen wir es weihnachten … Auch wenn viele nicht so recht wissen, ob sie der biblischen Geschichte – „Ich verkünde Euch eine große Freude, die allen zu Teil werden soll: Heute ist der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr“ – trauen sollen, können, dürfen. Sehr viele, denen diese Geschichten ganz unbekannt sind, verspüren irgendwie die – für unsereins unvermindert berührende – wirksame Kraft von Weihnachten. Also: Freuet Euch!

3

„Da läuft vermutlich ein Programm im Hintergrund, das alles bremst“ bemerkte der IT-Techniker vor meinem in den letzten Wochen immer langsamer gewordenen Computer. Die Ahnung, Vermutung einer ‚ehrlichen Haut‘ ist doch irgendwie auch (!) eine anfängliche Wahrheit, oder? Beispiele: Da wäre der gute Josef – ohne seinen bestärkenden Traum, wäre er der Gewalt der öffentlichen Meinung gewichen! Oder die Mutter des göttlichen Kindes, die der sanften Gewalt des Boten Gottes nicht fraglos vertraute. Oder die Hirten – ganze Engelschöre gegen pastorale Schwerhörigkeit! Und die Weisen, sogar zu Dritt hätten sie sich verlaufen – ohne den Stern …

Geschieht das aus freien Stücken? Oder geheimnisvoll geleitet? Was soll’s – genau hinsehen, hinhören und nachspüren auf die Worte und Bilder der Weihnachtsgeschichten – ja, die Mehrzahl ist angebracht, denn jede der Figuren im biblischen Weihnachtsspiel hat ihre ureigenste, heilige Nacht, gerade wie eine jede und ein jeder von uns – dann beginnt die Quelle der Freude, das Kind in der Krippe nämlich, auf- und einzuleuchten. Das wäre also das „Programm“, das im Hintergrund läuft – aber eben, spürbar gehemmt ruckelt es und bremst.

4

Man werde „ohne Zweifel gerade in unseren Tagen das Gefühl nicht los, daß die Rechnung der Welt und unserer Geschichte nicht recht aufgeht“ schrieb Heinrich Schlier schon 1958 (!). Klingt ziemlich frisch, oder? Er spürt, dass „das Empfinden wächst, daß mit der zunehmenden Beherrschung des Lebens auf der Erde und der Weltverhältnisse ein drohendes Unbeherrschbares sich erhebt, daß trotz immer feineren Kalküls ein listig Unberechenbares jedenfalls mit dem einzelnen Menschen immer böser umspringt.“ Wer seine fünf Sinne (und meinetwegen den sechsten auch) beisammen hat, wird bedachtsam nicken. Und noch weiter (leise Verzweiflung): „Was hilft da schon Wissenschaft und modernes Selbstverständnis, das sich gegen jeden ‚Zugriff supranaturaler Mächte‘ (zu Deutsch: übernatürlich) wehrt, wenn da nun eben doch irgend etwas Unverfügbares über mich verfügt und und mir zwar meine ganze Modernität läßt, aber das Leben flach, elend und unheimlich macht?“ (**) Das klingt nach Programmbremse im Hintergrund, oder? Genau!

5

„Ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr“ läßt Theodor Storm seinen Knecht Ruprecht sagen und hat aus dem Haupt- ein Zeitwort gemacht. Also: „Fragt man Jugendliche, erzählt Frère Alois aus Taizé, „was ihnen zu ‚Weihnachten’ einfällt, ist es das Wort ‚Frieden‘ und selbst jene, die mit dem christlichen Glauben kaum vertraut seien, erinnern: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die er liebt!“ (Lk 2,14). Tja, sie hören – offenbar immer noch, und vielleicht besser als die Hirten? – die Engel singen! Und das rund 2000 Jahre nach der Premiere!
Zurück, in die Zukunft mit Ephräm, dem Syrer (Sie bemerken, bitte, den Hinweis!). Der Kirchenlehrer (306-373), preist die Heilige Nacht, die bis heute andauert, sowohl was ihre Dunkelheit als auch ihre Heiligkeit angeht: „Weihnachten kommt jedes Jahr wieder. Es wird mit den Alten alt und wird neu mit dem Neugeborenen. Es weiss, dass die menschliche Natur nicht auf es verzichten kann: Wie du, Jesus, so kommt es den gefährdeten Menschen zu Hilfe…“.Hier übertritt er die Schwelle vom Denken zum Beten, von der Nacht zum Heiligen und umgekehrt, getragen und getrieben vielleicht, ergibt er sich einer unermesslichen Sehnsucht, dem ‚ozeanischen Gefühl‘ vielleicht, wundersam und heilsam und überwältigend und findet diese Worte: „Die ganze Welt, o Herr, dürstet nach dem Tag deiner Geburt … er möge auch in diesem Jahr dir ähnlich sein und Frieden bringen zwischen Himmel und Erde.“ Und jetzt sagen wir – wenn Sie möchten (!) einfach miteinander unser Amen, und dann lassen wir es richtig weihnachten.

