© Ulrike Buder-Gassner

Jetzt lassen wir es weihnachten

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Die menschlichen Bemühungen, Weihnachten unterzukriegen, sind seit rund 1800 Jahren ebenso vielfältig wie – offensichtlich und wem immer sei Dank – nur beschränkt erfolgreich. Abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, feiern blutige Kriege, Not und Elend, Mord und Totschlag, Neid, Gier, Habsucht von den fernsten Fernen bis zur nächsten Nähe, im Großen wie im Kleinen, stets wiederkehrend und eigentlich: unaufhörlich und irgendwie zeitlos,  fröhliche Urständ.

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Im Advent und um Weihnachten herum, scheinen diese Um- und Zustände irgendwie sinnfälliger zu werden. Die Wirklichkeit stört die Gemütlichkeit. Störungen haben (im Prinzip) Vorrang, klar! Alle Jahre wieder … Weihnachten als Störfall … Pardon, jetzt aber lassen wir es weihnachten … Auch wenn viele nicht so recht wissen, ob sie der biblischen Geschichte – „Ich verkünde Euch eine große Freude, die allen zu Teil werden soll: Heute ist der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr“ – trauen sollen, können, dürfen. Sehr viele, denen diese Geschichten ganz unbekannt sind, verspüren irgendwie die – für unsereins unvermindert berührende – wirksame Kraft von Weihnachten. Also: Freuet Euch!

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„Da läuft vermutlich ein Programm im Hintergrund, das alles bremst“ bemerkte der IT-Techniker vor meinem in den letzten Wochen immer langsamer gewordenen Computer. Die Ahnung, Vermutung einer ‚ehrlichen Haut‘ ist doch irgendwie auch (!) eine anfängliche Wahrheit, oder? Beispiele: Da wäre der gute Josef – ohne seinen bestärkenden Traum, wäre er der Gewalt der öffentlichen Meinung gewichen! Oder die Mutter des göttlichen Kindes, die der sanften Gewalt des Boten Gottes nicht fraglos vertraute. Oder die Hirten – ganze Engelschöre gegen pastorale Schwerhörigkeit! Und die Weisen, sogar zu Dritt hätten sie sich verlaufen – ohne den Stern …

Geschieht das aus freien Stücken? Oder geheimnisvoll geleitet? Was soll’s – genau hinsehen, hinhören und nachspüren auf die Worte und Bilder der Weihnachtsgeschichten – ja, die Mehrzahl ist angebracht, denn jede der Figuren im biblischen Weihnachtsspiel hat ihre ureigenste, heilige Nacht, gerade wie eine jede und ein jeder von uns – dann beginnt die Quelle der Freude, das Kind in der Krippe nämlich, auf- und einzuleuchten. Das wäre also das „Programm“, das im Hintergrund läuft – aber eben, spürbar gehemmt ruckelt es und bremst.

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Man werde „ohne Zweifel gerade in unseren Tagen das Gefühl nicht los, daß die Rechnung der Welt und unserer Geschichte nicht recht aufgeht“ schrieb Heinrich Schlier schon 1958 (!). Klingt ziemlich frisch, oder? Er spürt, dass „das Empfinden wächst, daß mit der zunehmenden Beherrschung des Lebens auf der Erde und der Weltverhältnisse ein drohendes Unbeherrschbares sich erhebt, daß trotz immer feineren Kalküls ein listig Unberechenbares jedenfalls mit dem einzelnen Menschen immer böser umspringt.“ Wer seine fünf Sinne (und meinetwegen den sechsten auch) beisammen hat, wird bedachtsam nicken. Und noch weiter (leise Verzweiflung): „Was hilft da schon Wissenschaft und modernes Selbstverständnis, das sich gegen jeden ‚Zugriff supranaturaler Mächte‘ (zu Deutsch: übernatürlich) wehrt, wenn da nun eben doch irgend etwas Unverfügbares über mich verfügt und und mir zwar meine ganze Modernität läßt, aber das Leben flach, elend und unheimlich macht?“ (**) Das klingt nach Programmbremse im Hintergrund, oder? Genau!

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„Ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr“ läßt Theodor Storm seinen Knecht Ruprecht sagen und hat aus dem Haupt- ein Zeitwort gemacht. Also: „Fragt man Jugendliche, erzählt Frère Alois aus Taizé, „was ihnen zu ‚Weihnachten’ einfällt, ist es das Wort ‚Frieden‘ und selbst jene, die mit dem christlichen Glauben kaum vertraut seien, erinnern: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die er liebt!“ (Lk 2,14). Tja, sie hören – offenbar immer noch, und vielleicht besser als die Hirten? – die Engel singen! Und das rund 2000 Jahre nach der Premiere!
Zurück, in die Zukunft mit Ephräm, dem Syrer (Sie bemerken, bitte, den Hinweis!). Der Kirchenlehrer (306-373), preist die Heilige Nacht, die bis heute andauert, sowohl was ihre Dunkelheit als auch ihre Heiligkeit angeht: „Weihnachten kommt jedes Jahr wieder. Es wird mit den Alten alt und wird neu mit dem Neugeborenen. Es weiss, dass die menschliche Natur nicht auf es verzichten kann: Wie du, Jesus, so kommt es den gefährdeten Menschen zu Hilfe…“.Hier übertritt er die Schwelle vom Denken zum Beten, von der Nacht zum Heiligen und umgekehrt, getragen und getrieben vielleicht, ergibt er sich einer unermesslichen Sehnsucht, dem ‚ozeanischen Gefühl‘ vielleicht, wundersam und heilsam und überwältigend und findet diese Worte: „Die ganze Welt, o Herr, dürstet nach dem Tag deiner Geburt … er möge auch in diesem Jahr dir ähnlich sein und Frieden bringen zwischen Himmel und Erde.“ Und jetzt sagen wir – wenn Sie möchten (!) einfach miteinander unser Amen, und dann lassen wir es richtig weihnachten.

leo s.

Lustige Geschichte. Macht Freude beim Lesen. Irgendwie auch spannend. _Leo