fröhliche wie-nacht all überall

1
wie gerät ein gott 
an (uns) menschen
 
wie ein kamel an drei weise
wie ein stern an den himmel
wie ein kind an die jungfrau
wie ein kind an drei könige
 
2
wie gerät ein mensch
an einen gott
 
wie ein weiser an ein kamel
wie der himmel an einen stern
wie die jungfrau an ein kind
wie drei könige an ein kind
 
3
wie gerät dein gott an dich und
wie du an ihn wie du zu dir
wie ich an mich und er zu ihr und ihm
und wir zu ihnen sie zu uns und ihr
und ihr
 
4
vielleicht mit fragen
vielleicht mit sagen
vielleicht 
 
_
©wlb_23.12.2019_v3

„…in die Versuchung geraten“

 

Seit dem 1. Adventsonntag beten französische Katholiken die 6. Vater-Unser-Bitte in einer neuen Form. Statt „führe uns nicht in Versuchung“ heißt es jetzt „lass‘ uns nicht in Versuchung kommen (eintreten, geraten)“ *. Hier und dort schlägt das Wellen.

Von Walter L. Buder

Die Neuformulierung ist von den französischen Bischöfen in aller Ruhe vorbereitet worden und mit Beginn des Kirchenjahres – am 1. Adventsonntag, 3. Dezember 2017 – in Kraft getreten. Weil die Vater-Unser-Bitte ja Teil der Bibel ist (Mt 6,9f. und Lk 11,2f.), war die 2013 von Rom approbierte Einheitsübersetzung mit ein Grund für die Änderung in der Liturgie. In der Folge war die Übersetzung des Missale Romanum abzuwarten, Voraussetzung für die reguläre Wirksamkeit der Einführung einer Neuformulierung. Andere französischsprachige Diözesen (Belgien, Benin) hatten den neuen Text bereits zu Pfingsten 2017 eingeführt. Die Wahl des 1. Advent für die Einführung in der französischen Kirche stehe für die „Kirchlichkeit“ des Vorgangs. Auch die anderen christlichen Kirchen (CÈCEF = Rat der Christlichen Kirchen Frankreichs) sind dabei. Die Einladung Christi, „dass alle eins seien“ (Joh 17,21) werde auf diese Weise augenfällig.

Mehrdeutigkeit
Die nunmehr „alte“ Version war 1966 im Windschatten des 2. Vatikanums als ökumenischer Kompromiss gefunden worden. Die Formulierung „unterwerfe (soumettre) uns nicht der Versuchung“ könnte den Eindruck erwecken, als ob „eine gewisse Verantwortlichkeit Gottes in der Versuchung, die zur Sünde führt, bestünde, so als ob Gott Urheber des Bösen wäre“, erklärt der Grenobler Bischof Guy de Kerimel, Präsident der bischöflichen Kommission für Liturgie und Sakramentenpastoral. „Die Formel war unter exegetischen Gesichtspunkten nicht fehlerhaft, doch sie ist von Gläubigen oft falsch aufgefasst worden.“ Man hoffe, mit der jetzigen Version „aus der Zweideutigkeit herauszukommen“.

Apostolische Erinnerung
Auch wenn die neuformulierte Bitte in „Treue zum griechischen Urtext“ und ohne jeden Zweifel ganz im „Geist des Evangeliums“ erarbeitet und entschieden worden ist, ist es gut, an die klare Ansage zum Thema aus dem Jakobusbrief, zu erinnern: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt, denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung.“ (Jak 1,13) Die apostolische Mahnung aus frühen Zeiten lässt erkennen, dass die Versuchung gegeben ist, (einem oder seinem) Gott etwas zuzuschieben, das man selbst zu tragen nicht bereit ist oder meint, es nicht tragen zu können, zu sollen oder zu müssen. An dieser Stelle wird deutlich, dass die französischen Bischöfe mit ihrem Vorgang vor allem die „pastorale Dimension“ kirchlichen Handelns im Auge hatten.

Gottesbilder
Papst Franziskus hat sich am Nikolaustag in das im deutschsprachigen Raum schon lange schwelende Gespräch zu diesem Thema eingeklinkt. Er bestärkte die französische Variation und kritisierte das deutsche „und führe uns nicht in Versuchung“, in der er Gott in der Rolle des Verführers angedeutet sieht. Wie am Echo auf seine Intervention in den namhaftesten Medien im deutschsprachigen Raum zu erkennen war, hatte er wieder einmal „Tacheles“ geredet. Nicht zu Unrecht, weil er sehr vielen katholischen Frauen und Männern, denen das „Gebet des Herrn“ am Herzen liegt, zutiefst „aus der Seele“ gesprochen hat.
Es ist ein erfrischendes Wehen, das da aus Frankreich – verstärkt aus Rom und den Erfahrungen vieler Christen – herüberkommt. «

*) In Französisch:  Das „ne nous soumets pas à la tentation“ wird zu „ne nous laisse pas entrer en tentation“.
Der Text ist im Vorarlberger KirchenBlatt Nr. 50 vom 14. 12. 2017 erschienen.

manche warten lang

 

manche warten lang/

und wenn ein schweigen aufgeht /

unverhofft erblüht /

weiß keiner / wohin

mit den lasten der liebe

voll süßer schwere /

dankbar und wortlos

fruchtet / ein bitteres glück:

nachzügler sind wir

zeitloser untrost /

rettet im voraus und bleibt /

stille ergebung

unerschütterlich /

das große gehen leben. /

manche warten lang.

 

für e.l.
aus: zeichenflug. collection nr. 1

adventagenda (9)

leuchte-kraft

aus allen wolken / auf alle straßen
und auf alle himmel / erdwärts

falle / licht der welt
wirf / ein licht der welt
entgegen

falle / hab kein gewicht
sei / ohne schwere und / light
hell sei / wie nichts / wie nichts

komme / durch jede ritze
schmerz und / um die wette
strahle / leuchtend

wandle / finsternis in schatten / und
reiße auf / die schatten aus
dem samtnen dunkel / zugedeckt
in aller stille /

lichte/ immerstille
leuchte

_
© wlb_13122017 (v3)  
Mehr zu dich.

 

Gewaltfrei – für Frieden in Gerechtigkeit

100 Jahre Gewaltlosigkeit und Pazifismus: In einer eigenartigen Gleichzeitigkeit mit dem Beginn des 1. Weltkrieges, ist in den Augusttagen des Jahres 1914 in Konstanz am Bodensee der „Internationale Versöhnungsbund“ (engl. International Fellowship of Reconciliation) ins Leben gerufen worden. Seit 1919 gibt es IFOR als internationale Friedensbewegung; der österreichische Zweig ist 1921 gegründet worden. Die Gewaltfreiheit bestimmt die Geschichte und Gegenwart der Organisation auf allen Ebenen. Ein kleiner Einblick.

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In den Augusttagen 1914 fieberten die Nationen Europas ihrem großen, ersten Krieg entgegen. Die Politik hatte nichts ausgelassen, um ihn vorzubereiten. Aus Pflugscharen wurden Kanonen geschmiedet und Menschen – zu Soldaten gemacht – waren deren Futter. Für Gott, das Vaterland und den Kaiser (oder König) lohne es sich zu sterben war die Devise. Selbst die geistliche Macht der Bischöfe und Priester stellte sich in den Dienst der Kriegsfurie und segnete die Waffen wie die opfer- und gewaltbereiten Krieger. Kriegserklärungen waren ein Grund zum Jubel, in dem das flackernde Menetekel des Krieges an der Wand der Zeit bedeutungslos schien.

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Zur selben Zeit tagte in Konstanz am Bodensee eine internationale Konferenz von Christen verschiedener Konfessionen. Sie waren überzeugt, dass Krieg zutiefst und zuinnerst dem Geist Jesu Christi zuwider steht. Der Kriegsausbruch erzwang zwar den Abbruch des Treffens, doch ein Same des Friedens war gelegt. Henry Hodgkin, ein britischer Quäker und der deutsche Lutheraner Friedrich Siegmund-Schulze besiegelten per Handschlag, im kommenden Krieg nicht gegeneinander zu kämpfen und so der Friedensbotschaft Christi treu zu bleiben. Das gilt als die Geburtsstunde des Internationalen Versöhnungsbundes. Man schrieb den 3. August 1914. Am Tag darauf erklärte England Deutschland den Krieg. Die Wiege des „Babys“ stand 1915 in England und den USA. Die Zweige aus 10 Ländern schlossen sich 1919 zum Internationalen Versöhnungsbund zusammen. Inmitten des Kriegstaumels jener Tage – eigenartige Synchronizität (!) – findet sich auch der Auftakt zu den ersten „100 Jahre(n) für Gewaltfreiheit“ (1).

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Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit geschieht – damals wie heute – auf der Basis einer persönlichen – humanistisch und/oder spirituell begründeten Entscheidung für den Weg aktiver Gewaltfreiheit. Diese Grundhaltung wird vom IVB durch (Aus)Bildung in Praxis und Theorie vermittelt. Nahe an den alltäglichen Konflikten, zielt diese kontinuierliche Arbeit darauf ab, Menschen für den Weg der Friedfertigkeit stark zu machen. Nicht „mit den Wölfen zu heulen“ sondern die eigene Stimme zu finden, ihr zu vertrauen und sie zu erheben, das meint, sich im pro-aktiven Widerstehen zu üben: Für eine aktive, gewaltfreie Friedenspolitik in Österreich
Für die Abschaffung des Bundesheeres (fast 3000 Österreicher/innen haben die IVB Petition unterstützt)
Für ein Verbot von Nuklearwaffen
Für Abrüstung und gegen Waffenhandel

Die Begleitung gewaltfreier Aktionen und Initiativen in Kolumbien oder Israel/Palästina, wo Menschen nur mit den „Waffen des Geistes“ um gerechte Lösungen oder ihre Menschenrechte kämpfen. In den Ländern Ex-Jugoslawiens begleiten wir langwierige, schwierige und schmerzliche Prozesse der Versöhnungsarbeit. Kooperationen und Projektpartner erschaffen mit anderen NGOs gehören zum ‚Alltag‘.

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Die entscheidende, lebendige Mitte des Engagements im IVB, liegt im Glauben, „dass der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen die Zukunft gehört.“ In völliger Übereinstimmung mit einer „Wolke der Zeugen“ (Hebr 12,1) aus seiner Tradition – Bertha von Suttner, Mahatma Ghandi, M. L. King, Mairead Corrigan-Maguire, Adolfo Pérez-Esquivel, Jean und Hildegard Goss-Mayr um nur einige wenige zu nennen – sucht der IVB diesem Erbe in Tat, Wort und Wahrheit zu entsprechen. „Wir müssen den Weg der Gewaltlosigkeit gehen lernen“ und „für einen Aufstand der Friedfertigkeit“ bereit sein. (…) Es ist eine Botschaft der Hoffnung, dass die Gesellschaften unserer Zeit Konflikte durch gegenseitiges Verständnis in wachsamer Geduld werden lösen können – auf der Grundlage unabdingbarer Rechte, deren Verletzung, von welcher Seite auch immer, unsere Empörung auslösen muss.“ (2)

(1) Motto des Grundungsjubiläums vom 1. bis 3. August 2014 in Konstanz am Bodensee.
(2) zit. nach: Stéphane Hessel, Empört Euch! Berlin (Ullstein) 2011. 8. Aufl., S. 18ff. 

 

vom bekommen

Die katholischen Christen der Diözese Innsbruck haben einen neuen Bischof bekommen.  An einem Bischof ist nicht unwesentlich, dass die Gläubigen einer Diözese ihn „bekommen„. Man kann ihn sich nicht aussuchen oder gar – wie ziemlich einige möchten, meinen, hoffen, ersehnen und/oder glauben – wählen. Der poetische Kommentar steht aktuell im Spielraum zwischen der Freiheit des Christenmenschen und dem im Schatten der Zeit gewachsenen Dickicht der Traditionen römisch-vatikanischer Personalpolitik.

 

spruch des briefträgers
_

jeder bekommt von mir
was ihm zusteht.
kein bisschen mehr.

was ihm zusteht bestimme nicht ich.
was einem zusteht, bestimmen
die anderen.
doch was einem zusteht

bekommt er oder sie von diesem
aber durch mich. ich stelle briefe zu.

die zustellung geschieht ohne rücksicht auf
inhalt und form. was gegeben
werden will bestimme nicht ich.

was gegeben werden will
bestimmen die anderen. inklusive das
was zwischen, über, unter oder
hinter den zeilen steht oder stehen kann
oder soll

das alles
sagt der briefträger, geht mich nichts an.
das habe nicht ich zu bestimmen oder bestimmt.
das haben andere bestimmt.
meine zuneigung
endet am briefkasten. manchmal nur, schimmert ein gedanke
von unglück für jene, die ein postfach haben.
sie können nicht warten
_

aus dem Gedichtband dich. Lesen Sie mehr dazu!

Friedensradfahrten seit 2009

2017 auf den Spuren der Täuferbewegung von Augsburg nach Wittenberg

Anlass: Rückführung des Artikel 16 der Confessio Augustana (CA)
Zeitspanne: 01.09. – 10.09. 2017
Strecke: Augsburg – Nürnberg – Bamberg – Lützen – Naumburg – Wittenberg

Lesen Sie dazu meinen Artikel online auf der Seite der Katholischen Kirche Vorarlberg: „CA 16“ wäre besser in Wittenberg geblieben

 

2014:  Von Wien nach Konstanz – 100 Jahre „Internationaler Versöhnungsbund“ 

Anlass: 100 Jahre IFOR – International Fellowship of Reconciliation (1914 – 2014) –
Zeitspanne: 20.07. – 31.07. 2014
Strecke: Wien – Kleinmariazell – St. Pölten – Grein – Linz – Altheim – Salzburg – (Kufstein – Innsbruck – Landeck) – Arlberg – Feldkirch – Bregenz – Lindau – Friedrichshafen – Konstanz

Lesen Sie den Artikel: Gewaltfrei – für Frieden in Gerechtigkeit

 

2012: Auf Achse für Frieden und Abrüstung von München nach Konstanz

Anlass: Protestaktion der DFG_VgKG gegen deutsche Rüstungsbetriebe
Zeitspanne: 01. – 12.08. 2012
Strecke: München – Kaufbeuren – Möggers – Lindau – Friedrichshafen – Überlingen – Konstanz

 

2011:  Friedensradfahrt von Wien nach/in Bosnien-Herzegowina

Anlass: Organisiert vom österreichischen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes 
Zeitspanne: 02.09. – 21. 09. 2011 (UNO-Weltfriedenstag in Sarajevo) 
Strecke:  Wien – Banja Luka – Mostar – Sarajevo – Tuzla – Sarajevo

2011: Von Mostar – Neum (BiH) – Kroatische Küste bis Rijeka

Zeitspanne: 23.09. – 06.10. 2011
Strecke: Sarajevo – Mostar (Bus) / Mostar – Medjugorje – Neum – Kroatien – Makarska Riviera – Split – Primošten – Ṧibenik –  Pirovac – Pakoŝtane – Biograd – Zadar – Ražanac – Pag – Kolan – Novaljia –  Karlobag – Senji – Rijeka – per Zug nach München – Bregenz

Lesen Sie den Artikel: Strampeln für Versöhnung Frieden in BiH

2009 auf den Spuren des Friedens im Nahen Osten von Wien nach Jerusalem

Zeitspanne: 13.04. (Ostermontag) bis 24.05.2009 (kurz vor Pfingsten)
Strecke: Wien – Plattensee (Ungarn) – Donau entlang nach Belgrad – Sofia – Izmir – Istanbul – Konia – Antakya (Bus nach Gaziantep) – Damaskus – Irbid (Jordanien) – See Genezareth – Ramallah – Nethanja – Tel Aviv – Jerusalem – Bethlehem mit dem Flugzeug Tel Aviv – Wien – dann per Zug Wien nach Bregenz

Lesen Sie dazu: Frieden in Jerusalem bedeutet Frieden für die ganze Welt oder sehen Sie den Film zur der Reise unter: 3.712 Kilometer für den Frieden

Im Glashaus mit Gedichten werfen …

Bregenz. Donnerstag, 19. Oktober 2017. 19 Uhr. Der Abendhimmel in goldrot, die Sonne versinkt im Westen. Der Weg zum Glashaus ist mit Leuchtkerzen ausgezeichnet. In der hellen Dämmerung sieht man weisse Stehtische auf denen Sonnenblumen in Vasen stehen. Wer möchte, bekommt einen Aperitif. Das Ambiente sei „hinreissend“ und „berückend“ hört man schon bevor die Protagonisten ans Werk gehen.

Die traditionsreiche Marienberger Gärtnerei mit ihrem Glashaus aus dem Jahre 1880 ist in fast allen Details originalgetreu erhalten. Nikolai Jochum, der Gärtner und Pächter der Gärtnerei hat einen ausgeprägten Sinn für Kultur, vergibt ’sein‘ Glashaus zeitweilig und bevorzugt an die Chefin der Pfarrbücherei St. Gallus, Roswitha Wiltschi, die mit ihrer Partnerin Anja Wertl, hier ‚solche‚ Abende organisiert.  Die wahrhaft‚einnehmende‘ Situation fordert eine gewisse Passgenauigkeit von den Protagonisten.

Monika Brunner-Scherbaum (Cello) und ihr kongenialer Partner, Paul Becker (Gitarre), bringen Musik von Antonio Vivaldi zu Gehör– ein Ohrenschmaus! Die literarisch-lyrische Performance meiner Texte fühlt sich klanggetragen an, hilft der Empathie, schenkt Ernst und Tiefe ohne die Schwere zu leugnen, die manchen Texten – manche mit sinnigen Widerhaken – eingeschrieben scheint. Sie verlangen den zweiten Atem, das nochmalige Hinschauen, das Wieder-Holen des Gehörten, gefiltert und pointiert durch die Erfahrung der Hörer und Seher.  Ja, die Texte sind voller Anspruch aber auch Zuspruch, der sich ‚mit der Zeit‘ entfaltet, besonders wenn man “ins Hören kommt” und dann eine unerwartete Leichtigkeit erkennen lässt.

Die Arbeiten aus der ‘Dialekt-Schublade’ sind nur teils veröffentlich. Manchmal bietet sich die „Übersetzung“ aus der Hochsprache in den Dialekt – und auch umgekehrt an, versuche ich das Gefühl fürs Übersetzen zu vermitteln. Wie in den hochsprachlichen Miniaturen und Szenen “blühen” auch hier die Wörter, Phrasen und Sätze in einer ganz eigenen „verschlossenheit entlang“.

Beim Umtrunk wird eine Art ‚open end‘ eröffnet. Das Gespräch kommt in Gang, die Gäste reden untereinander und mit dem Autor, Freunde werden begrüßt und im Kennen-Lernen gewonnen. Die Aufmerksamkeit des Publikums im voll besetzten Glashaus trägt noch, klingt aus in den Gesprächen und bestätigt live: “der anfang ist immer das wort”, dessen Wirklichkeit und Wahrheit sich in diesem abendlichen Verweilen und im heiteren Miteinander – wie selbstverständlich (?) – erwiesen hat.

Roswitha Wiltischi und Anja Wertl setzen viel Zuneigung in und Energie in ihre Idee. Umso schöner ist, dass sie mit Freude registrieren konnten, dass ihre Idee mit den literarischen Abenden im Glashaus auf fruchtbaren Boden gefallen ist – was in einer Gärtnerei kein Wunder sein mag und bei einem klugen Gärtner wie Nikolai Jochum auch nicht – aber insgesamt als durchaus bemerkenswert eingestuft werden muss.

Mir – dem eingeladenen Schreiber – wurde ein wunderbarer Rahmen geboten, der in jeder Hinsicht dazu angetan war, meinen Gedichten einen Weg zu bereiten, eine Möglichkeit zu eröffnen oder eigentlich: ein Glück zuzufügen!

Viele Gäste im Glashaus

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Der Leseabend bescherte ein volles Haus.

 

Maria, die so genannte Magdalenerin

Spannend wie Dan Browns Thriller – nur eben realistischer, lebensnäher, wichtiger. Besser eben! – Eine Leseempfehlung (1)

Sie ist – neben der Mutter Jesu – die herausragende Frauengestalt im Zweiten Testament, in den Ostererzählungen spielt sie eine zentrale Rolle: Maria aus der Stadt Magdala. Johannes, der Evangelist, schildert eine der berührendsten biblischen Szenen, als der auferstandene Jesus – sie hält ihn für den Gärtner – auf sie zukommt und sie anspricht: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Markus verewigt sie als jene, aus der Jesus „sieben Dämonen ausgetrieben“ hatte. Diese Frau aus der Stadt Magdala, eine geheilte „Besessene“ mit einer speziellen Beziehung zu Jesus? Die „Büßerin“ und namenlose „Sünderin“ (obwohl sie an keiner Stelle in den Evangelien so bezeichnet wird) und die Schwester der Marta und des Lazarus – sind das drei Frauen, wie die Aufklärung behauptete, oder eine – wie P. Wrembek mit exegetischen Methoden wissenschaftlich nachweist?

Das ist der Stoff. Die biblischen Geschichten um die „so genannte Magdalenerin“ und was es im Laufe der Jahrhunderte an Legenden, Viten, richtigen und irrigen Forschungsergebnissen, sinnreichen und sinnlosen Deutungen gegeben hat. Der Exerzitienmeister P. Wrembek in der Schule des Ignatius von Loyola kennt die Wege der Seele, weiß um die so oft brach liegende Kraft der Vorstellung und er ist ein wunderbarer Erzähler. Die Exkurse, der systematische Aufbau, die Wahl der sprachlichen Ebene, das theologische Niveau – das alles ist kompakte, kräftige Nahrung für zeitgeistig motivierten Hunger und Durst nach Klarheit in Glauben, Religion und Spiritualität.

Spürbar ab der ersten Zeile. Wrembek gibt zu: Er verehrt diese Frau, ihr unerforschbares Geheimnis ebenso wie die vielen erforschbaren Details. Der variantenreiche biblische Bilder-Mix „Sünderin/Büßerin“ wird sprachlich, technisch, archäologisch, exegetisch, theo- und soziologisch bearbeitet. Er zeigt, dass er nur funktioniert, wenn die Maria aus Magdala mit jener Frau identifiziert wird, von der Lukas (7, 36 ff.) erzählt, dass sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechenden Öls bei Simon dem Pharisäer auftaucht, um Jesus die Füße zu salben. „Dabei weinte sie, (…) trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.“ Für P. Wrembek wird klar: Maria aus Magdala, die „Sünderin“ und Maria, die Schwester von Marta und Lazarus in Bethanien (denn auch sie salbte Jesus mit kostbarem Nardenöl) sind ein und dieselbe Person. Die Szene mit der „Sünderin“ habe sich mit hoher Gewissheit in Magdala/Tarichea, einer römisch-hellenistisch geprägten Stadt am See Gennesaret, abgespielt. Er studiert die sozialen Verhältnisse und zeichnet die Züge einer erfolgreichen Geschäftsfrau – für thoratreue Juden zu dieser Zeit durchaus eine „Sünderin“.

Spurensuche. Dennoch, so ungezwungen sie Jesus die Füße salbe, folgert Wrembek, könne das nur eine Frau mit viel Erfahrung im „Umgang mit dem Körper“ sein, dem eigenen wie dem fremden. Und so schließt er aus den Daten und Fakten: Die „so genannte Magdalenerin“ sei als Hetäre zu Vermögen gekommen, habe sich von diesem Leben losgesagt und in der Begegnung mit Jesus – als sie ihm die Füße salbt – „innerlich aufgewühlt“ auf den langen Heilungsweg des Glaubens eingelassen. Jesus aber sagt in dieser Szene zum Gastgeber dieses Wort: „Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat“ – und gibt so dem Bild des bedingungslos liebenden Gottes Ausdruck. Die vielen aufschlussreichen Details aus jüdischen, römischen und hellenistischen Lebens- und Glaubensvorstellungen machen das Verhalten, Denken und die Reaktionen der Menschen anschaulich. Wrembek geht wie ein Kriminalist jeder Spur nach, gräbt tiefer, wo andere Exegeten (die er ausführlich zitiert) längst aufhören, zieht überraschende Schlüsse, greift in Exkursen weit aus.

Tatkräftig. Nicht zur Freude aller! Maria von Magdala gehört zu den ersten Frauen, die Jesus nachfolgten; ihr begegnet der Auferstandene als Erster. Sie hatte das Sagen im „Organisationsstab der Jesusbewegung“, einer Gruppe selbstbewusster vermögender Frauen. Die Magdalenerin leitete dieses „starke Team“ und – Wrembek macht deutlich – weder zur Freude der Evangelisten, noch der Apostel, noch der Männer. Wrembeks Buch zu lesen ist ein Erlebnis; für Kopf und Herz. Zwischen Wissenschaftskrimi und geistlichem Abenteuer angesiedelt ist es eine packende 533-Seiten-Übung im kritischen Denken, genauen Schauen, präzisen Hinhören, Deuten und Lesen. Spannend wie Dan Browns Thriller – nur eben realistischer, lebensnäher, wichtiger. Besser eben! Also: Nicht versäumen!

(1) Christoph Wrembek: Die sogenannte Magdalenerin. Maria Magdalena – die namenlose Sünderin und die Schwester der Marta und des Lazarus. Benno Verlag, Leipzig 2008. 533 Seiten, 24,50 Euro.

 

3.712 Kilometer für den Frieden

Friedensradfahrt von Wien nach Jerusalem (Ostermontag, 13. 04. 2009 bis 24. 05. 2009)

Mit 17 MitradlerInnen habe ich mich am Ostermontag, den 13. April 2009 auf den Weg zur Friedensradtour nach Jerusalem gemacht, um kurz vor Pfingsten, am 24. Mai 2009, wohl behalten und mit vielen Geschichten, Erlebnissen und Eindrücken im Gepäck zurück zu kehren.

Die Reiseroute: Wien – Plattensee (Ungarn) – Donau entlang nach Belgrad – Sofia – Izmir – Istanbul – Konia – Antakya– mit dem Bus nach Gaziantep – Damaskus – Irbid (Jordanien) – See Genezareth – Ramallah – Nethanja – Tel Aviv – Jerusalem. Besuche und Begegnungen in Bethlehem. Mit dem Flugzeug Tel Aviv – Wien – dann per Zug von Wien nach Bregenz.

Mich hat diese Reise mit dem Fahrrad tief bewegt und innerlich verändert. 

Lesen Sie mehr dazu in meinem Artikel: Frieden in Jerusalem, bedeutet Frieden für die ganze Welt.

Weitere Reiseberichte in Buchform von Friedensradfahrern:

  • Dieter Zumpfe,  Ins Meer der Freiheit. Bucher-Verlag, Hohenems 2010. Die Buchbeschreibung lesen Sie unter folgendem externen Link: Ins Meer der Freiheit
  • DDr. Josef Mann, Nie wieder Jerusalem! Ein Reisebericht. Mann & Skript-Verlag, Sommerein 2010.
    Mehr zum Reisebericht lesen Sie unter externen Link: Nie wieder Jerusalem! 

Werner Ertl überreicht beim Empfang beim Patriarch Batholomaios I. unser  T-Shirt mit dem Emblem der Friedensradfahrt. Mit den Worten: „Ihr seid wahrhafte Friedensstifter!“ überreichte er  jedem Einzelnen eine kleine Erinnerungsmedaille.

Werner Ertl (im roten Anorak, Bildmitte, ganz vorne) am Tag 18 (Do 30. April 2009) der Friedensradfahrt. Mit der Fähre geht es über die Marmarameerenge nach Yalova und weiter nach Yenisehir.

In memoriam Werner Ertl

Wir verdanken dieses wunderbare Erlebnis unserem begeisternden Radler- und Friedensfreund Werner Ertl, der die Friedensradfahrt initiiert und inspiriert hat. Werner war Journalist mit Leib und Seele und ein besonders spirituell begabter Mensch. Anfang Juli 2011 hat er das Zeitliche gesegnet und ist im großen Frieden geborgen. Mein R.I.P. sage ich hier nicht ohne Trauer im Herzen aber voller Dankbarkeit für die gemeinsamen Tage. (WLB)